Spielen mit dem Wald: Besuch in der ersten und einzigen Waldkita der Ostschweiz

Ein Jahr nach der Eröffnung zählt die Kindertagesstätte der Waldkinder St.Gallen bereits 30 Kinder aus 26 Familien.

Diana Hagmann-Bula
Drucken
Teilen
Leiterin Franzi Schäfer zeigt den Kindern, was es im Wald alles zu entdecken gibt. (Bild: Ralph Ribi)

Leiterin Franzi Schäfer zeigt den Kindern, was es im Wald alles zu entdecken gibt. (Bild: Ralph Ribi)

Man könnte meinen, man hört im Wald spielende Kinder von weitem. Tut man aber nicht. Kein Lachen, kein Schrei, der einem im Hagenbuchwald den Weg zur Gruppe weisen würde. «Für unsere Mädchen und Buben ist es normal, sich hier aufzuhalten. Sie müssen sich nicht mehr jeden Tag übermütig austoben. Ausserdem dämpft der Waldboden die Geräusche», sagt Franzi Schäfer, Leiterin der Kinderkrippe der Waldkinder St. Gallen. Seit einem Jahr besteht die erste und bisher einzige Waldkita in der Ostschweiz für zwei- bis vierjährige Kinder.

Im Winter noch flüchteten Schäfer und die Kleinen bei allzu tiefen Temperaturen ins Pfadiheim beim Chrüzweier. Nun fällt ein neuer Bauwagen am Wegrand auf. Dort warten neben einer Küche ein Schlafzimmer und eine Leseecke auf die Gruppe. «Seit März mussten wir nie rein», sagt Schäfer. Die 28-Jährige hat in Deutschland Erziehungswissenschaften, Erlebnis- und Abenteuerpädagogik studiert.

Im freien Spiel liegt das Potenzial des Waldes

Ein Abenteuer erlebt gerade Mara. Sie klettert an den Wurzeln eines Baumes eine steile Böschung empor. Ihr Stoffhase wartet oben und guckt zu. Heute braucht ihn das Mädchen besonders, der Abschied von Mama ist schwergefallen. Im Spiel mit den Gspänli vergisst sie bald, wie traurig sie ist. Sie ducken sich in eine Kuhle. «Ich bin Mama, du bist Papa.» Das Baby? Eine Plüschschildkröte. Nebenan balancieren Kinder über einen Baumstamm.

«Ich muss nicht mehr kochen», ruft eine Betreuerin und hält einen Topf in die Höhe, gefüllt mit Blättern. Suppe à la Waldkinder, lecker! Sie entleert den Behälter, geht damit zur Feuerstelle. Riz Casimir kommt heute auf den Tisch, also auf ein Tuch, das auf dem Boden liegt. Freies Spiel und Bewegung seien im Wald wichtiger als in anderen Kitas, sagt Franzi Schäfer. «Beides hält die Mädchen und Buben warm.»

Basteln? Ja, Zündwürfel aus Eierkarton, Waldmaterial und Kerzenwachsresten. «Die brauchen wir, um Feuer zu machen.» Oder Kugeln aus Lehm aus dem Bachbett, die sie zwischen zwei Stecken hinunterrollen lassen. Hier gibt es keine Kugelbahn, kein Puppenhaus, keine Werkbank. Und doch finden die Kinder all das vor. In ihrer Fantasie. «Es bestehen viele Möglichkeiten, sich zu vertun. Neue Kinder kann das überfordern. Wir helfen ihnen, herauszufinden, was sie mit dem Wald anstellen können», sagt Schäfer. Ganz nebenbei werde die Feinmotorik trainiert. Beim Hagebuttenpflücken. Oder wenn die Kinder den Rucksack schliessen. Ausrüstung, die im Wald nicht fehlen darf. Ebenso wie gute Kleidung.

Auch Streit gibt es in der Waldkita

So schön es im Sommer ist, unter dem Blätterdach Mittagsschlaf zu halten: An Regentagen kann die Laune bei den Waldkindern ganz schön mies sein. «Dann denke ich manchmal: So ein Bürojob wäre doch ganz nett», sagt Franzi Schäfer. Das Gute an den schlechten Tagen sei, dass sich die Beziehung vertiefe. «Schliesslich haben wir das üble Wetter zusammen ausgehalten.» Streit gibt es in der Waldkita dennoch. Die Kinder zanken sich um einen Platz auf dem Balancierbaum, um Stöcke und Steine, obwohl es Hunderte davon hat. «Die Objekte, die ein anderes Kind verwendet, erscheinen immer attraktiver.»

Ein Bub weint. Er ist die Böschung bei den Kletterwurzeln hinuntergekullert. Ist das Verletzungsrisiko im Wald höher? Schäfer verneint. «Auf der Strasse verunfallen Kinder eher. Hier federt der weiche Boden Stürze ab. Die Kinder tragen, auch wegen der Zecken, lange Kleider und schürfen sich die Knie nicht gleich auf.» Nur bei Sturm werde es gefährlich. Zeit für einen Ausflug auf den Bauernhof.

Der Traum vom Winzling in der Natur

Die Naturpädagogik kommt aus Skandinavien, fand über Deutschland in die Schweiz. Im Jahr 1998 starteten in St. Gallen und im zürcherischen Brütten die ersten Waldkindergärten hierzulande. Tendenz seither stark steigend. 30 Kinder aus 26 Familien begrüsst Franzi Schäfer ein Jahr nach der Eröffnung bereits in der Waldkita. Waldkinder sind laut Experten kreativer, können besser Probleme lösen, entwickeln sich sprachlich schneller. Gemäss dem US-Autor Richard Louv gibt es immer mehr Kinder mit ADHS, weil sie nicht mehr in Wald und Wiese spielen. So weit will Bea Latal, Leiterin der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Universitätskinderspital Zürich, nicht gehen: «Natürlich fördert das Spiel im Freien, mit Materialien der Natur, das Erleben mit allen Sinnen. Aber Entwicklung hängt nicht nur davon ab.

Auch drinnen, in der Spielküche, in der Puppenecke, mit Traktor oder Baustelle lerne das Kind. «Es stellt Alltagssituationen und soziale Interaktion nach.»
Leiterin Franzi Schäfer behauptet nicht, dass der Wald aus Kindern bessere Kinder macht. Aber sie glaubt, dass er ihnen Momente fürs Leben mitgibt. «Positive Erinnerungen an einen Rückzugsort in der Natur. Auch als Erwachsene werden unsere Mädchen und Buben noch im Wald Kraft tanken.»

Waldfest der Waldkinder St. Gallen: Samstag, 14. September, 14 Uhr, Hagenbuchwald. www.waldkinder-sg.ch