GESELLSCHAFTSPROBLEM: Die Sucht nach der digitalen Welt

Die fortschreitende Digitalisierung überfordert viele Eltern. Wie sollen sie auf den intensiven Internetkonsum ihrer Kinder reagieren? Die Stiftung Suchthilfe widmete dem Thema eine Fachtagung.

Claudia Schmid
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Ab wann sind Jugendliche süchtig nach digitaler Interaktion? Für Eltern ist das manchmal schwierig einzuschätzen. (Bild: Christoph Schuerpf/KEY)

Ab wann sind Jugendliche süchtig nach digitaler Interaktion? Für Eltern ist das manchmal schwierig einzuschätzen. (Bild: Christoph Schuerpf/KEY)

Claudia Schmid

stadtredaktion

@tagblatt.ch

«Gamen, Chatten, Suchtgefahr?» lautete der Titel der Veranstaltung, mit der die Stiftung Suchthilfe aufzeigte, welche Risiken und Nebenwirkungen die intensive Mediennutzung begleiten. Klar zum Ausdruck kam aber auch, dass die digitale Transformation nicht aufzuhalten ist und sie neben Gefahren auch viele Chancen bietet.

«Wir können nicht ernsthaft wollen, dass unsere Jugendlichen ständig offline bleiben. Sie würden damit an einem wichtigen Teil unserer heutigen Kultur und Arbeitswelt nicht teilnehmen», erklärte Rolf Kugler, Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Vielmehr gehe es darum, die Jugendlichen in Schule und Elternhaus für die Gefahren zu sensibilisieren und ihnen Medienkompetenz zu vermitteln.

Der Referent betonte, dass nicht jeder Mensch, der das Internet intensiv nutzt, süchtig wird. Gehe es um Onlinesucht, sei die entscheidende Frage nicht, was süchtig mache, sondern warum jemand süchtig werde. «Ein Süchtiger integriert nicht das Internet in sein Leben, sondern sein Leben ins Internet.»

Alternativen in der realen Welt bieten

Als Vater dreier Kinder berichtete Mathias Gabathuler, Rektor der Kantonsschule am Brühl, wie er und seine Frau zu Hause den Umgang mit Smartphone, Tablet und Laptop handhaben. Einst hätten sie beschlossen, dass ihre Tochter erst in der Oberstufe ein Smartphone erhalte. Dieses Vorhaben sei gescheitert, als sie bereits in der Primarschule das einzige Kind ohne Handy gewesen sei. «Der Gruppendruck war einfach zu gross. Heute ist sie 14 Jahre alt und besitzt auch Tablet und Laptop, die sie oft für die Schule einsetzt. Unsere beiden elfjährigen Buben sind ebenfalls beide im Besitz eines Smartphones.»

Von der totalen Überwachung ihres Internetkonsums halte er nicht viel, erklärte der Rektor der Kanti am Brühl. «Hingegen sprechen wir in der Familie über die Risiken und Gefahren im Internet. Dabei vertrauen meine Frau und ich darauf, dass uns unsere Kinder offen von ihren Internetaktivitäten erzählen.» Wo ihnen ein problematischer Umgang auffalle, reagierten sie. «Einmal kam es vor, dass wir unsere Tochter schlafend antrafen und neben ihr alle drei Geräte aufgereiht waren. Wir haben ihr erklärt, warum diese nicht ins Bett gehören.» Und als eines der Kinder bis spät in den Abend nicht vom Gamen losgekommen sei, habe es sein Smartphone für die Nachtstunden abgeben müssen. Als ganz wichtig aber erachte er, dass die Eltern ihren Kindern Alternativen zur virtuellen Welt bieten würden. «Wir verbringen viel Zeit mit Musik, Sport und Ausflügen in die Natur.»

Die Bedeutung, den Anschluss an die reale Welt nicht zu verlieren, bestätigte auch Regine Rust, Leiterin der Suchtfachstelle St. Gallen. Sie erklärte, weshalb gerade für junge Menschen das Chaten und Gamen attraktiv ist. «Die Jugendlichen haben beim Übergang zum Erwachsenwerden mit vielen Umwälzungen und Enttäuschungen zu kämpfen. Beim Gamen erleben sie Erfolge und erfahren Anerkennung, beim Chatten kreieren sie ihr Ich-Ideal.»

Gemäss Studien gelte nur etwa ein Prozent der Bevölkerung als onlinesüchtig. Jedoch kämen über vier Fünftel ohne Therapie nicht von ihrer Sucht los und führe sie in grosse Isolation und Einsamkeit. Deshalb sei es wichtig, Hilfe in Anspruch zu nehmen, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Hilfe in Anspruch nehmen

Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe, betonte, die Suchtfachstelle stehe bei Problemen jederzeit offen. Das gelte nicht erst, wenn die Sucht bereits etabliert sei, sondern auch für Kurzinterventionen bei riskantem Internetgebrauch.