Auf einen Schlag saubere Wälder

Im Kanton St. Gallen arbeiten Asylsuchende wie Heinzelmännchen in Wäldern und auf Alpen. Einmal pro Woche unterstützen sie auch Revierförster Benjamin Gautschi. Eine Gruppe hat dieser Tage in Berg Holz und Abfall weggeräumt.

Sebastian Schneider
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Anstatt im EVZ Altstätten auf den Asylentscheid zu warten, räumen Asylsuchende im Wald Städeliholz in Berg SG. (Bilder: Urs Bucher)

Anstatt im EVZ Altstätten auf den Asylentscheid zu warten, räumen Asylsuchende im Wald Städeliholz in Berg SG. (Bilder: Urs Bucher)

BERG SG. Es ist kalt, nass und neblig. Der Waldboden ist feucht und leicht angefroren. Nichts würde an diesem Donnerstagmorgen darauf hindeuten, dass etwas los ist im Städeliholz, dem Wald der Ortsbürgergemeinde Berg SG an der Grenze zu Wittenbach. Wenn da nicht die 16 Männer in orangen Jacken, blauen Hosen und braunen Gummistiefeln wären. Sie nehmen Äste und Stämme vom Boden auf und werfen sie auf Holzhaufen, sogenannte Ökohaufen. Ein, zwei Männer haben in der einen Hand einen Abfallsack und in der anderen eine Greifzange. Sie sprechen nicht viel miteinander. Viele von ihnen sind vor dem Krieg im Nahen Osten geflohen, kennen die Sprache der anderen nicht. Sie arbeiten schnell und gründlich, gönnen sich ab und zu eine Zigarette und singen immer wieder.

Nutzen für Natur

«Heute haben sie aber eine gute Laune», stellt Revierförster Benjamin Gautschi fest. Seit dem Frühling arbeitet er mit dem Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Altstätten zusammen. Über den WWF sei es zu diesem Arrangement gekommen. «Eigentlich wollte eine Firma mit ihrer Belegschaft einen Natureinsatz leisten», erklärt Gautschi. Als die Firma kurzfristig absagte, organisierte der WWF mit den Asylsuchenden von Altstätten Ersatz. Und seither arbeiten etwa einmal pro Woche Asylsuchende im «Revier Sitter» von Förster Benjamin Gautschi. Über die Zusammenarbeit ist er hocherfreut. «Die Asylsuchenden arbeiten sehr selbständig», sagt er. Er brauche kaum Zeit zu investieren und habe einen grossen Nutzen. «Sehen Sie», sagt er und deutet mit seinem Finger in den Wald. «Der ganze Waldboden ist geräumt, nun können wieder Kräuter, Sträucher und junge Tännchen wachsen.» Als Förster müsse er dafür schauen, dass die Wälder eine gute Durchmischung von jungen und alten Pflanzen haben. Gerade im Städeliholz sei eine Verjüngungskur notwendig gewesen. Dafür hätten einige Tannen gefällt werden müssen. «Damit das Unterholz wieder Licht bekommt.»

Ausserdem gibt es in diesem Wald Entwässerungsgräben, die wegen des flachen Geländes angelegt wurden. Die Männer aus Syrien, Afghanistan, Irak und Sri Lanka räumen diese Gräben frei, was laut Gautschi etwa alle zehn Jahre nötig sei. Der Wald wird flankiert von der Arbonerstrasse. Und entlang dieser Kantonsstrasse werde viel Abfall liegengelassen. Die Asylsuchenden lesen nun Scherben, Metallteilchen, Papierfetzen und Plastikflaschen auf.

Heilende Wirkung der Natur

Die Natureinsätze der Asylsuchenden ist ein Gewinn für beide Seiten. «Die meisten Männer sind froh, mal raus aus dem dichtgedrängten Zentrum zu kommen», sagt Mike Makus, Fachverantwortlicher für externe Beschäftigung beim EVZ Altstätten. Das Zentrum sei in letzter Zeit massiv überbelegt, ein Einsatz in der Natur sei für die Männer heilend. Für ihren jeweils sechsstündigen Arbeitstag erhalten die Asylsuchenden eine «Motivationspauschale», die vom Bund finanziert wird.

Die Männer sprechen meist nur zu zweit, respektive nur mit demjenigen, der dieselbe Sprache spricht. Wer Farsi spricht, versteht Kurmandschi nicht. Nitharsan aus Sri Lanka oder Osbek aus Afghanistan können auch kein Englisch. «Doch sie sitzen alle im selben Boot», sagt Makus. Und gerade bei der gemeinsamen Arbeit wachse der gegenseitige Respekt. Zu Mittag essen die Asylsuchenden, die auch auf den Alpen im St. Galler Oberland Steine aus dem Weg räumen, vor Ort. «Tee und Picknick nehmen wir immer mit.»

Das EVZ Altstätten organisiert solche Aktionen schon länger. Die Erfahrungen zeigen, dass die Asylsuchenden einen guten Job machen. «Wir werden von vielen Seiten angefragt», sagt Makus. Und auch Gautschi ist sehr zufrieden. Die Asylsuchenden verrichten laut dem Revierförster bessere Arbeit als etwa Primarschüler, denen die Lust meist nach zwei Stunden vergehe.

Benjamin Gautschi Revierförster Sitter (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Benjamin Gautschi Revierförster Sitter (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))