Zwei Pensionäre bringen Gossauer Archiv auf Vordermann

Zwei Jahre lang wühlten sich zwei Gossauer durch die historischen Bestände der Stadt. Nun ist das Archiv geordnet und inventarisiert. Norbert Hälg und Clemens Lüthi befreiten auch einige Bijous vom Staub der Zeit.

Herbert Bosshart
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Norbert Hälg (rechts) und Clemens Lüthi sichten alte Pläne der Baufirma Epper. (Bild: Hanspeter Schiess)

Norbert Hälg (rechts) und Clemens Lüthi sichten alte Pläne der Baufirma Epper. (Bild: Hanspeter Schiess)

Fast jeden Dienstagmorgen haben Norbert Hälg und Clemens Lüthi in den vergangenen zwei Jahren im Keller des Feuerwehrdepots an der Bischofszellerstrasse verbracht. Ihre Mission: Das historische, nicht amtliche Archiv der Stadt Gossau auf Vordermann zu bringen. Ende 2018 können die beiden Pensionisten und Hobby-Archivare ihrem Auftraggeber, der Stadt Gossau, melden: «Auftrag erledigt, das Archiv ist geordnet.»

Die zweijährigen Arbeiten waren notwendig geworden, weil die Stadt Gossau in den letzten Jahren gleich mehrere private Archive und Sammlungen geschenkt bekommen hatte. Den Anfang machte Josef Löhrer, der in seinem Testament der Stadt seine Sammlung mit alten Postkarten von Gossau und Umgebung vermacht hatte.

Ihm folgte Hans Breitenmoser, der seine als Redaktor der Gossauer Zeitung angelegte Sammlung von Zeitungsausschnitten und Notizen der Stadt übergab. Schliesslich übergab auch Breitenmosers Nachfolger Franz Schildknecht seine über die Jahre gesammelten Fotos und Negative der Stadt.

Architekt, Ökonom und Hobby-Historiker

Nachdem sich die Stadt bei der Räumung der Epper-Liegenschaft an der Bischofszellerstrasse den gesamten Bestand mit alten Plänen und Zeichnungen gesichert hatte, erteilte der Stadtrat der Stadtkanzlei den Auftrag, die gesammelten Zeitdokumente zu sichten, nach Stichworten in einem Verzeichnis zu erfassen und im Archivraum im Keller des Feuerwehrgebäudes ordentlich abzulegen.

Mit Clemens Lüthi und Norbert Hälg machten sich die richtigen Leute an die Arbeit. Clemens Lüthi kennt sich als Architekt mit Gebäuden aus und als ehemaliger Stadtentwickler ist er mit jedem Winkel Gossaus vertraut. Norbert Hälg hat als studierter Ökonom den Sinn für die Wirtschaft und als Hobby-Historiker das Wissen um die Geschichte der Stadt. Zudem leben der 69-jährige Hälg und der 71-jährige Lüthi seit Geburt in Gossau und kennen viele Personen auf den einzuordnenden Bildern noch persönlich.

Über ihre Motivation müssen denn auch beide nicht lange nachdenken. «Ohne eine gewisse Ordnung sind die vermachten Dokumente wertlos. Zudem bin ich an der Geschichte unserer Stadt interessiert und schliesslich geht es hier um einen Dienst an der Wohngemeinde», sagt Hälg. «Die Beschäftigung mit unserer Geschichte hält zudem das Gedächtnis in Form», fügt Lüthi an.

«Es geht schliesslich auch darum, das vorhandene Wissen zu konservieren. Denn mit jeder verstorbenen Alt-Gossauerin und jedem zu Grabe getragenen Alt-Gossauer gehen Erinnerungen und Wissen verloren.»

Wenn Lüthi und Hälg Ende 2018 ihre Arbeit beendet haben, verfügt die Stadt Gossau im ideal klimatisierten Keller im Untergeschoss des Feuerwehrgebäudes über ein bestens geordnetes Archiv. In den über zehn Meter langen Lista-Rollschränken sind in einem ersten Teil Zeitungen untergebracht. Die Ausgaben des «Fürstenländers» sind von 1913 bis 1991 vollständig vorhanden. Daneben findet sich die Mehrheit der Ausgaben der Gossauer Zeitung, der Gossauer Wochenzeitung (GoZ) und der Gossauer Ausgabe des St. Galler Tagblatts

Seltene Pläne von Mühlen und Käsereien

Neben den gesammelten Zeitungen finden sich nummeriere Schachteln mit den Löhrer-Postkarten und den Schildknecht-Fotos. Alle Dokumente sind nach Stichworten mit der Museums-Software Collectr erfasst. Wer ein Stichwort eingibt, findet sofort die Nummer der Schachtel mit dem gesuchten Inhalt.

Eine Besonderheit stellt die Sammlung der Pläne der Gossauer Baufirma Epper dar. Neben den Plänen von einzelnen Bauprojekten sind gesondert abgelegt die umfangreichen Pläne für die Haslenmühle, für die Mühle beim Bahnhof Gossau. Ein Bijou bildet die Mappe mit den Plänen für den Bau von Käsereien, für die das Baugeschäft Epper vor vielen Jahren sogar nationale Auszeichnungen erhalten hat.

Norbert Hälg und Clemens Lüthi haben die Grundlage für den weiteren Ausbau geschaffen. «Unsere Aufgabe ist zwar abgeschlossen, aber die Arbeit noch lange nicht beendet», sagt Hälg. «Gossauerinnen und Gossauer sind eingeladen, weitere Funde von Dokumenten und Fotos über Gebäude und Personen der Stadtkanzlei zu melden», so Lüthi. Und Hälg fügt an: «Es wäre schön, wenn Objekte mit Bezug zur Stadt Gossau auftauchen würden. Dann würde es sich nämlich bald einmal lohnen, Ausstellungen zu organisieren.»