Stadtarchive beleuchten St.Galler Schicksalsjahr 1918 in Vorträgen

1918 war für St.Gallen ein Schicksalsjahr. Das Ende des Ersten Weltkriegs, die Spanische Grippe und der Landesstreik beschäftigten die Stadtgemeinschaft, die durch die Verschmelzung von St.Gallen, Tablat und Straubenzell zu Gross-St.Gallen wuchs. Die Stadtarchive gehen im Winter in einer Vortragsreihe diesen Ereignissen nach.

Reto Voneschen
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St.Gallen vor 100 Jahren: Die Poststrasse auf einer Ansichtskarte um 1908. Man beachte die üppigen Vorgärten auf der linken Strassenseite. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
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Blick den Oberen Graben hinauf auf einer 1908 gelaufenen Ansichtskarte. Links der Pilgerhof (heute UBS), rechts der Broderbrunnen und dahinter der Seidenhof (heute CS). (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Der Broderbrunnen auf einer Ansichtskarte um 1911. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
St.Gallen vor 100 Jahren: St.Mangen mit Kirche und Gewerbeschulhaus auf einer Ansichtskarte um 1905. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Vor 100 Jahren immer noch der Stolz des Stadtsanktgaller Bürgertums: das Volksbad an der Steinachstrasse auf einer Ansichtskarte von 1907. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Die Mülenenschlucht mit der Felsenbrücke um 1908. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Eingangsbereich des Friedhofs Feldli auf einer Ansichtskarte von 1905. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Der St.Galler Marktplatz um 1920. Man beachte das Tram: Die Schienen der Linie ins Heiligkreuz führen vor dem Hotel Hecht nach links in die Goliathgasse und zum Platztor. Die Linie ins Neudorf folgte der heutigen Linienführung der Busse über den Bohl zum Brühltor. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Auf dem St.Galler Markt um 1910. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Lokremise, Bahngleise und das Quartier hinter dem Hauptbahnhof auf einer Ansichtskarte um 1912. Unter anderem entlang der Lagerstrasse beim «Klubhaus» sind Kohlehaufen für die Dampflokomotiven zu erkennen. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Der Sitterviadukt der Bodensee-Toggenburg-Bahn (heute SOB) auf einer Ansichtskarte um 1910. (Bild Sammlung Reto Voneschen)
Vor dem Ersten Weltkrieg war St.Gallen eine «Boomtown». Aufgrund des Erfolgs der Stickerei-Industrie herrschte Hochkonjunktur. Das änderte sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs - und hochfliegende Pläne wie ein neues, prächtiges Rathaus an der Südwestecke des Marktplatzes verschwanden in den Schubladen. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Während des Ersten Weltkriegs waren in der Region St.Gallen deutsche und französische Armeeangehörige interniert. Sie kamen als Schwerverletzte in die Schweiz, wurden hier gepflegt und dann im Rahmen des Gefangenenaustauschs im Laufe der Zeit wieder in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Im Bild deutsche Internierte am Eingang des Kurhauses Oberwaid. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Gruppenbild mit internierten deutschen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten 1916 vor einem der Gebäude in der Oberwaid. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Einzelne Internierte erlagen in St.Gallen ihren schweren Verletzungen. Im Bild die Beerdigung eines deutschen Soldaten auf dem Friedhof Feldli. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Im Sommer und Herbst 1918 wütete auch in der Stadt St.Gallen die Spanische Grippe. Im Bild die Nachtwache im Notstpital für Grippekranke in der damaligen Kaserne am Rand der Kreuzbleiche. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Die Kaserne auf der Kreuzbleiche um 1900. Links daneben fehlt auf diesem Bild noch die Militärkantine. Sie, die Reithalle und das Zeughaus sind heute die letzten Zeugen der einstigen militärischen Nutzung der innerstädtischen Grünfläche. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Landesstreik: Auch in die Stadt St.Gallen rückten Truppen «zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung» ein, wie es damals hiess. Im Bild Soldaten eines Infanteriebataillons in Marschkolonne auf der Leonhardsbrücke. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Das Soldatendenkmal im Kantipark erinnert an die St.Galler Wehrmänner, die während des Aktivdienstes 1914 bis 1919 ums Leben kamen. Ein entsprechendes Denkmal für die zivilen Opfer fehlt bis heute. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)
Die St.-Leonhard-Strasse unmittelbar nach der Verzweigung mit der Schützengasse nach 1900. Im Hintergrund ist schwach die Leonhardskirche zu erkennen, auf die die Strasse zustrebt. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
St.Gallen vor 100 Jahren: Die obere Neugasse zwischen 1900 und 1910. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Lachen-Vonwil vor 100 Jahren: Am linken Bildrand ist einer der Burgweier und dahinter das Schulhaus Schönenwegen, vorne der westliche Teil des Güterbahnhofs zu erkennen. Auffällig ist natürlich die teilweise noch sehr lockere Bebauung und sind die grossen, landwirtschaftlich genutzten Freiflächen zwischen den Gebäuden. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Das Gebiet Vonwil mit links der Burg Waldegg und rechts den Wohnhäusern zwischen Burg- und Ilgenstrasse. Die Ansichtskarte stammt aus den Jahren zwischen 1900 und 1910. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
St.Gallen-Bruggen vor 1910. Die Zürcher Strasse mit dem Pferdefuhrwerk wie auch die zwei- und dreistückigen Gebäude wirken noch ziemlich ländlich. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
An der Langgasse im Heiligkreuz Anfang der 1920er-Jahre. In der Bildmitte ist ganz hinten das «Blindenheim» im Bruggwald zu erkennen. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Das Ausflugsrestaurant Freudenberg über Drei Weieren auf einer Ansichtskarte um 1910. Im Hintergrund ist der Osten der Stadt zu erkennen. Das Restaurant wurde in den 1950er-Jahren im Rahmen einer Luftschutzübung gesprengt. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
Das Ausflugsrestaurant Falkenburg hoch über der Stadt St.Gallen war vor 100 Jahren ein beliebter Treffpunkt. Das Bild stammt von einer Ansichtskarte, die 1905 verwendet wurde. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

St.Gallen vor 100 Jahren: Die Poststrasse auf einer Ansichtskarte um 1908. Man beachte die üppigen Vorgärten auf der linken Strassenseite. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)

Per 1. Juli 1918 fusionierte St.Gallen mit seinen beiden Vororten Tablat und Straubenzell. Damit wurde nach langer Planung und Vorbereitung auch auf kantonaler Ebene das Fundament für die heutige Stadt St.Gallen gelegt. In der Reihe «Stadtgeschichte im Stadthaus» spiegeln die Stadtarchive der Politischen und der Ortsbürgergemeinde zwischen Oktober 2018 und März 2019 an verschiedenen Vortragsabenden diesen wichtigen Schritt und seine bis heute anhaltenden Auswirkungen.

Die einzelnen Anlässe finden - mit einer Ausnahme - jeweils an einem Donnerstag, 18 bis 19 Uhr, im Festsaal des Stadthauses der Ortsbürgergemeinde St.Gallen statt. Der Eintritt ist gratis; aufgrund statischer Beschränkungen am Durchführungsort sind aber pro Vortrag höchstens 100 Gäste zugelassen. Jetzt ist das Programm der neuen Reihe erschienen.

Zur Textilstadt und dann zu Gross-St.Gallen

Gestartet wird die «Stadtgeschichte im Stadthaus» diesmal nach den Herbstferien am 25. Oktober. An diesem Abend erläutert Dorothee Guggenheimer quasi die Vorgeschichte zur grossen Stadtverschmelzung von 1918. Die stellvertretende Stadtarchivarin der Ortsbürger erzählt, wie die Stadt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit die Abhängigkeit vom Galluskloster abschüttelte und zur international vernetzten Textil- und Stickereistadt wurde.

Am 15. November geht es um die Zusammensetzung des St.Galler Gemeinderats vor und nach der Stadtvereinigung. Marcel Mayer, der Stadtarchivar der Politischen Gemeinde, spricht unter dem Titel «Honoratioren und Fachkundige». Gitta Hassler und Thomas Ryser zeigen danach am 29. November, wie die Stadtverschmelzung vor 100 Jahren ablief und welche interne und externe Reaktionen sie auslöste.

Der Kampf ums Polizeireglement als Beispiel

Am 17. Januar 2019 dann geht Stadtschreiber Manfred Linke im ersten Vortrag im neuen Jahr auf die Arbeit des Stadtparlaments ein. Er zeigt sie exemplarisch an der Totalrevision des Polizeireglements von 2004/05 auf. Diese Vorlage brachte unter anderem Wegweisung, Videoüberwachung und Vermummungsverbot.

Sie erregte damals die Gemüter dermassen, dass alle zur Verfügung stehenden parlamentarischen Instrumente dagegen eingesetzt wurden. Im Sommer 2005 kam es im Nachgang zur Volksabstimmung über das neue Polizeireglement sogar zu einer unbewilligten Kundgebung, die in eine Nacht mit Scharmützeln zwischen Polizei und Demonstranten im St.Galler Stadtzentrum mündete.

Reformierte und Klassenkämpfer

Vor der Stadtverschmelzung vom 1. Juli 1918 war St.Gallen mehrheitlich reformiert. In Gross-St.Gallen hatten dann plötzlich die Katholiken die Mehrheit. Was das für die protestantische Identität bedeutete und wie die ehemals reformierte Stadt ein neues Profil suchte, zeigt am 21. Februar 2019 Pfarrer Andreas Schwendener.

Und im letzten Vortrag der «Stadtgeschichte im Stadthaus» im Winter 2018/19 sind dann noch die sozialen Umwälzungen vor hundert Jahren ein Thema: Max Lemmenmeier geht ihnen am 7. März 2019 unter dem Titel «Wir sind mittendrin in der Weltrevolution!» nach.

St.Gallen will weiter wachsen

Und wie geht's mit Gross-St.Gallen weiter? Bereits am 7. Februar 2019 wirft Stadtplaner Florian Kessler einen Blick auf die bauliche Weiterentwicklung des Stadtgebiets im Jahr 2050. Was passiert, wenn die laufende bauliche Verdichtung der bestehenden, teilweise sehr lockeren und gut durchgrünten Siedlungsstrukturen abgeschlossen sind? Wird weiter verdichtet? Oder sucht die Stadt ihr Heil in einer neuen Stadtverschmelzung, also einer Ausdehnung der zur Verfügung stehenden Flächen?

www.stadtarchiv.ch

Was hat das Reformationsjubiläum gebracht?

Quasi ein Einschub in die Vortragsreihe «Stadtgeschichte im Stadthaus» der Stadtarchive der Politischen und der Ortsbürgergemeinde ist der Vortrag vom Mittwoch, 5. Dezember, 18.15 bis 19.45 Uhr. Dabei geht es um eine Bilanz des Jubiläums «500 Jahre Reformation» aus reformierter und aus katholischer Sicht. Auf dem Podium sitzen unter anderem Martin Gehrer, Chef des katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen, und Martin Schmidt, Präsident der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen. Der Anlass findet im Raum für Literatur an der St.-Leonhard-Strasse 45 statt. (vre)