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Die Stadt St.Gallen ist auch eine Bank: Niemand zahlt mehr Zinsen als sie

Mitarbeiter können Geld bei der Stadt anlegen. Sie erhalten 20-mal mehr Zinsen als die Sparkunden der St.Galler Kantonalbank.
Daniel Wirth
Während die Mitarbeiter der Dienststelle Stadtgrün ihr Übergewand im Werkhof hängen lassen, arbeitet ihr Geld auf dem Personal-Anlagekonto der Stadt für sie weiter. (Bild: Benjamin Manser)

Während die Mitarbeiter der Dienststelle Stadtgrün ihr Übergewand im Werkhof hängen lassen, arbeitet ihr Geld auf dem Personal-Anlagekonto der Stadt für sie weiter. (Bild: Benjamin Manser)

Anders als die Europäische Zentralbank und die US-Notenbank hat die Schweizer Nationalbank (SNB) nicht an der Zinsschraube gedreht und den Leitzinssatz bei minus 0,75 Prozent belassen. Dennoch: Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, bis die Schweizer Banken die Negativzinsen an sämtliche Kunden mit einem Sparkonto weitergeben – bei institutionellen Anlegern und Firmenkunden werden bereits Strafzinsen erhoben. Generell: Die Zinsen auf einem gewöhnlichen Sparkonto decken heute bei Kleinanlegern nicht einmal mehr die Bankgebühren.

Anders sieht das bei der Stadt St.Gallen aus, die zwar keine Bank ist, aber ihren rund 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, ein Anlagekonto bei ihr zu eröffnen. Gegenwärtig werden 487 Konti geführt, wie Michael Urech, Leiter Finanzen der Stadt St.Gallen, auf Anfrage sagt. Insgesamt verwaltet die Stadt rund 59 Millionen Franken von aktuellen oder pensionierten Mitarbeitenden.

Stadt zahlt jährlich fast 300'000 Franken Zinsen an Mitarbeitende

Dieses angelegte Geld verzinst die Stadt mit 0,5 Prozent – das ist zehnmal so viel, wie Raiffeisen Schweiz ihren Banken empfiehlt oder 20-mal so viel, wie Kunden der St.Galler Kantonalbank für Geld erhalten, das sie dort auf einem gewöhnlichen Sparkonto parkieren. Es gibt Banker auf dem Platz St.Gallen, die stören sich daran, dass die Stadt für ihre Mitarbeitenden und Pensionierten Bank spielt. Offiziell sagen will das zwar niemand, aber an After-Work-Partys sind die Anlagekonti der Stadt unter Finanzfachleuten ein Thema.

«Wir wollen die Banken nicht konkurrenzieren», sagt Urech. Die Anlegerkonti bestehen gemäss dem Finanzchef der Stadt seit Mitte der 1970er-Jahre, als die Beschaffung von Geld auf dem Kapitalmarkt teuer war – wesentlich teurer als heute. Nimmt die Stadt heute kurzfristig Geld auf, profitiert sie von Negativzinsen. Michael Urech stellt das nicht in Abrede, relativiert aber, dass die Stadt Geld aufnehme und bei den Laufzeiten der Darlehen bewusst variiere. Im Durchschnitt liege die Zinslast bei 0,5 Prozent.

«Wir verschenken mit der Verzinsung der Mitarbeiterkonti keine Steuergelder», sagt Urech.

Und: «Hätte die Nationalbank den Leitzins vergangene Woche weiter gesenkt, hätten auch wir über eine Senkung des Zinssatzes nachdenken müssen.» Das sei zuletzt vor drei Jahren geschehen.

Finanzmarktaufsicht gab auch der Stadt Weisungen durch

2016 schrieb das Finanzamt der Stadt die Inhaberinnen und Inhaber eines Personal-Anlagekontos an und bediente sie mit neuen Weisungen; diese mussten ans Bankengesetz und an Weisungen der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (FINMA) angepasst werden. Bis zu diesem Zeitpunkt war es auch Witwen und Witwern von Mitarbeitenden und Pensionierten möglich, ihr Geld bei der Stadt anzulegen und von den im Vergleich mit Banken hohen Zinssätzen zu profitieren. Das ist heute nicht mehr möglich. «Als wir das vor drei Jahren änderten, wurden über zehn Millionen Franken abgezogen», sagt Michael Urech. Seither sei das Volumen stabil.

Dass Mitarbeitende bei einer Gemeinde oder einer Stadt Erspartes anlegen können, ist gemäss Urech in der Schweiz nicht üblich. Er kenne keine andere Stadt, die das ihren Mitarbeitenden ermögliche. Der Bund tut es hingegen auch, wie Tobias Lux, Mediensprecher der Finma, erklärt. Urech bezeichnet den «relativ hohen» Zins als die «letzte Lohnnebenleistung» für Mitarbeitende der Stadtverwaltung.

Acrevis-Verwaltungsratspräsident ist nicht eben begeistert

Markus Isenrich, Verwaltungsratspräsident der Bank Acrevis, sagt, aus Sicht der Mitarbeitenden sind die Anlagekonti der Stadt eine gute Sache. Für die Steuerzahler seien sie aber fragwürdig. Denn die Stadt habe heute keine Liquiditätsprobleme und könnte Geld für Investitionen auf dem Kapitalmarkt beschaffen. Für Markus Isenrich sind die Anlagekonti eine «Fehlallokation».

SVP-Stadtparlamentarier Christian Nef sagt, es sei anerkennend zu würdigen, dass Mitarbeiter mit dem Anlegen ihres Geldes der Stadt vertrauten. Der Unternehmer und Finanzfachmann kritisiert «die mangelnde Transparenz». Solche möglichen Zusatzeinkünfte gehören gemäss Nef ins Personalreglement. Stossend sei für ihn, dass Angestellte der Stadt gegenüber Einwohnern finanziell bevorzugt würden.

Die 59 Millionen Franken, die Mitarbeiter bei der Stadt deponieren, sind im Vergleich mit den 3,4 Milliarden Franken, die Kunden der Bank Acrevis anvertrauen, Peanuts. Die Stadt weist die Anlagen des Personals in ihrer Bestandesrechnung aus.

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