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Eine Führung durch das rassistische St.Gallen früherer Tage

In St.Gallen wurden früher wie in anderen Städten Minderheiten ausgestellt, erniedrigt und verfolgt. Die Spuren sind mancherorts heute noch sichtbar.
Marlen Hämmerli
Büste am «Haus zum Mohrenkopf». (Bild: Sandro Büchler)

Büste am «Haus zum Mohrenkopf». (Bild: Sandro Büchler)

An der Wand des «Haus zum Mohrenkopf», hoch über der Spisergasse, thront der Kopf einer schwarzen Frau. Die Lippen sind wulstig und rot, die Nase breit. Dazu trägt sie goldene Ohrringe und eine Perlenkette. «Alles stereotype Merkmale», sagt der St.Galler Historiker und Stadtführer Hans Fässler auf einer Führung zu den Spuren von Rassismus in der Stadt.

«Ist das rassistisch?» Von den rund 35 Personen, die an diesem Abend die Führung besuchen, erhält Fässler keine klare Antwort. Anders war das bei einer Gruppe Jugendlicher aus Russland, Lettland und weiteren Ländern, die Fässler vor einiger Zeit durch die Stadt führte. «Eine der Jugendlichen sagte, die Frau sehe mit dem Schmuck und dem würdevollen Blick aus wie eine Prinzessin.»

Über das 1625 erbaute Haus an der Spisergasse 20 ist nur wenig bekannt. Weshalb also ausgerechnet ein «Mohrenkopf» über dem Erker prangt, bleibt offen. Eventuell habe die Witwe von Dr. Rotmund, der das Haus gehörte, ihre Weltläufigkeit zeigen wollen, sagt Fässler.

«Möglich ist aber auch, dass der Künstler einen solchen Kopf im Angebot hatte und erklärte, das sei angesagt.»

St.Galler waren Sklavenbesitzer

Klar rassistisch waren die acht Plantagen samt Sklaven, die St.Galler Familien im 18. Jahrhundert in Surinam, Guyana und den USA besassen. Die Besitzerfamilien spielten alle bedeutende Rollen im städtischen Leben, waren Kaufleute, Bürgermeister oder Bankiers. Bekannte Namen sind etwa Kunkler, Züblin oder Zollikofer. «Sklaverei war nur möglich, weil diese Menschen verachtet wurden», sagt Fässler. «So konnte dem Leiden der Versklavten mit Gleichgültigkeit begegnet werden.»

Hinterlauben wurde «Judengasse» genannt

Eine andere Art von Rassismus ist der Antisemitismus, gemäss Fässler der Hass auf die im 19. Jahrhundert konstruierte «Rasse» der Juden. «Bis ins 19. Jahrhundert nannte man die Hinterlaube ‹Judengasse›», erzählt Fässler vor dem Restaurant Papagei. Im Mittelalter hatten sich hier jüdische Familien angesiedelt. Im 14. Jahrhundert kam es dann in St.Gallen wie in vielen Städten zu einem Progrom. Am 23. Februar 1349 wurden alle ansässigen Jüdinnen und Juden verbrannt. 1500 bauten hier dann alteingesessene Familien herrschaftliche Häuser.

1883 kam es zu antisemitisch motivierten Krawallen, «angestiftet von einem katholisch-konservativen Bezirksamman», sagt Fässler. Vor dem jüdischen Kaufhaus Bamberger hinter der heutigen Grabenhalle wurden Kundgebungen veranstaltet. «Wir freuen uns über die vielen Leute an den Klimastreiks. Damals besammelten sich jedoch 2000 Leute in einem kleineren St.Gallen.» Das Kaufhaus wurde geplündert, verwüstet und Kleider gestohlen. Ein Rekrutenbataillon war nötig, um die Ruhe wiederherzustellen.

Führung «Auf den Spuren von Rassismus»: Mittwoch, 15. Mai, 18 bis 19.30 Uhr, Besammlung beim Vadian. Die Unterlagen zur Führung sind hier abrufbar.

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