Stadtparlament
Ohne Aufwärmen ins Präsidium: Das St.Galler Stadtparlament wählt Jürg Brunner einstimmig zum neuen Präsidenten

Die Vorgeschichte war turbulent. Die Wahl verlief harmonisch und einmütig: Nach dem abrupten Rücktritt von Christian Neff wählte das Stadtparlament Jürg Brunner einstimmig zum höchsten St.Galler.

Julia Nehmiz
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Frischgewählt: Jürg Brunner (SVP) ist nun offiziell höchster Stadtsanktgaller. Er präsidiert das Stadtparlament für ein Jahr.

Frischgewählt: Jürg Brunner (SVP) ist nun offiziell höchster Stadtsanktgaller. Er präsidiert das Stadtparlament für ein Jahr.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 11. Januar 2022)

Er selber wählte sich nicht. Dafür aber alle anderen. Das Stadtparlament stellte sich an der ersten Sitzung im neuen Jahr geschlossen hinter den neuen Präsidenten des Stadtparlaments. Ohne Gegenstimme, mit nur Brunners eigener Enthaltung, wählte das Parlament den SVP-Politiker Jürg Brunner zum höchsten Stadtsanktgaller.

Nach der turbulenten Vorgeschichte um den Rücktritt des Vize-Präsidenten Christian Neff, der wegen der Diskussionen um seinen Impfstatus von allen politischen Ämtern Ende Jahr überraschend zurückgetreten war, schien es, als wollten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier Ruhe hineinbringen. Eva Crottogini (SP) stand extra auf, um der abtretenden Präsidentin Alexandra Akeret und dem Parlament mitzuteilen, dass ihre Stimme nicht gezählt worden war (die Anlage muckte ein wenig auf), dass sie aber Jürg Brunner auch gewählt habe. Zwei weitere Parlamentarier (Grüne, SP) streckten ebenfalls auf, und zwei SVP-Vertretern, deren Stimme ebenfalls nicht gezählt worden war, hatten natürlich ebenfalls für Brunner gestimmt.

Von Sehschwächen und erhofftem Weitblick

Um 16:24 Uhr brandet Applaus auf. Jürg Brunner ist gewählt, Alexandra Akeret gratuliert, ein riesiger Blumenstrauss wird ihm in die Hand gedrückt, Akeret räumt ihren Platz, Brunner rückt auf den Präsidiumsplatz in der Mitte. Alexandra Akeret geht zurück ins Plenum, Reihe drei ganz aussen.

Die abtretende Parlamentspräsidentin Alexandra Akeret gratuliert dem neugewählten Präsidenten Jürg Brunner.

Die abtretende Parlamentspräsidentin Alexandra Akeret gratuliert dem neugewählten Präsidenten Jürg Brunner.

Bild: Ralph Ribi

In seiner ersten Rede als Parlamentspräsident dankte Jürg Brunner dem Parlament für das Vertrauen. Dann sprach er seine Sehbehinderung an. Die meisten würden wissen, dass sein korrigiertes Sehvermögen bei weniger als 20 Prozent liege. Brunner sagte trocken:

«Oft werde ich von Leuten gefragt, ob ich kurz- oder weitsichtig sei. Ich bin keines von beiden, das heisst ich sehe allgemein ganz schlecht.»

Das Parlament schmunzelte.

Fast schon eine Tradition, auf eigene Schwächen hinzuweisen

Es scheint fast eine Tradition zu werden, dass die Präsidentin oder der Präsident in der Antrittsrede auf eigene Schwächen hinweist und offen damit umgeht. Alexandra Akeret hatte vor einem Jahr von ihren Panikattacken erzählt. Es sollte kein Nachteil für sie werden, im Gegenteil. Wie sie in ihrer Abschiedsrede erwähnte, erhielt sie von vielen Seiten positive Rückmeldungen dafür, dass sie das Tabuthema psychische Krankheiten in die Öffentlichkeit gerückt hatte.

Jürg Brunner hält seine Antrittsrede als neugewählter Parlamentspräsident.

Jürg Brunner hält seine Antrittsrede als neugewählter Parlamentspräsident.

Bild: Ralph Ribi

Brunner selber ging locker flockig mit seiner Sehbehinderung um. Er sehe nicht nur allgemein sehr schlecht, am schlechtesten aber sehe er in die Zukunft. Deswegen würde er in seiner Begrüssungsrede nicht auf Themen eingehen, die das Parlament vermutlich beschäftigen werden.

Was ihn beschäftigte: Wie er als oberster St.Galler das gesamte Parlament vertreten könne, welche Ansichten man dafür preisgebe. Sein Fazit: Das Positive der Stadt fördern, Schwächen eingestehen und sie dort kompensieren, wo man besonders stark sei. Neue Stärken entwickeln.

Brunners Appell ans Parlament: Die Zukunft der Stadt gemeinsam mitgestalten, mit gegenseitigem Respekt, Konsensbereitschaft und Toleranz. Gemeinsam habe man hoffentlich den Weitblick. Er appellierte an die Gemeinschaft:

«Richtige Entscheide sind gut für die Mehrheit, berücksichtigen auch die Stellung von Minderheiten und Schwächeren – und vor allem – sie sind manchmal mutig.»

Langfristigen Erfolg habe man nur, wenn man die meisten wichtigen Entscheide gemeinsam richtig fälle.

Trotz Kaltstart zeige er, wie wichtig ihm das Amt sei

Stadtpräsidentin Maria Pappa gratulierte Jürg Brunner. Ohne einjähriges Einwärmen springe er in die Präsidiumsarena. Nicht nur sie sei überrascht gewesen vom Rücktritt des Vize-Präsidenten Christian Neff, auch die SVP-Fraktion sei für einmal überrascht gewesen. Die Stadtpräsidentin sagte, sie bedaure Neffs abrupten Austritt. Aber: Sie schaue vorwärts. Pappa dankte Brunner, dass er mutig entschied, kurzfristig einzuspringen.

Die Wirkung des Amtes auch in der Vorbildfunktion sei nicht zu unterschätzen. «Sich nicht fest auf die Schwächen konzentrieren, sondern auf die Stärken und diese weiterentwickeln, genau dafür bist du ein Vorbild», so Pappa. Trotz Kaltstart zeige Jürg Brunner, wie wichtig ihm dieses Amt sei.

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