Stadt St.Gallen prüft, Texte zu vereinfachen, wie es der Kanton schon macht

Für zwei Drittel der Bevölkerung sind Infos der Behörden unverständlich. Die Stadt St.Gallen prüft nun, Teile der Website zu übersetzen.

Marlen Hämmerli
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So unterscheidet sich reguläre von einfacher Sprache.

So unterscheidet sich reguläre von einfacher Sprache.

Illustration: stb

Ob ein Schreiben der Versicherung oder der Bank: Viele verstehen wenig, wenn sie komplexe Texte lesen. Dazu gehören auch Informationen der Stadt St. Gallen. Texte zur Frühförderung oder Abstimmungsunterlagen: Wer den Inhalt nicht versteht, dem fehlt die Grundlage für Entscheidungen. Nun sollen zumindest einige der städtischen Informationen verständlicher werden: Die Stadt prüft, Teile ihrer Website in Einfache Sprache zu übersetzen.

Dabei werden schwierige Texte an die Sprachkompetenz breiter Bevölkerungsgruppen angepasst. Kurze Sätze, einfache Satzstrukturen, keine Fremdwörter, Synonyme und Metaphern – das zeichnet die Einfache Sprache aus. Sie wendet sich an Personen mit Migrationshintergrund, mit Demenz, Leseschwäche oder einer Hörbehinderung.

Sonja Lüthi, Stadträtin St.Gallen, Vorsteherin Direktion Soziales und Sicherheit

Sonja Lüthi, Stadträtin St.Gallen, Vorsteherin Direktion Soziales und Sicherheit

Aber auch Kinder und Ältere mit Sehschwäche verstehen Texte in Einfacher Sprache besser. «Wir wollen, dass möglichst viele Zugang zu den Informationen haben», sagt Stadträtin Sonja Lüthi, Direktion Soziales und Sicherheit. «Das erhöht die Chance zur Teilhabe und die Chancengerechtigkeit.»

Der Kanton hat viele Gesichter, nicht Facetten

Der Kanton St.Gallen ist bereits einen Schritt weiter als die Stadt, und zwar im doppelten Sinn: Ein kleiner Teil der kantonalen Website ist in Leichter Sprache verfügbar. Dabei handelt es sich um eine noch vereinfachtere Sprache, die auch von Personen mit kognitiver Behinderung verstanden wird.

Andrea Sterchi, die in leichte Sprache übersetzt.

Andrea Sterchi, die in leichte Sprache übersetzt.

Benjamin Manser

So heisst es zum Porträt des Kantons in Alltagssprache: «Der Kanton St.Gallen im Porträt in all seinen Facetten.» Und in Leichter Sprache:

«Der Kanton St.Gallen hat viele Gesichter.»

An der Übersetzung war Andrea Sterchi beteiligt. Dass die Stadt nun Teile der Website in Einfache Sprache übertragen will, findet die Andwilerin «super».

Einfache Sprache richtet sich an alle, Leichte Sprache vor allem an Personen mit Behinderung. Sie ist jedoch nur eines von mehreren Hilfsmitteln der barrierefreie Kommunikation. «Es ist wichtig, das im Auge zu behalten», sagt Sterchi. Deshalb sei es sinnvoll, nicht nur einen Teil der Informationen in Leichte Sprache zu übersetzten, sondern ein Gesamtkonzept zu erstellen zur barrierefreien Kommunikation.

Leichte Sprache ermöglicht selbstbestimmtes Leben

Für sehbehinderte Personen ist es etwa wichtig, dass Texte alternativ erklären, was Bilder oder Grafiken auf einer Website zeigen. Bei welchen Informationen wäre es besonders wichtig, dass sie barrierefrei zugänglich sind? «Natürlich bei allen», sagt Sterchi. «Doch das ist ein ehres Ziel.» Pragmatismus sei nötig.

Alle Informationen, die Personen mit einer Beeinträchtigung betreffen, sollten in Leichter Sprache verfügbar sein. Das ermöglicht ihnen, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Der Kanton hat zum Beispiel die Botschaft zum Gesetz für Menschen mit Behinderung übersetzt.

Im Idealfall arbeitet die Zielgruppe beim Projekt zur Übersetzung mit. Oft wünschen sie sich andere Inhalt in Leichter Sprache, als man denken würde. So wollte ein Betroffener, dass die Theorieprüfung fürs Töffli übersetzt wird.

«Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich bin immer bei den Behördeninformationen hängen geblieben.»

Nach der Übersetzung in die Leichte Sprache prüfen Betroffene die Texte in der Regel auf ihre Verständlichkeit. Durch das Lesen der Texte werden die «Prüfer» jedoch immer kompetenter. «Dem muss man sich bewusst sein», sagt die 48-Jährige.

Komplexe Inhalte, komplex formuliert

Oft werden komplexe Inhalte übersetzt, die in einer komplexen Sprache verfasst sind. «Da ist eine doppelte Übersetzung nötig», sagt Sterchi. Die grösste Herausforderung sei aber, das passende Sprachniveau für die Zielgruppe zu bestimmen. Eine weitere Herausforderung ist ein möglicher Informationsverlust durch die sprachliche Vereinfachung. Will man alle Informationen übertragen, wird der Text deutlich länger. Deshalb gilt es abzuwägen, welche Informationen zwingend übertragen werden müssen.

Manche Beamte fürchten, sie würden nicht ernst genommen, wenn sie in Leichter Sprache kommunizieren. Dazu sagt Sterchi: «Das ist ein selbst gemachtes Problem. Letztendlich ist es ein Service, dass man verstanden wird. Man darf solche Argumente nicht fürchten.»

Studien zeigen, dass 60 Prozent der Bevölkerung 80 Prozent der Behördeninformation nicht versteht. Denn die schriftliche Kommunikation findet mehrheitlich auf dem Sprachniveau C1 des Europäischen Referenzrahmens statt, also auf universitären Niveau. Die Sprachkompetenz der meisten Personen erreicht jedoch nur B1. Von Texten in Einfacher Sprache profitieren also viele, auch Behörden, Banken und Versicherungen. Es hat sich gezeigt: Verständlich formulierte Texte führen zu weniger Rückfragen.

Einfach ist nicht leicht

Einfache und Leichte Sprache sind nicht dasselbe. Der Wortschatz der Einfachen Sprache ist wesentlich grösser als jener der Leichten Sprache. Man kann sich dies als eine Art Kontinuum mit zwei Polen vorstellen. Am einen Pol ist die Leichte Sprache angesiedelt, am anderen die Standardsprache. Dazwischen bewegt sich das Sprachniveau von der Leichten in die Einfache und dann in die Standardsprache. Die Grenzen sind fliessend. Die Leichte Sprache ist reglementiert. Das Netzwerk der Leichten Sprache hat 2013 ein Regelwerk herausgegeben. (mha)