Interview
St.Gallens Görtler nach dem Unentschieden gegen YB: «Mich nervt das Konstrukt mit dem Videoschiedsrichter»

Einer der auffallendsten Spieler beim 3:3 im Spitzenspiel zwischen St.Gallen und den Young Boys war Lukas Görtler, der das 3:2 erzielte. Im Interview spricht er über den aufwühlenden Match.

Renato Schatz
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Alle dachten, Sie seien der Siegtorschütze. Sie auch?

Das dachte ich auch für einige Minuten. Ich muss aufpassen, was ich sage. Es lief sehr unglücklich. Aber ein Lob an meine Mannschaft. Was für eine Mentalität! Wenn man vor der Pause zwei Gegentore kriegt und so aus der Pause kommt. Eine Halbzeit lang in der Hälfte der Berner zu spielen, alles unter Kontrolle zu haben. Wir wussten, wenn wir so weitermachen, fallen die Tore. Und so kam es dann auch. Eine Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt von etwa 22 Jahren und jeder sagt: Wir wollen das Spiel gewinnen. Und dann machen wirklich noch das 3:2. Was dann passiert, ist unglaublich.

Aufpassen, was sagen? Was macht es so schwierig, jetzt klare Worte zu finden?

Zum einen nervt mich das ganze Konstrukt mit dem Videoschiedsrichter. Das nimmt dem Sport viel an Emotionen, die ihn auszeichnen. Nach jedem Tor muss man eineinhalb Minuten zittern und warten, ob das Tor überhaupt zählt. Im ersten Spiel in Luzern wurde uns ein Elfmeter weggenommen, obwohl es kein deutlicher Fehlentscheid war. In Basel wurde uns ein Tor weggenommen, obwohl es kein deutlicher Fehlentscheid war. Und heute kann man den Elfmeter geben. Ob es ein klarer Fehlentscheid ist, weiss ich nicht. Und dann hält Zigi den Elfmeter, was fast schon Comedy ist. Weil der Torwart drei Zentimeter vor der Linie steht, wird er wiederholt. Ich habe in meinem Leben vielleicht schon 3000 Elfmeter gesehen, bei 2999 ist genau dasselbe passiert und er wurde nicht wiederholt. Umso bitterer, so zwei Punkte herzugeben.

Kann man trotzdem positive Dinge mitnehmen?

Wir haben gezeigt, dass wir mit Bern nicht nur mithalten können, sondern sogar dominieren. Dass wir zurückkommen können. Die Mannschaft hat sich in der Halbzeitpause gesagt: Wenn wir für eines stehen in dieser Saison, dann dafür, dass wir nicht nur stark loslegen können, sondern auch Spiele drehen. Das haben wir uns heute selbst bewiesen. Ich bin stolz, Teil der Mannschaft zu sein. Denn das ist eine ganz besondere Truppe. Ich geniesse es, hier zu spielen.

Habt ihr mit YB am letzten Spieltag eine Rechnung offen?

Mal sehen, was dort passiert. Aber ich freue mich darauf.

Wie ist das 3:3 einzuordnen?

Ich glaube, es ist sehr ärgerlich. Die Enttäuschung ist natürlich gross. Wir hätten die drei Punkte mehr als verdient. Aber nach zwei, drei Tagen Ruhe, wenn der Kopf wieder frei ist, dann kommt, glaube ich, eher das Gefühl, dass wir stolz sein können. Und dass wir, wenn wir so weiterspielen, noch mehr Spiele gewinnen.

War das heute die Meisterprüfung?

Nein, das ist ein bisschen weit hergeholt. Oft entscheiden sich Meisterschaften in Spielen gegen vermeintlich leichtere Gegner. Aber es ist nicht unser Anspruch, zu sagen, dass wir jetzt Meister werden wollen. Nur, weil wir gegen YB mithalten können. Das wussten wir schon lange. Das Ziel von uns ist es, das Maximum herauszuholen. Das heisst: in jedem Spiel drei Punkte. Am Ende schauen wir, was dabei herauskommt.

YB hat dreimal so viel Fouls gemacht wie St. Gallen. War der FCSG einfach immer einen Schritt schneller?

Ja, vielleicht waren wir gedanklich etwas schneller. Vielleicht auch deshalb, weil wir oftmals viel riskieren, wenn wir am Ball sind.