Schneeballschlacht am Spisertor: Die Stadt St.Gallen gibt es nun zum Verschenken

Jetzt kann Weihnachten kommen: Die Stadt gibt es nun auf einen Geschenkpapier als Wimmelbild zum Einpacken. Wie eine Reise nach Berlin das Ganze ins Rollen brachte.

Viola Priss
Merken
Drucken
Teilen
Sie schenken St. Gallen sein eigenes Papier: Sandra Künzle, Theodor Pindl und Sandra Neff (von links).

Sie schenken St. Gallen sein eigenes Papier: Sandra Künzle, Theodor Pindl und Sandra Neff (von links).

Bild: PD

«Wie, jetzt schon für Weihnachten? Ist doch erst Juli», dachte sich die Passantin, als sie die drei mit Geschenken jonglierenden Gestalten in der Kirchgasse sah. Dass es sich hierbei um kein gewöhnliches Weihnachtspapier handelt, merkte sie auf den zweiten Blick:

«Ein Wimmelbild der Stadt St.Gallen als Geschenkpapier. Wow, das hätte ich von meiner Heimatstadt auch gern.»

Noch vor Verkaufsstart im Einzelhandel folgt also schon der Beweis: Das St.Galler Geschenkpapier in Form eines Wimmelbilds berührt die Menschen. Genau das hatte Theodor Pindl, Intendant des ökumenischen Vereins Wirkraum Kirche, im Sinn, als er inspiriert von einer Berlinreise in die Wahlheimat zurückkehrte. St.Gallen sei nicht nur Stiftsbibliothek und Textilmuseum, St.Gallen sei insbesondere auch seine Bewohner, so Pindl. Alle sollten sich in diesem Projekt wiederfinden können. Eine Perspektive auf die Stadt sollte es sein, aber keine Stadtkarte, nicht von oben herab, sondern aus der Perspektive der Leute. Analog statt Google Maps, nachhaltig statt zum Wegwerfen.

Schneeballschlachten mit dem Bär

Es folgten viele Gespräche, noch mehr Überlegungen und schliesslich nahm die Idee des Geschenkpapiers mehr und mehr Gestalt an. Zusammen mit Grafikerin Sandra Künzle, Managerin des Projekts, und der Künstlerin Sandra Neff liegt das Wimmelbild St.Gallens nun zum Bestellen, Einpacken, Verschenken oder Behalten bereit.

Über das 648 auf 916 Millimeter grosse Ergebnis gebeugt, fangen alle drei begeistert an, mit den Fingern die Gassen entlang zu wimmeln. Da ist zum Beispiel das spazieren gehende Männlein, dessen Hund erst bei näherem Hinsehen ein Blindenhund ist. Hier ist die Beleuchtung «Alles Stern» der originalen Route entlang abgebildet. «Da, das verirrte Kamel finde ich auch klasse», sagt Sandra Neff und Kollegin Künzle ergänzt, sie habe sich sehr über Signers rotes Fass gefreut: «Poetisch, mit einem Augenzwinkern, nur auf den ersten Blick sehr einfach und bodenständig – typisch St.Gallen.»

Auf Entdeckungstour mit dem Zeigefinger

Zwischen «Schau mal hier!» und «Ach ja, dort. Das hab ich schon ganz vergessen», wirken die vielen Stunden Konzeptarbeit wie ein Kinderspiel. Gleichzeitig sollte das Papier –anders als sein berühmtes Kinderbuchpendant – aber Träger einer Botschaft sein. Im wimmelbildtypischen Chaos vermittelt das Taubenblau des Papiers etwas, das schrilles, herkömmliches Weihnachtspapier selten transportiert: Frieden. Frieden sei immer wieder die Antwort gewesen, als Künzle Anfang ­dieses Jahres auf die Gasse ging und Passanten fragte: Was macht die Stadt für euch zur Heimat? Was gehört für euch auf dieses Papier? Was wünscht ihr euch?

Die Leere der Gassen, die Ruhe der Stadt, die Besonnenheit dieses von Corona geprägten 2020 sollten auf dem Papier Raum finden. Wie das Papier 2021 aussieht? Darauf sind die Macher selbst gespannt: «Das Papier lebt und entwickelt sich mit den Menschen und ihrem Leben darin mit», sagt Neff. Die St.Galler sollten stolz sein, auf ihre Stadt, finden die drei. Auch dazu soll das Geschenkpapier dienen. Weg aus St.Gallen erkannte auch Künzle so richtig, «was für ein kleines, Juwel» St.Gallen sei und zügelte zurück. «Schubladen wie Nationalitäten oder Glaubensrichtungen stehen hier nicht im Vordergrund. Man kommt miteinander ohne Attitüde ins Gespräch.»

»Schöni Wiehnachte» in 110 Sprachen

Sollte es doch mal Schwierigkeiten geben, im interkulturellen Dialog, so müsse man nur das Geschenkpapier wenden. In 110 Sprachen wünscht das Papier auf der Rückseite frohe Weihnacht. Alle Sprachen würden auch in St.Gallen gesprochen, sagt Neff. Indiz für einen Kosmopolitismus, den das «Städtchen zwischen Konstanz und Zürich», wie es in manchem Reiseführer genannt wird, so nicht auf Anhieb vermuten lässt. Doch es wäre kein modernes Projekt, würde es das Thema Nachhaltigkeit aussen vor lassen: Ein Teil des Erlöses kommt der Organisation Ostschweizer helfen Ostschweizern zugute und produziert wurde es in der Region.

Bei allem Zeitgeist hat auch die Tradition ihren Platz auf dem Papier: Der Weihnachtsbaum, der vom Helikopter auf den Klosterplatz geflogen wird, der Zolli–Bolli oder die Sternsänger, die durch die Strassen ziehen. Der St.Galler Bär – der vorbei an den 101 Erkern, aber auch an der Synagoge und dem muslimischen Gebetshaus schleicht. So geht man innerlich wie auf dem Papier auf Reise. Und auch manches Papier wird auf Reise geschickt. «Wenn ich Weihnachten schon nicht bei der Familie sein kann, ist so immerhin ein Stück meiner neuen Heimat bei ihnen», sagt die Passantin und notiert schnell, wo sie ab Oktober das Weihnachtspapier kaufen kann.