Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Sie gefallen mir gar nicht, Herr Mettler»: Mit der Spitex auf Tour durch die Stadt St.Gallen

Viele ihrer Besuche verlaufen entspannt, manche bringen sie an ihre Grenzen. Unterwegs mit der Pflegefachfrau Monika Preisig vom grössten Spitex-Verein der Stadt, der täglich 250 Mal zu Hause hilft.
Roger Berhalter
Hilfe in gewohnter Umgebung: Monika Preisig zieht einem Betagten im Schlafzimmer frische Stützstrümpfe an. (Bilder: Benjamin Manser)

Hilfe in gewohnter Umgebung: Monika Preisig zieht einem Betagten im Schlafzimmer frische Stützstrümpfe an. (Bilder: Benjamin Manser)

Der Mann hat mit dem Leben abgeschlossen. «Ich mag nicht mehr», sagt der 74-Jährige. Er liegt im Bett, die knochigen Beine ragen unter der Decke hervor. Er atmet schwer und seufzt mehr, als dass er spricht. «Sie gefallen mir gar nicht, Herr Mettler», sagt Monika Preisig. «Ich mir auch nicht», sagt Herr Mettler, der in Wirklichkeit anders heisst, so wie alle Personen in diesem Text. Alle ausser Monika Preisig.

Die diplomierte Pflegefachfrau arbeitet bei der Spitex St. Gallen-Ost und macht täglich Hausbesuche. Bis zu dreimal pro Tag schaut die 33-Jährige an derselben Adresse vorbei, falls es nötig ist. Bei Herrn Mettler ist es nötig. Er hat Krebs im Endstadium. «Aus meiner Sicht benötigt er in dieser Situation mehr ambulante Unterstützung, da er alleine lebt», sagt Preisig. Doch es liegt nicht an ihr, dies zu entscheiden, und es liegt auch nicht an ihr, zu urteilen. Herr Mettler möchte zu Hause sterben, diesen Wunsch unterstützt die Spitex wenn immer möglich. Also reicht Preisig ihm ein Glas Wasser und Tabletten, und sie erfrischt ihn mit einem Waschlappen. «Soll ich noch jemanden informieren, dass es Ihnen nicht gut geht?» – «Nein, nein», antwortet Herr Mettler müde. Die Pendeluhr in seiner Stube steht still.

Statt nach Bella Italia ging’s drei Wochen ins Spital

Monika Preisigs Arbeitstag beginnt morgens um sieben im Stützpunkt der Spitex St. Gallen-Ost vor einer Wand voller farbiger Magnetschilder. Jedes steht für einen Menschen im Quartier, der zu Hause Hilfe benötigt. Zum Beispiel ein 23-Jähriger, der mit dem Töff verunfallt ist, und einen frischen Verband braucht. Oder eine demente 87-Jährige, die manchmal den Zmittag vergisst und die lebenswichtige Insulin-Spritze. Oder ein 60-Jähriger, der nicht mehr selber duschen kann. Zur Spitex gehört auch der Hauswirtschaftsdienst, dessen Mitarbeiterinnen den Klienten im Haushalt oder beim Einkaufen helfen. 250 Einsätze pro Tag leisten die 60 Mitarbeiterinnen, sie kümmern sich um 450 Klienten, an 365 Tagen im Jahr. Die Spitex St. Gallen-Ost ist damit der grösste der vier Spitex-Vereine der Stadt.

Bei Frau Santoro hängen Madonna-Bilder an der Wand.

Bei Frau Santoro hängen Madonna-Bilder an der Wand.

Neun Klienten besucht Monika Preisig an diesem Morgen. Alle kennt sie persönlich. «Wie geht es der Katze?» «Was machen die Blumen?» Immer bleibt Zeit für einen Schwatz. Frau Santoro ist sogar zum Scherzen aufgelegt. «Mamma Mia!», ruft die 72-Jährige zur Begrüssung. «Waren Sie in Bella Italia in den Ferien?», fragt Preisig. Es ist ein liebevolles Spiel, das die beiden spielen, denn sie wissen genau, dass Frau Santoro nicht in der alten Heimat, sondern drei Wochen im Spital war. Sie leidet unter Atemnot, ihre Füsse schmerzen, vor kurzem hatte sie einen Herzinfarkt. So viele Pillen und Tropfen muss sie nehmen, dass Preisig mehrfach in den Unterlagen nachschauen muss, ob nichts vergessen ging. Trotz allem reisst Frau Santoro immer noch Witze. «Ich erlebe viele Bewältigungsstrategien», sagt Preisig. «Die einen blasen Trübsal, die anderen nehmen es mit Humor. Auch Beten kann helfen.» Bei Frau Santoro hängen Madonna-Bilder an der Wand.

Die Spitex-Fachfrauen sind sich einiges gewohnt. Es gibt den Klienten, der jede Massnahme genau begründet haben möchte. Es gibt das tamilische Ehepaar, das kein Wort Deutsch spricht. Es gibt die albanische Grossfamilie, welche die Pflegefachfrau nicht ohne hausgemachte Süssigkeiten ziehen lässt. «Kein Tag ist wie der andere», sagt Preisig. Auch deswegen habe sie vor drei Jahren vom Kantonsspital zur Spitex gewechselt. «Ich schätze die vielfältigen und individuellen Einsätze bei den Leuten zu Hause, wo hohe Professionalität gefordert ist.»

Den ganzen Tag im Bett vor dem Fernseher

Manchmal kommt Preisig aber auch an ihre Grenzen. Zum Beispiel bei Frau Seiler. Als die Pflegefachfrau eintritt, sitzt die 64-Jährige in Unterhosen im Bett vor dem Fernseher. Es sieht nicht so aus, als hätte sie den Platz an diesem Tag schon verlassen. Aus dem Haus geht sie kaum mehr, nicht einmal zum nächtlichen WC-Gang kann Preisig sie für längere Zeit überreden. Auch die Körperpflege lässt die Klientin nur bedingt zu. Wortlos leert Preisig den Nachtstuhl. Selbst solche verwahrlosten Zustände hat sie gelernt auszuhalten, nicht zu verurteilen. «Diese Situationen fordern mich immer wieder aufs Neue heraus.»

Neun Klienten besucht die Pflegefachfrau an diesem Morgen.

Neun Klienten besucht die Pflegefachfrau an diesem Morgen.

Die meisten Besuche verlaufen aber viel entspannter. Frau Widmer öffnet im Morgenmantel die Tür. «Braun sind Sie geworden», sagt die 81-Jährige zur Pflegefachfrau. Diese zieht Handschuhe an und verabreicht der Betagten eine Spritze. Frau Widmer erzählt von der feinen Rösti, die sie am Marktplatz gegessen habe. Seit langem sei sie wieder einmal in der Stadt gewesen. Über Preisig erzählt sie nur Gutes: «Sie sollte öfter kommen. Sie bringt Leben in die Bude.»

Bis 2021 soll es eine Einheits-Spitex geben

Noch sind in der Stadt St. Gallen vier eigenständige Spitex-Vereine aktiv. Bis 2021 aber möchte der Stadtrat die ambulante Pflege zu Hause neu organisieren. Die vier Spitex-Vereine sollen durch eine einheitliche Organisation ersetzt werden. Wie diese konkret aussehen soll, ist noch unklar. Die Einheits-Spitex ist politisch breit abgestützt, unter den Pflegevereinen aber umstritten. Eine Kick-off-Veranstaltung ist vor den Herbstferien geplant. (rbe)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.