Spitaldirektor Robert Etter über Altersheim-Provisorium: «Ich verstehe nicht, was die Gossauer für ein Problem haben»

In Gossau sammelt eine Gruppe Unterschriften gegen ein Altersheim-Provisorium aus Modulen. Dabei lebt es sich darin ganz gut, wie ein Rundgang im St.Galler Bürgerspital zeigt. Dort wohnen die betagten Frauen und Männer schon seit drei Jahren in einem Modulbau.

Melissa Müller
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Blick in ein Modulzimmer im Haus Minerva im St. Galler Bürgerspital.

Blick in ein Modulzimmer im Haus Minerva im St. Galler Bürgerspital.

Bild: Urs Bucher

Wenn das Gossauer Altersheim Espel schliesst, müssen über 30 Bewohnerinnen und Bewohner provisorisch umquartiert werden. So lange, bis auf dem Andreasareal ein neues Altersheim gebaut werden kann. Das verzögert sich jedoch seit Jahren. Die Sana Fürstenland will die Bewohner des Espels in einem temporären Modulbau neben dem Altersheim Schwalbe unterbringen. Die IG für ein optimiertes Pflegeheim (IGOP) bezeichnet dies als schlechte Lösung und hat dagegen das Referendum ergriffen. Die Unterschriftensammlung endet heute. Auch Leserbriefschreiber lehnen die Übergangslösung ab. ­Module mit einer Gesamtfläche von 21 Quadratmetern seien zu klein, um mehrere Monate oder gar Jahre darin zu leben, schreibt einer. «Kann man die Menschen für ihren allerletzten Lebensabschnitt in ein Provisorium zwingen?», fragt ein anderer.

Die meisten merken nicht, dass es ein Provisorium ist

Wie lebt es sich in einem Wohnmodul? Etliche Altersheime und Spitäler arbeiten bereits damit – zum Beispiel die Geriatrische Klinik in St. Gallen. Weil das Hauptgebäude totalsaniert wird, leben die betagten Frauen und Männer seit drei Jahren in einem Provisorium. Der schokoladenbraune, kantige Bau sieht von aussen aus wie ein normales Fertighaus. Er liegt hinter dem Bürgerspital, dem Garten und Park zugewandt.

Der provisorische Bau aus Fertigmodulen beim St.Galler Bürgerspital.

Der provisorische Bau aus Fertigmodulen beim St.Galler Bürgerspital.

Urs Bucher

«Willkommen im Haus Minerva», sagt Robert Etter, Direktor des Bürgerspitals. Minerva sei die Göttin der Medizin und ein Symbol für das Wohlbefinden. Von Provisorium rede hier niemand. Und schon gar nicht von einem Container. Gegen dieses Wort ist Etter allergisch:

«Ein fataler Ausdruck. Da denkt man an eine Baracke, wo die Bauarbeiter Znüni essen – dabei ist das hier etwas grundlegend anderes.»

Die meisten Gäste merkten nicht einmal, dass sie sich in einem temporären Einheitsbau befinden. Sie wähnten sich in einem normalen Spital. Etters Rat: «Geben Sie dem Ding einen schönen Namen wie Haus Minerva oder Pavillon.» Das haben die Gossauer bereits getan: Sie reden vom Projekt «Schwalbe Plus».

Die Stube in der Geriatrischen Klinik in St.Gallen.

Die Stube in der Geriatrischen Klinik in St.Gallen.

Urs Bucher

Die Zimmer in den Modulen des St.Galler Bürgerspitals sind mit sonnengelbem Boden und Spitalbetten zweckmässig eingerichtet. Die meisten der dementen Bewohnerinnen und Bewohner halten sich ohnehin lieber im Korridor auf, wo etwas los ist und sie einen Schwatz halten können. Oder in der Stube, wo ein Christbaum glitzert.

Stationsleiter Jürgen Koch ist mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern vor drei Jahren in einen Modulbau gezogen. Und fühlt sich dort seit der ersten Minute wohl.

Stationsleiter Jürgen Koch ist mit seinen Bewohnerinnen und Bewohnern vor drei Jahren in einen Modulbau gezogen. Und fühlt sich dort seit der ersten Minute wohl.

Urs Bucher

«Unsere Räume sind hell, frisch und gemütlich», sagt Stationsleiter Jürgen Koch, seit der ersten Minute im Haus Minerva dabei. Im Mai wird er mit den 25 Patientinnen und Patienten in den Neubau zügeln.

«Solche Lösungen sind in der Heimbranche gang und gäbe. Ich verstehe nicht, was die Gossauer für ein Problem damit haben», sagt Direktor Robert Etter, der auch den Verband Curaviva präsidiert. Dieser vertritt die Interessen der Pflegeheime im Kanton St. Gallen.

Mit Kaffee und Kuchen ist es nicht getan

Eine Pflegerin nimmt eine alte Frau an die Hand. Vorsichtig setzt sie einen Fuss vor den anderen. Ein Pfleger liest einem Patienten aus der Zeitung vor. Selbst gebastelte Engel kleben an den Fenstern. «Das Haus macht nur etwa einen Drittel aus», ist Etter überzeugt.

Robert Etter ist Direktor des St.Galler Bürgerspitals und Präsident des Pflegeheimverbands Curaviva.

Robert Etter ist Direktor des St.Galler Bürgerspitals und Präsident des Pflegeheimverbands Curaviva.

Urs Bucher
«Entscheidender ist, wie man es belebt.»

Es reiche nicht, den Leuten Kaffee und Kuchen vorzusetzen. Gesellige Anlässe kommen am besten an. Je nach Jahreszeit schauen der Gmüesler, der Öpfelmaa oder der Chlaus vorbei. Die Pflegerinnen gehen mit den Leuten an die frische Luft. Im Winter besuchen sie im Garten ein Weihnachtszelt, in dem sich eine Krippe befindet. Im Sommer pflücken sie Beeren an den Hochbeeten. Auch Aktivierungen wie Gymnastik stehen auf dem Programm. «So gewinnt man Lebensqualität», sagt Etter.

Das Gymnastikzimmer besteht aus zwei Modulen.

Das Gymnastikzimmer besteht aus zwei Modulen.

Urs Bucher

Senioren in Kreuzlingen waren positiv überrascht

Auch das Altersheim Abendfrieden in Kreuzlingen hat gute Erfahrungen mit Modulen gemacht. Diese waren nötig, um den Betrieb während eines Umbaus aufrecht zu erhalten. «Unsere Bewohner waren positiv überrascht», sagt Geschäftsleiterin Mirjam Brühwiler. Manche hätten dem Modulbau, den sie «Gartentrakt» nannten, sogar nachgetrauert. Die Zimmer wurden mit Vorhängen und selbstgemalten Bildern behaglich eingerichtet. In Kreuzlingen wurde die Modullösung nie in Zweifel gezogen. «Ohne diese Lösung hätten wir unseren Betrieb halbieren und vielen Mitarbeitenden kündigen müssen.» Das hätte der Betriebskultur geschadet, glaubt Mirjam Brühwiler. Da Pflegefachkräfte sehr gesucht sind, hätte man lang gebraucht, um wieder ein Team aufzubauen.

Die meisten merken nicht einmal, dass das Haus Minerva beim Bürgerspital nur ein Provisorium ist.

Die meisten merken nicht einmal, dass das Haus Minerva beim Bürgerspital nur ein Provisorium ist.

Urs Bucher

Gutes Raumklima im Modul

Die Gossauer Firma Blumer-Lehmann hat das Provisorium fürs Altersheim Abendfrieden in Kreuzlingen, eines fürs St.Claraspital in Basel und viele andere Modulbauten erstellt. Zum Beispiel den gelben Lattich-Bau auf dem St.Galler Güterbahnhofareal.

Der Lattich-Bau beim Güterbahnhof St. Gallen.

Der Lattich-Bau beim Güterbahnhof St. Gallen.

Adriana Ortiz Cardozo

«Das Raumklima in Holzmodulen ist nachweislich besser als in üblichen Betonbauten», sagt Migga Hug, Leiter GU-Abteilung und Verkauf Modulbau bei Blumer-Lehmann. Auch er stellt fest, dass man den Modulbau oft mit dem Containerbau aus Metall gleichstellt. Das rühre von der standardisierten rechteckigen Form her. «Das eine hat allerdings mit dem anderen nichts zu tun», stellt Hug klar. Ein Holzmodulbau stehe der Dauerhaftigkeit eines konventionellen Baus in nichts nach.

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