«Ein Minimalbeitrag an das gesellschaftliche Leben»: Die Stadt St.Gallen öffnet Freizeitanlagen trotz Corona-Auflagen – die Lage wird laufend beurteilt

Ein soziales Grounding soll in der Corona-Krise verhindert werden: Die Stadt überrascht mit ihrem Entscheid, ist aber nicht alleine.

Reto Voneschen und Daniel Wirth
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Der Entscheid der Stadt St.Gallen heisst, dass die Hallenbäder Blumenwies und Volksbad weiterhin zu den üblichen Öffnungszeiten besucht werden können.

Der Entscheid der Stadt St.Gallen heisst, dass die Hallenbäder Blumenwies und Volksbad weiterhin zu den üblichen Öffnungszeiten besucht werden können.

Bild: Michel Canonica

«Wir lassen offen und analysieren», sagt Stadtrat Markus Buschor, Vorsteher der Direktion Bildung und Freizeit. «Wir sind der Meinung, ein Minimalbeitrag an ein gesellschaftliches Leben ist es das wert.» Denn: Die Stadt St.Gallen reagiert unerwartet auf die verschärften Auflagen, die der Bund am Freitag und der Kanton am Samstag kommuniziert haben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Sportanlagen, der Bibliothek sowie der Kinder- und Jugendtreffs hielten «als Notmassnahme» den Betrieb ihrer Institutionen aufrecht, heisst es in einer Mitteilung der Stadt.

Der Stadtsanktgaller Schuldirektor Markus Buschor

Der Stadtsanktgaller Schuldirektor Markus Buschor

Bild: Michel Canonica

Wie andernorts fällt in St. Gallen die reguläre Betreuung von Kindern im schulpflichtigen Alter aus: Auch hier übernehmen ab Montag Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schulen als Notmassnahme die Betreuung, wenn Eltern das nicht tun können. Eltern, die keine Möglichkeit haben, ihre Kinder zu betreuen, während der Unterricht ausfällt, können sie weiterhin in die Schule oder die Tagesbetreuung schicken oder begleiten. Alle Lehrerinnen und Lehrer kommen arbeiten und betreuen die Kinder. Es findet jedoch kein Unterricht nach Lehrplan statt.

Die Lage wird durch die Verantwortlichen der städtischen Direktion Bildung und Freizeit laufend neu beurteilt, wie es heisst. Abweichende Entscheide werden gemäss Mitteilung umgehend kommuniziert. Mit der Offenhaltung der Freizeitanlagen will die Stadt einen Beitrag zur Verhinderung eines sozialen Stillstands leisten, heisst es weiter. Und weiter:

«Wir wollen kein Grounding in Bildung und Freizeit.»

Die Entscheide umliegender Gemeinden und anderer Schweizer Städte zur Schliessung von Bädern, Sportanlagen, Turnhallen und Bibliotheken haben die St.Galler Verantwortlichen zur Kenntnis genommen. Der Schutz der Bevölkerung sowie der eigenen Angestellten habe auch für St.Gallen Priorität.

Die Turnhallen und anderen Sportanlagen der Stadt bleiben auch für Trainings der Vereine geöffnet. Ob sie von diesem Angebot Gebrauch machen wollen, müssen die einzelnen Klubs und Gruppen aber selber entscheiden.

Die Turnhallen und anderen Sportanlagen der Stadt bleiben auch für Trainings der Vereine geöffnet. Ob sie von diesem Angebot Gebrauch machen wollen, müssen die einzelnen Klubs und Gruppen aber selber entscheiden.

Bild: Benjamin Manser

Stadt hält sich strikt an die Vorgaben von Bund und Kanton

In der Beurteilung der Situation orientiere man sich in St.Gallen an den Vorgaben des Bundes und des Kantons. Diese würden mit dem Entscheid, Freizeitanlagen offen zu halten, auch umgesetzt, heisst es in der Mitteilung der städtischen Dienststelle «Infrastruktur Bildung und Freizeit» ausdrücklich.

Zu berücksichtigen sei, dass an Veranstaltungen einschliesslich Personal nicht mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer anwesend sein dürften. Für Kinder- und Jugendtreffs gelte, dass sich dort, ebenfalls inklusive des Personals, nicht mehr als 50 Personen gleichzeitig aufhalten dürften, schreibt die Stadt. Und macht auf Präventionsmassnahmen aufmerksam, die gemäss den Bundesvorgaben durchgesetzt werden müssten:

  • Personen, die krank sind oder sich krank fühlen, müssen ausgeschlossen werden.
  • Besonders gefährdeten Personen müssen geschützt werden.
  • Die anwesenden Personen müssen über allgemeine Schutzmassnahmen wie Händehygiene, Abstandhalten oder Husten- und Schnupfenhygiene informiert werden.
  • Anpassungen der räumlichen Verhältnisse sind so vorzunehmen, dass die Hygieneregeln eingehalten werden können.

 Sollten sich Gäste beziehungsweise Besucherinnen und Besucher nicht an die Präventionsmassnahmen halten, kann die Leitung der entsprechenden Institution die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reduzieren. Das hat das Hallenbad Sonnenrain in Wittenbach von sich aus gemacht. Dort werden nicht mehr als 50 Personen eingelassen, wie am Sonntag zu erfahren war. Die Maximalzahl von 100 wurde halbiert.  

Die Schwimmbäder im Ausserrhodischen sind seit Samstag alle geschlossen – obschon sie vom Kanton die gleichen Empfehlungen bekommen haben wie die Bäder im Kanton St.Gallen. In Speicher beispielsweise entschied der Gemeinderat, das Bad zu schliessen. In Gais war es ein Entscheid der Klinik, zu der Bad gehört.

Das grösste Bad der Region ist geschlossen

Mit seinem Entscheid, das Hallenbad Blumenwies, das Volksbad, die Eissportanlage Lerchenfeld, die Turnhallen und die Fussballfelder der Stadt und die Bibliotheken offen oder zugänglich zu halten, verletze die Stadt St.Gallen die Vorschriften des Bundesrats und die Empfehlungen des Kantons auf keine Art und Weise, sagt Felix Keller, Stabschef des Regionalen Führungsstabs St.Gallen-Bodensee. Sie bewege sich im Rahmen der Vorgaben. «Man kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht alle Menschen einsperren», sagt Keller. Zudem sei es jedem Einzelnen selbst überlassen, ob er ins Hallenbad schwimmen gehe, oder auf einem Rasenfeld Fussball spiele oder daheim bleibe. Und:

Felix Keller, Stabschef des Regionalen Führungsstabs St.Gallen-Bodensee.

Felix Keller, Stabschef des Regionalen Führungsstabs St.Gallen-Bodensee.

Bild: PD
«Unter Einhaltung des nötigen Sicherheitsabstands sind soziale Kontakte wichtig.»

Die Genossenschaft Migros Ostschweiz hat den Säntispark geschlossen. Wohl deshalb, weil der Betrieb für 100 Gäste nicht wirtschaftlich ist.

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