St.Galler Kita-Kinder turnen mit Altersheimbewohnern

Im Wohn- und Pflegehaus Wienerberg im Quartier Rotmonten in St.Gallen findet jeden Monat eine Generationenwoche statt. Kinder aus der Kindertagesstätte Löwenzahn treffen auf Betagte. In der gemeinsamen Turnstunde geben alle vollen Einsatz. Der Altersunterschied beträgt bis zu 100 Jahre.

Christina Weder
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«Schau, die Frauen tragen auch Turntäppeli»: Kinder und Seniorinnen lernen sich im Wohn- und Pflegehaus Wienerberg kennen. (Bild: Urs  Bucher)

«Schau, die Frauen tragen auch Turntäppeli»: Kinder und Seniorinnen lernen sich im Wohn- und Pflegehaus Wienerberg kennen. (Bild: Urs Bucher)

Die bald vierjährige Jael blickt auf den Boden und mustert die Füsse vor sich. «Schau, die Frauen tragen auch Turntäppeli», sagt ihre Kita-Betreuerin. Es ist eine ungewöhnliche Gruppe, die sich an diesem Morgen im Wohn- und Pflegehaus Wienerberg in Rotmonten zum Turnen trifft. Der Altersunterschied zwischen dem jüngsten Teilnehmer und der ältesten Teilnehmerin beträgt 96 Jahre. Doch das scheint für niemanden ein Problem zu sein.

Werfen, fangen, rollen

Die acht Seniorinnen zwischen 86 und 98 Jahren haben bereits erste Aufwärmübungen hinter sich, als die Kinder von der benachbarten Kindertagesstätte Löwenzahn mit zwei Betreuerinnen dazustossen. Neben Jael sind der dreijährige Johann und der zweijährige Moritz mit von der Partie. Normalerweise nehmen doppelt so viele Kinder an der Turnstunde teil, doch wegen der Grippe ist die Gruppe kleiner.

Während Jael und Johann bunte Bälle verteilen, bleibt Moritz auf dem Arm seiner Betreuerin und schaut aus sicherer Distanz zu. Die Seniorinnen bleiben während der Turnstunde auf ihren Stühlen sitzen, denn einige sind nicht mehr gut zu Fuss. Sie bücken und strecken sich nach den Bällen.

(Bild: Urs Bucher)
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Jael und Johann wirbeln zwischen ihnen umher, rennen den Bällen nach und werfen sie den Seniorinnen zu. Das geht zuweilen schief. Mal fliegen die Bälle nach hinten statt nach vorne, mal spicken sie durch den Raum. Doch wenn ein Wurf gelingt, ist die Freude gross.

Mehr als nur turnen

Im Wohn- und Pflegehaus Wienerberg, wo 65 Seniorinnen und Senioren zu Hause sind, hat die sogenannte Generationenwoche begonnen. Sie findet jeden Monat statt. Eine Woche lang werden die Kinder aus der Kinderkrippe und dem Schülerhort täglich zu zwei gemeinsamen Aktivitäten eingeladen. Jung und Alt turnen nicht nur zusammen, sie kochen, malen, lesen, basteln, treffen sich zur Singrunde, zum Spielplausch, zum Handarbeiten oder im Sommer zum Gärtnern. Bernadette Frischknecht, die für das Programm verantwortlich ist, sagt:

«Ziel ist, Begegnungen zwischen den Generationen zu ermöglichen.»

Schon seit Jahren lädt das Alterszentrum die Kita-Kinder zu besonderen Anlässen ein, etwa zur Fasnacht oder zu Sommerfesten. Daraus sei die Idee entstanden, sich regelmässiger zu treffen. Seit knapp einem Jahr findet jeden Monat die Generationenwoche statt. Die Erfahrungen sind positiv. Es habe sich gezeigt, dass weder die Kinder noch die Senioren Berührungsängste hätten. «Unsere Bewohner freuen sich auf die gemeinsamen Aktivitäten», sagt Bernadette Frischknecht. Und Heimleiter Pascal Gmür fügt an: «Die Kinder bringen Abwechslung in den Alltag.»

Für beide eine Bereicherung

Ähnlich sieht es Kita-Gruppenleiterin Janina Ruppanner. Sie spricht von einer tollen Gelegenheit, die sich durch die direkte Nachbarschaft ergeben habe. Auch die Kita-Kinder könnten profitieren. «Sie finden es lässig, wenn ihnen ältere Leute etwas zeigen.» Umgekehrt bringen die Kinder neue Ideen und Spontanität ein. Bei jüngeren Kindern, die noch nicht lange still sitzen können, biete sich die Turnstunde geradezu an.

Diese neigt sich dem Ende zu. Jael darf noch ein Lied aussuchen und wünscht sich «Det äne am Bergli». Mit einem inbrünstigen «Tut, tut» beendet Johann das Lied, und Jael stellt fest, dass Moritz gar nicht mitgesungen hat. Die Seniorinnen lachen. Es sei so herzig. «Wir freuen uns immer», sagt eine Teilnehmerin, während ihr Rollstuhl in den Raum geschoben wird. Eine andere erzählt, sie sei keine grosse Turnerin, und manchmal gebe es einen Zwick im Rücken. Trotzdem möchte sie die Turnstunde nicht mehr missen.