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Sie schlummerten unentdeckt im Stadtarchiv: Drei historische Bände verlassen Gossau

Die Stadt Gossau schenkt dem Stiftsarchiv drei Bücher aus dem 18. Jahrhundert. Sie schlummerten für Jahrhunderte im Stadtarchiv. Bis Historiker Karl Schmuki sie entdeckte. Ein besonderer Fund, nicht nur für ihn.
Noemi Heule
Lokalhistoriker Karl Schmuki (links) übergibt seine drei Fundstücke dem Stiftsarchivar Peter Erhart. Im St. Galler Stiftsarchiv werden die historischen Bände in sogenannten Fluchtcontainern verstaut. (Bild: Hanspeter Schiess)

Lokalhistoriker Karl Schmuki (links) übergibt seine drei Fundstücke dem Stiftsarchivar Peter Erhart. Im St. Galler Stiftsarchiv werden die historischen Bände in sogenannten Fluchtcontainern verstaut. (Bild: Hanspeter Schiess)

Es waren Rücken, die Karl Schmuki im vergangenen Herbst entzückten. Buchrücken, drei an der Zahl, die ihm aus den Regalen des Gossauer Stadtarchivs entgegenblickten. Bereits etwas ramponiert zwar, dennoch war dem Historiker sofort klar: Er hatte einen kleinen Schatz entdeckt. Denn die grossen Schmöker, sie gehörten da nicht hin. Eigentlich gehören sie ins St. Galler Stiftsarchiv, in dem die Verwaltungsdokumente der ehemaligen Fürstabtei St. Gallen aufbewahrt werden. Über Umwege sind sie nun doch noch an ihren Bestimmungsort gelangt; die Stadt Gossau hat sie dem Stiftsarchiv vermacht.

Gelegentlich steigt Karl Schmuki in die Keller des Gossauer Rathauses, wo das Stadtarchiv untergebracht ist. Im vergangenen Herbst war er auf der Suche nach Dokumenten aus dem 20. Jahrhundert, als er über die Bücher stolperte, deren Rücken sofort enthüllten, dass sie älter sein mussten. Sie stammen noch aus der ehemaligen Fürstabtei St. Gallen, die 1805, zwei Jahre nach der Kantonsgründung, aufgehoben wurde. Konkret sind sie auf dem Oberberger Amt entstanden, der regionalen Verwaltung des Klosters auf Schloss Oberberg. Wie sie von dort ins Rathaus gelangten, ist schleierhaft. Wahrscheinlich irgendwann im 19. Jahrhundert, nach der Besetzung des Fürstenlandes durch französische Truppen im Jahr 1798 und den Wirrungen rund um die Kantonsgründung. «Was in den vergangenen 220 Jahren mit ihnen passierte, wissen wir nicht», sagt Schmuki.

Steinwerfer, Sittenwächter und Schuldner

Dagegen verraten die Bücher – ein Schuld-, ein Gant- und ein Gerichtsprotokoll – viel über den Gossauer Alltag im 18. Jahrhundert. In den Gerichtsprotokollen etwa ist ein Bandenkrieg festgehalten: Ein Streit zwischen einer Gruppe Buben aus Niederdorf und ihren Widersachern von «hinter dem Holz» eskalierte, Steine wurden geworfen, worauf ein Knabe «übel geschädiget» wurde, wie es heisst. Oder eine Sittenwidrigkeit zwischen einem Burschen und einer Magd, die erwischt wurden, wie sie – ausgerechnet am Pfingstmontag – gemeinsam in Herisau etwas getrunken hatten. Das sind nur zwei der Fälle, die zwischen 1724 und 1794 auf 750 Seiten handschriftlich festgehalten wurden.

Das Hab und Gut des gemeinen Gossauers zu jener Zeit lässt sich aus den Gantprotokollen entnehmen. Von ärmlichen Verhältnissen zeugen die bescheidenen Besitztümer eines Bauern: eine Kuh, ein kupfernes Kännchen, eine Bettstatt und zwei Truhen konnte er sein eigen nennen. Das Schuldprotokoll wiederum zeigt auf 350 Seiten, wo die Gossauer ihre Gulden hernahmen, wollten sie neues Vieh anschaffen. Sie liehen sich das Geld zum Beispiel beim Besitzer von Schloss Appenzell, Johann Baptist Fortunat Sutter, oder bei der St. Galler Kaufmannsfamilie Zollikofer.

«Die Aufzeichnungen sind lokal- und wirtschaftsgeschichtlich interessant.»

Das sagt Karl Schmuki. So zeigen sie beispielsweise, dass im Weiler Rüeggetschwil an der Grenze zu Niederwil einst Torf abgebaut wurde. Noch verbergen sich unzählige Geheimnisse zwischen den Buchdeckeln, deren Inhalt Karl Schmuki für eine Expertise nur punktuell ausgewertet hat. Das soll sich bald ändern. «Es macht Sinn, dass die Bücher nun im Stiftsarchiv in professionelle Hände gelangen», sagt Schmuki. Dort sollen sie der Wissenschaft zugänglich sein. Wertvoll seien die Bände auch deshalb, weil viele Dokumente aus dem Oberberger Amt verloren gegangen sind.

In Bestände integriert, erschlossen, restauriert

Von einem «ideellen Wert» spricht Stiftsarchivar Peter Erhart und einem «tiefschürfenden Einblick» in das Gossau der Vergangenheit inklusive der umliegenden Dörfer, Weiler und Höfe. «Die Bände schliessen eine Lücke in unseren Beständen», sagt er. Mit der Klosteraufhebung im Mai 1805 endet auch die Sammlung des Stiftsarchivs. Soll sie dennoch weiter wachsen, ist das Archiv auf Fundstücke angewiesen. Die Entdeckung der historischen Quellen war deshalb nicht nur für Karl Schmuki ein besonderer Moment, sondern auch für den Stiftsarchivar. Er hofft, dass in anderen Gemeindarchiven weitere derartige Schätze schlummern.

Nun werden die Bücher in die Bestände integriert, in die Datenbank aufgenommen und schliesslich erschlossen, um einen Überblick über den Inhalt zu erhalten – abgesehen vom punktuellen Einblick, den sich Karl Schmuki verschaffte. Auch sollen die teilweise ramponierten Buchrücken restauriert werden. Damit er in Zukunft nicht nur findige Historiker verzückt.

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