VISIONEN: Wittenbacher dürfen mitdenken

Wie und wohin soll sich Wittenbach bis 2030 entwickeln? Die Frage dürfen Einwohner selber beantworten. Die Behörden wollen nämlich ein neues Strategiepapier zusammen mit der Bevölkerung ausarbeiten.

Sebastian Schneider
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Sebastian Schneider

sebastian.schneider

@tagblatt.ch

Keine andere Gemeinde in der Region hat an der Bürgerversammlung eine tiefere Stimmbeteiligung als Wittenbach. Nicht selten bestimmen weniger als vier Prozent der Stimmberechtigten, ob jene Umzonung genehmigt oder jener Baukredit gutgeheissen werden soll. Die tiefe Beteiligung liegt wohl an der Grösse der Agglogemeinde, die mit knapp 10 000 Einwohnern zu klein für ein Stadtparlament, hingegen zu gross für eine Bürgerversammlung ist. Ob neben dieser Tatsache eine latente Unzufriedenheit in der Bevölkerung mitspielt, kann der Gemeinderat bald herausfinden. Mitte Monat bekommen 960 Wittenbacherinnen und Wittenbacher ab 16 Jahren Post von der Fachhochschule St. Gallen (FHS). Mit Hilfe von Fragebögen mit 60 Fragen wollen die Behörden herausfinden, wie glücklich die Einwohner mit ihrem Wittenbach sind. Die Zufriedenheitsanalyse ist allerdings nur der erste Schritt im Projekt «Zukunft Wittenbach». In Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und der FHS wollen die Räte der Politischen sowie der Schulgemeinde Ideen und Visionen fürs nächste Jahrzehnt entwickeln und niederschreiben.

In fünf Schritten zum Ziel

Das ganze Projekt dauert über ein Jahr und spielt sich gemäss einer Mitteilung der Gemeindekanzlei in fünf Schritten ab. Auf die Befragung folgt eine Auswertung, bei der ebenfalls Leute aus der Bevölkerung mittun dürfen. Per Losentscheid werden 16 bis 20 Einwohner ausgesucht, die beim Reflektieren der Resultate mitwirken dürfen. Der dritte Schritt ist ein Forum, an dem alle Wittenbacher eingeladen werden, sich zu den Ergebnissen zu äussern und Ideen einzubringen. Damit soll die Grundlage für einen Entscheid geschaffen sein. Gemeinde- und Schulrat werden an einer Konferenz die Strategie 2030 festlegen. Zuletzt laden sie die Bevölkerung ein weiteres Mal zu einem Infoanlass ein. Dabei können sich Interessierte über die Ergebnisse informieren oder schauen, ob und wie sie sich weiter einbringen können.

Mit diesem Vorgehen wählt Wittenbach seinen eigenen Weg in der direkten Zusammenarbeit mit der Bevölkerung. Ein «Zukunftskafi», wie es Mörschwil oder Gossau durchgeführt haben, wäre in diesem Fall nicht die richtige Methode für Wittenbach gewesen. «Es geht bei uns zuerst um strategische Stossrichtungen, konkrete Projektideen werden am Ende des Projekts aufgegleist», sagt Isabel Niedermann, Kommunikationsbeauftragte der Gemeinde Wittenbach. Wobei man dank der gewählten Vorgehensweise offen sei für verschiedene Ergebnisse.

Mit der FHS habe man einen professionellen und unabhängigen Partner, der erfahren ist in der Zusammenarbeit mit Politischen Gemeinden. So waren es denn auch die Fachleute des Ostschweizer Zentrums für Gemeinden, die das Vorgehen bestimmen und laut Niedermann auch die Durchführung der einzelnen Schritte begleiten.

Kommunikation wird systematisch verbessert

Dass ausgerechnet jetzt die Bevölkerung zum Mitmachen eingeladen wird, wird in der Mitteilung mit dem Auslaufen des Papiers «Vision 2020» begründet. Es zeigt aber auch, dass die Behörden den Kontakt zur Bevölkerung verbessern wollen. Symbolisch konnte man das an der 1.-August-Feier sehen, als kein externer Redner, sondern Leute aus der Bevölkerung auf die Bühne gebeten wurden. Zudem wurde anfangs Jahr Isabel Niedermann als Kommunikationsbeauftragte angestellt. Böse Zungen im Dorf behaupten, die verbesserte Kommunikation könnte mit dem nicht gerade glanzvollen Abschneiden von Gemeindepräsident Fredi Widmer bei den Erneuerungswahlen zu tun haben.