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St. Galler Innenstadt: Leere Lokale in der Neugasse füllen sich wieder

In der St. Galler Neugasse haben sich in letzter Zeit mehrere Geschäfte aus der wichtigen Einkaufsmeile verabschiedet, darunter auch alteingesessene. Doch wo Läden schliessen, wird auch Platz frei für Neues.
Marco Cappellari
Finnshop ist nur eines der Geschäfte, die dieses Jahr die Neugasse verlassen. (Bild: Thomas Hary)

Finnshop ist nur eines der Geschäfte, die dieses Jahr die Neugasse verlassen. (Bild: Thomas Hary)

Seit eh und je scheint er hier zu stehen: Stadtvater Vadian. 2,8 Tonnen schwer, den Blick fest in die Marktgasse gerichtet. Doch erst der Abbruch des alten Rathauses 1877 hat den Platz geschaffen, auf dem Vadian heute steht. Erst der Abbruch gab auch den Blick auf die Neugasse frei. Die Gasse, die lange ein buchstäbliches Schattendasein gefristet hatte, entwickelte sich in der Folge zu einem der attraktivsten Standorte der Stadt – eine klassische Flaniermeile.

Mitte 2018: In der Innenstadt scheinen immer mehr Ladenlokale leer zu stehen, das Ladensterben ist zum Dauerthema geworden. Die Neugasse schien vor den Sommerferien besonders dramatisch davon betroffen zu sein. Erst gab der Finnshop bekannt, nach über drei Jahrzehnten an der Neugasse zu schliessen. Dann folgten kurz nacheinander die Schuhgeschäfte Walder und Navyboot. Auch kleinere Läden und Boutiquen verabschiedeten sich.

Über 40 Bäckereien in der Stadt

«In den 1960er-Jahren gab es 46 Bäckereien in St. Gallen», erzählt Matthias Schwyter, der bis im vergangenen Jahr die gleichnamige Bäckerei führte, welche sich seit 1905 an der unteren Neugasse befindet. Schwyter kennt die Gasse gut und ist hier aufgewachsen. «Als Geschäftsführer sieht man vieles», sagt Schwyter. So auch die Abnahme der Kundenfrequenz. Diese sei seit Jahren rückläufig. Früher sei der Standort durch einen hervorragenden Branchenmix aufgefallen. «Die Vielfalt verschwindet. Heute gibt es zu viele Auswärtige, die gleich wieder weg sind, wenn es einmal nicht mehr läuft.» Gemeint sind nationale und internationale Ketten, die den Hauptsitz weitab der Neugasse und der Gallusstadt haben. «Früher war es selbstverständlich, dass die einzelnen Ladenbetreiber zusammenarbeiteten. Häufig gehörte den Ladenbetreibern auch die Liegenschaft, in der ihr Geschäft lag.» Seit dies nur noch in Ausnahmefällen so sei, tue sich auch nicht mehr viel in der Neugass-Gesellschaft, der Schwyter offiziell noch immer vorsteht. Schwyter hat seine Bäckerei letztes Jahr verkauft. An einen Aargauer.

Auch Roland Wagner, Chef der Alpstein-Drogerie, war einmal Präsident der Neugass-Gesellschaft. Diese habe an Bedeutung verloren (siehe Zweittext). Den Grossteil des Umsatzes macht er mit Stammkunden. «Seit die Parkplätze in der Gegend der Reihe nach wegfallen, verirren sich immer weniger Spontankäufer in die Neugasse», ist er sich sicher. «Das verstärkt die Abnahme der Kundenfrequenz.» Wie Schwyter vermisst auch Wagner den guten Branchenmix. «Es braucht einmalige Läden.»

Internet nicht alleine Schuld

«Grosse Ketten haben zum Teil auch andere Gewinnerwartungen als Alteingesessene», erklärt Ralph Bleuer von Pro City den Umstand, dass immer wieder Filialen grosser Ketten schliessen – häufig sogar nach kurzer Zeit. Auch das viel gescholtene Internet habe nicht alleine Schuld am Ladensterben. «Viele Geschäfte machen es sich zu einfach. Wenn sie ein Produkt nicht auf Lager haben, verweisen sie die Kunden aufs Internet, statt für den Kunden das Produkt zu bestellen.» So würden die Geschäfte unnötig Kundschaft ans Internet verlieren. «Die Probleme der Neugasse sind nicht hausgemacht, sondern betreffen die ganze Stadt. Die Kundenfrequenz nimmt zum Beispiel überall tendenziell ab.» Die Stadt alleine könne nicht alle Probleme lösen. Auch der Markt und das Gewerbe seien gefragt.

Kein Ende in Sicht

Bei aller Schwarzmalerei: Geschäfte wie die Bäckerei Schwyter und die Alpstein-Drogerie zeigen, dass es funktionieren kann. «Die Neugasse ist nach wie vor eine der grossen Einkaufsgassen der Stadt», sagt Bleuer. Wo Geschäfte schliessen, machen zudem neue auf. So hat an der Neugasse 39 vor kurzem ein holländisches Café eröffnet, unweit des «Haus zum tiefen Keller», wo Vadian während seiner Zeit als Bürgermeister gewohnt hat. Aus der ehemaligen Boutique neben Tally Weijl ist das Naturkosmetik-Geschäft Farfalla geworden. Die Coop-Filiale in der Gasse ist immer gut gefüllt. Und Labhart Chronometrie zieht bald gar von der Markt- in die Neugasse.

«Ich glaube nicht, dass die Neugasse untergehen wird», sagt Stefan Kellenberger, der die Wellauer-Filiale führt. Der Rauchwarenladen existiert seit 1958 im Erdgeschoss des Amtshauses an der unteren Neugasse, in dem drei der fünf Stadträte ihr Büro haben. «Tabak ist ein Genussmittel. In einer hektischen Zeit ist er für viele ein willkommener Ausgleich», sagt Kellenberger. Die Atmosphäre in seinem Laden ist entspannt, Kellenberger legt Wert auf guten Service. «Die Kundschaft schätzt, wenn nicht nur der Umsatz im Vordergrund steht.» Vielleicht ist dies das Geheimrezept.

Das Ende der Gassengesellschaft?

Gassengesellschaften wie die Neugass-Gesellschaft sind Vereinigungen von Ladenbetreibern innerhalb einer Gasse und hatten früher viel Einfluss auf die Stadtentwicklung. Die Neugass-Gesellschaft etwa hat 1877 das Haus an der Stelle des heutigen Durchbruchs zum Oberen Graben gekauft, um es abzureissen, sagt Matthias Schwyter. Davon profitiere die Neugasse bis heute. Später lag beispielsweise noch die Finanzierung und das Aufhängen der Weihnachtsbeleuchtung im Zuständigkeitsbereich der Gesellschaft. Auch gemeinsame Schaufensteraktionen, bei denen sich alle Geschäfte einem gemeinsamen Thema widmeten, wurden organisiert.

«Die Neugass-Gesellschaft hat nach und nach an Bedeutung verloren», sagt Roland Wagner, einst selber Präsident der Gesellschaft. Die Gründe sind vielfältig. «Früher hat ein Ladenbetreiber gerne in die Kasse gegriffen, um die Neugass-Gesellschaft zu unterstützen», sagt Wagner. Heute könnten die Filialleiter ohne die Zustimmung des Hauptsitzes gar nichts mehr machen. «Es will sich kaum jemand mehr ehrenamtlich engagieren», klagt Matthias Schwyter, der aktuelle Präsident der Neugass-Gesellschaft.

Schwyter betont, dass es die Gesellschaft nach wie vor gebe. Auch wenn er einräumt, dass keine regelmässigen Sitzungen mehr stattfänden. An die Auflösung denke er momentan nicht. Als das Thema vor Jahren aufgekommen sei, habe sich der Quartierspolizist dafür eingesetzt, dass die Gesellschaft erhalten bleibe. «Er wollte einen zentralen Ansprechpartner bei Themen, die die Gasse betreffen», sagt Schwyter. Deshalb gebe es die Gesellschaft noch, obwohl die Stadt heute in Pro City einen Ansprechpartner für die ganze Stadt habe. (mac)

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