Abschied nach 40 Jahren im Stadtarchiv: Der Herr über 2500 Meter Akten geht

Es ist das Ende einer Ära: Nach 40 Jahren im Stadtarchiv hatte Marcel Mayer vergangenen Freitag seinen letzten Arbeitstag. Mit ihm geht der Mann, der das Stadtarchiv der politischen Gemeinde erst aufgebaut hat.

Reto Voneschen
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Stadtarchivar Marcel Mayer (rechts) übergibt seinen Büroschlüssel an Nachfolger Thomas Ryser. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo (31. Mai 2019))

Stadtarchivar Marcel Mayer (rechts) übergibt seinen Büroschlüssel an Nachfolger Thomas Ryser. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo (31. Mai 2019))

Dass Marcel Mayer als Stadtar­chivar und nicht als Archäologe oder als Mittelschullehrer in den Ruhestand tritt, ist Zufall. Sagt er selber. Das Schulegeben wie das Graben nach Artefakten hat ihn im Geschichtsstudium an der Uni Basel begeistert. Er sei aber schon damals nicht so der handwerklich begabte Typ gewesen, weswegen die Archäologie in den Hintergrund getreten sei, schmunzelt Mayer im Gespräch.

Der Lehrerkarriere kamen zwei andere Interesse in den Weg, die im Geschichtsstudium bei Markus Mattmüller geweckt wurden: Jenes an der Sozial-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte war eins, jenes am Archivwesen das andere. Nach mehreren Archivpraktika kam Marcel Mayer 1979 zu Ernst Ziegler ins Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

Ne­ben dem Teilzeitjob im Ar­chiv schrieb er an seiner Dissertation über St. Galler Anstaltsinsassen im 18. Jahrhundert. Bei der Fleissarbeit ging er über 2000 Einzelschicksalen von Personen nach, die seinerzeit von den Behörden im Bürgerspital, in den Prestenhäuser, im Fremdenspital oder im Zucht- und Waisenhaus versorgt wurden.

Amtsstellen abgeklappert und Archive gesichtet

Aufgrund von gesetzlichen Vorgaben musste St. Gallen ein Stadtarchiv schaffen. 1985 wurde die Stelle des Archivars ausgeschrieben. «Ich habe mich beworben und wurde sogar gewählt», sagt Marcel Mayer. Wobei er einen kleinen Startvorteil gegenüber der Konkurrenz hatte: Er hatte vorher ein Inventar der dezentral gelagerten Archivalien der Stadtverwaltung erstellt. In den ersten sieben Jahren nach dem Amtsantritt am 1. Januar 1986 war Mayer zuerst einmal als «Wanderprediger» in Sachen Stadtarchiv unterwegs. Er klapperte die einzelnen Dienststellen ab und sichtete deren teils beachtliche, in Estrichen und Kellern eingelagerte Archive.

1993 wurde das Hauptmagazin des Stadtarchivs unter dem Spelterini-Schulhaus in Betrieb genommen, die Aktenbe­stände der Verwaltung zentralisiert und systematisch erschlossen. 1993, so sagt Marcel Mayer, ha­be er während einiger Wochen ein Logistikunternehmen geführt. Mit Hilfe der Feuerwehr oder auch selber habe man Aktenberge bewegt und eingelagert.

Heute umfasst das Stadtarchiv der politischen Gemeinde St. Gallen rund 2500 Laufmeter Archivalien, was gemäss Mayer ein durchschnittlicher Wert für eine mittelgrosse Stadt wie St. Gallen ist. Wobei der Bestand von Jahr zu Jahr wächst, auch wenn nur fünf bis zehn Prozent des Schriftguts, das die Verwaltung produziert, überhaupt ar­chivwürdig ist. Eine neuere Erscheinung ist, dass auch Dokumente archiviert werden, die nur in digitaler Form existieren.

Nochmals eine grössere historische Arbeit angehen

Und was treibt Marcel Mayer im Ruhestand? Er könne sich vorstellen «historisch etwas zu machen», sagt der Neo-Rentner. Eine grössere Arbeit zur Verwaltungsgeschichte. Etwa, wie die Stadt mit ihrer Verwaltung seit dem 19. Jahrhundert auf Veränderungen der Bedürfnisse der Bevölkerung reagiert hat. Oder inwieweit die Stadt in Krisenzeiten wirtschaftliche Probleme auf ihre Angestellten überwälzte. Klar ist: Man wird von Marcel Mayer wieder lesen. Zu Fragen aus dem Gebiet, das ihn immer am meisten interessiert hat, aus der Sozial-, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte.

Eine Stadt, zwei Archive

St. Gallen hat nicht nur ein Stadtarchiv, die Stadt hat sogar deren zwei. Das eine gehört der politischen Gemeinde, das andere der Ortsbürgergemeinde. Die Archive arbeiten allerdings von jeher Hand in Hand. Im Archiv der politischen Gemeinde wird Material der modernen Stadt St. Gallen seit ihrer Entstehung 1831 gesammelt. Im Archiv der Ortsbürgergemeinde liegen Ak­ten zur Geschichte der alten Stadt und Stadtrepublik St. Gallen vom Mittelalter bis zum Einmarsch der Franzosen 1798. Die Zeitepoche von 1798 bis 1831 bearbeiten die Archive gemeinsam; je nach Thema landen Archivalien im einen oder im anderen davon.

Die Büros beider Archive befinden sich im Museumsquartier im Gebäude der Kantonsbibliothek an der Notkerstrasse 22. Beide verfügen aufgrund des umfangreichen Materialbestands über zusätzliche Aussenmagazine. Jenes des Stadtarchivs der politischen Gemeinde ist unter dem Spelterini-Schulhaus. Ein weiteres besitzt sie zusammen mit dem Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde an der Unterstrasse. Stadtarchivar der politischen Gemeinde ist als Nachfolger von Marcel Mayer Thomas Ryser, jener der Ortsbürger ist Stefan Sonderegger. (vre)