St.Gallen aus der Vogelperspektive

Alte Fotos gelten heute als wertvolle Zeitzeugen. Das sind auch die Luftbilder des St.Galler Fotohauses Gross.

Reto Voneschen
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Neudorf 1958. Was auffällt, sind die vielen Grünflächen zwischen den Häusern. An der Fuchsenstrasse oben rechts hat der Bauboom schon begonnen. (Bild: Stadtarchiv OBG SG)

Neudorf 1958. Was auffällt, sind die vielen Grünflächen zwischen den Häusern. An der Fuchsenstrasse oben rechts hat der Bauboom schon begonnen. (Bild: Stadtarchiv OBG SG)

Dank Digitaltechnik und Handykamera ist Fotografieren Allgemeingut. Heute wird alles abgelichtet und oft auch sofort online gestellt: Private Bilder vom Neugeborenen und vom 90. Geburtstag der Grossmutter werden der – mässig interessierten – Welt genauso gezeigt wie das geliebte Haustier, die Stammbeiz oder der Znacht.

Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der die Fotografie etwas Exklusives war, in der man sich und seine Liebsten in Sonntagskleidern vom lokalen Fotohaus ablichten liess. In jene Tage führt das Neujahrsblatt 2019 des Historischen Ve­reins des Kantons St. Gallen zurück. Es präsentiert News zur Fotografiegeschichte (Zweittext).

Fotohaus Gross ging ab den
1930er-Jahren in die Luft

Ein Kapitel des vielfältigen und daher nicht nur für Historiker interessanten Bandes ist den Luftbildern gewidmet, die das Fotohaus Gross mit Sitz in St. Fiden ab 1931/32 produzierte und auch in Form von Ansichtskarten unters Volk brachte. Der Blick von oben auf die Stadt St. Gallen (und den Rest der Ostschweiz) war damals etwas Ungewohntes. Entsprechend beliebt waren neben den konventionellen Karten die aus der Luft fotografierten Motive von Foto Gross. Damals ging die Rechnung so offensichtlich auf.

Das wäre heute wohl nicht mehr der Fall: Auch der Blick von oben ist aufgrund der technischen Entwicklung nichts Spezielles mehr. Satellitenaufnahmen der Stadt St. Gallen sind jederzeit übers Internet einsehbar. Zudem surren immer mehr Profi- und Hobbyfotografen mit Drohnen über die Stadt.

700 Aufnahmen nur schon
von der Stadt St.Gallen

«Motor» hinter der grossen Luftbildsammlung des Fotohauses Gross, war Hans Gross (1911–1989). Er kam während seiner Ausbildung zum Fotografen mit der damals noch jungen Disziplin der Flugbildfotografie in Kontakt. Erst nachdem er ins elterliche Geschäft zurückgekehrt war, wurde regelmässig geflogen, wie der St. Galler Stadtarchivar Thomas Ryser in seinem Beitrag im Neujahrsblatt schreibt. Ab dann vergaben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Foto Gross mehr als 7300 Aufnahmenummern allein für Luftbilder. Darunter sind rund 700 Aufnahmen mit Motiven aus der Stadt St. Gallen.

Hans Gross fotografierte auch aus so einer «Bücker Jungmann». Im Bild fliegt der Doppeldecker 1937 am Bodensee bei Altenrhein.

Hans Gross fotografierte auch aus so einer «Bücker Jungmann». Im Bild fliegt der Doppeldecker 1937 am Bodensee bei Altenrhein.

Dieser «Bilderschatz» liegt heute in den Stadtarchiven der Politischen und der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. In den acht Jahrzehnten, in denen von ihm Luftaufnahmen produziert wurden, hat das Fotohaus Gross immer wieder gleiche oder ähnliche Motive fotografiert. So entstanden langfristig angelegte Aufnahmeserien, die den stetigen Wandel des Ortsbildes dokumentieren. Damit sind die Luftbilder heute gemäss Stadtarchivar Thomas Ryser ein wichtiges visuelles Kulturgut für St. Gallen.

Erste Luftbilder stammen von Ballonpionier Spelterini

In der Frühzeit von Fotografie und Fliegerei entstanden die ersten Luftbilder aus Ballonen heraus. Die ersten derartigen Fotos der Stadt St. Gallen dürfte der lokale Ballonpionier Eduard Spelterini (1852–1931) angefertigt haben. Dies im Zeitraum zwischen 1882 und 1891.

Der gebürtige Bazenheider unternahm von 1870 bis 1926 im In- und Ausland rund 570 Ballonfahrten. 1898 gelang ihm auch die erste Alpenüberquerung im Ballon (Ausgabe vom 24. Juni).

Der erste Fotograf der Schweiz

St. Gallen hat im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in diversen Bereichen Pionierarbeit geleistet. Dass dies nach 1839 auch im Bereich der Fotografie der Fall war, dürfte den wenigsten Städterinnen und Städtern bewusst sein. St. Galler Fotopionier der ersten Stunde war Johann Baptist Isenring. Er kam aus Lütisburg und führte in der Stadt St.Gallen eine Kunsthandlung. Er war nicht nur der erste Schweizer Fotograf, ihm verdanken wir auch die allererste Fotoausstellung der Welt. Isenring und seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern ist jetzt der 159. Band des Neujahrsblattes des Historischen Vereins des Kantons St.Gallen gewidmet. «Rietmann, Gossauer, Maeder & Co. – Neues zur St.Galler Fotografiegeschichte» ist im Buchhandel oder beim Verlagshaus Schwellbrunn (www.formatost.ch unter dem Stichwort «Bücher») erhältlich. (vre)