MÖRSCHWIL: Der Gewitterjäger

Andere Teenager wünschen sich zu Weihnachten ein Smartphone, Florian Zangl eine Wetterstation. Seit 2013 betreibt der heute 19-Jährige eine eigene Meteoseite. Seine Schwäche gilt den Gewittern.

Corinne Allenspach
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Florian Zangl im Garten vor seiner elterlichen Wohnung. Die Daten des Thermometers im Wetterhüttchen und vom Windmesser auf der Schaukel werden per Funk an die Wetterstation übermittelt. (Bild: Ralph Ribi)

Florian Zangl im Garten vor seiner elterlichen Wohnung. Die Daten des Thermometers im Wetterhüttchen und vom Windmesser auf der Schaukel werden per Funk an die Wetterstation übermittelt. (Bild: Ralph Ribi)

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Stromausfall, Schneechaos, umgestürzte Bäume: Der vergangene Freitag war auch für einen Hobbymeteorologen, der sich mit Wetterkapriolen auskennt, ein sehr spezieller Tag. 15 Zenti­meter Schnee hat Florian Zangl am Freitagmorgen in Mörschwil ­gemessen. Die bisher grösste Schneehöhe im April, seit er minutiös alle Wetterdaten notiert. «Auf den Klimawandel kann man daraus aber nicht schliessen», sagt der Gymnasiast. Denn dazu sind seine Aufzeichnungen noch zu jung. Kein Wunder, schliesslich ist Florian Zangl erst 19 und «praktisch immer der jüngste, wenn ich mich mit anderen Wetterinteressierten austausche».

Eine Schwäche fürs Wetter hat er, seit er sich erinnern kann. Anders als viele andere Kinder machten ihm Gewitter nie Angst, sondern «immer Freude». «Gefährliche Dinge sind meistens faszinierend», sagt er.
 

Dumme Sprüche nimmt er mit Humor

Florian Zangl war zwölf Jahre jung, als sich aus dem Interesse fürs Wetter sozusagen über Nacht ein erfüllendes Hobby entwickelte. Im Frühling 2011 stellte er eine Kiste auf und mass fortan jeden Abend, wie viel Regen drin war. Zudem zeichnete er die Temperaturen auf. An Weihnachten 2011 erfüllten ihm die Eltern einen grossen Wunsch: Eine Wetterstation. Diese steht seither unübersehbar im Wohnzimmer und empfängt per Funk die Daten von draussen. Auf dem Balkon sammelt eine Dose die Regenmenge, auf der Schaukel hat Florian Zangl einen Windmesser installiert, der mittlerweile arg Schlagseite hat, und an einem Baum baumelt ein weisses Wetterhüttchen Marke Eigenbau. Es ist so konstruiert, dass das Thermometer im Inneren vor Sonneneinstrahlung geschützt ist. Jeden Abend liest der 19-Jährige die Daten von seiner Wetterstation ab und notiert sie von Hand in eine Tabelle. «Für mich ist das wie Tagebuch schreiben und es gehört dazu wie Zähneputzen.»

Florian Zangl sammelt die Daten aber nicht nur für sich. Seit Herbst 2013 betreibt er die eigene Internetseite Meteo Mörsch­wil. Schon nach den ersten Klicks ist klar: Die Seite ist weit mehr als eine Ansammlung von Wetterdaten. Der junge Hobbymeteorologe ordnet ein, gibt bei aussergewöhnlichen Wetterphänomenen wie am Freitag Warnungen heraus, betrachtet die Wetterlagen auch grossräumig für die ganze Ostschweiz, ergänzt mit eigenen Fotos und schreibt erfrischend verständlich. «Es ist immer eine Gratwanderung, es so zu erklären, dass es die breite Masse versteht», sagt er. Spezielle Wettersituationen hat er nicht nur auf der Webseite gespeichert, sondern auch im Kopf. Am 27. April 2015 beispielsweise wurde der grösste Starkregen der letzten Jahre gemessen. «In einer Stunde hat es so viel geregnet wie sonst in zwei Wochen», weiss der Mörschwiler, der noch schwankt, ob er dereinst Umweltnaturwissenschaften an der ETH studieren soll oder Meteorologie an einer Uni. Jeweils zu Beginn eines Monats wagt er auch Prognosen. Sein Tipp für Mai: leicht zu mild (+0,5° C) und leicht zu nass.

In seinem Kollegenkreis ist Florian Zangl allein mit seiner Leidenschaft. Wenn er jeweils ­erzähle, Wetter sei sein Hobby, muss er sich oft anhören: «Aha, du schaust den Wölkli zu.» Er nehme das aber mit Humor, sagt er: «Für mich verbindet die Meteorologie draussen in der Natur sein, Fotografie und Mathematik.» Und manchmal, wenn er der dummen Sprüche leid ist, sagt er, er sei Sturmjäger. «Das tönt interessanter als Hobbymeteorologe», sagt er und schmunzelt.
 

Den Gewittern nachreisen, um sie zu fotografieren

Zudem stimmt es auch. Wann immer möglich, reist Florian Zangl mit Kollegen einem Gewitter nach, um es zu fotografieren. Wenn’s allerdings zu brenzlig wird, geht er wieder heim: «Faszination und Respekt hängen immer eng zusammen», sagt er. Um zu erleben, was ein Sturm ist, war er kürzlich auch in Brülisau, das bekannt ist für seinen Föhn. 150 km/h Windstärke hat der Mörsch­wiler gemessen. «Das war ein eindrückliches Erlebnis. Da kann man sich kaum mehr auf den Beinen halten», sagt er, der im Sommer die Matura macht. Die Maturaarbeit hat er bereits abgegeben. Das Thema, wen wundert’s: Schwergewitter in der Ostschweiz. Auch die Note hat er bereits erhalten. Sie erstaunt ebenso wenig: eine blanke 6.

meteomoerschwil.zangl.ch