Senioren
Auch Seniorinnen und Senioren können mitreden: Die Stadt Gossau überarbeitet ihre Alterstrategie

Über 15 Jahre alt ist die Altersstrategie der Stadt Gossau. Sie entspricht nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen und wird deshalb überarbeitet. In diesen Prozess sind sowohl Seniorinnen und Senioren eingebunden als auch Anbieter von Dienstleistungen für die ältere Generation. 2022 soll das neue Altersleitbild vorliegen.

Perrine Woodtli
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Seniorinnen und Senioren im Altersheim Vita Tertia in Gossau. Immer mehr ältere Menschen wollen aber möglichst lange zu Hause bleiben.

Seniorinnen und Senioren im Altersheim Vita Tertia in Gossau. Immer mehr ältere Menschen wollen aber möglichst lange zu Hause bleiben.

Michel Canonica

Es ist ein Fakt: Die heutigen Seniorinnen und Senioren – die Babyboomer – ticken anders als ihre Vorgängergenerationen. Sie sind länger fit, wollen möglichst lange zu Hause bleiben und selbstständig leben. Und weil sie immer älter werden, gibt es folglich auch immer mehr ältere Menschen.

In Gossau leben heute rund 3800 über 65-Jährige. 1100 Personen davon sind über 80 Jahre alt. Hochrechnungen zu Folge leben im Jahr 2030 etwa 4750 Personen in Gossau, die über 65 Jahre alt sind. Rund 1650 davon sind 80 Jahre oder älter.

Das stetige Bevölkerungswachstum, eine höhere Lebenserwartung, der medizinische Fortschritt sowie die Zunahme chronischer Krankheiten beeinflussen den Bedarf im Sozial- und Gesundheitsbereich der Senioren – und fordern die städtische Alters- und Gesundheitspolitik heraus. Die Bedürfnisse der älteren Bewohnerinnen und Bewohner von Gossau haben sich verändert. Deshalb erarbeitet der Stadtrat nun die «Altersstrategie 2022 bis 2035», wie die Stadt am Montag mitgeteilt hat. Sie ersetzt die bestehende – und veraltete – Altersstrategie von 2005.

Hohe Lebensqualität auch im fragilen Alter

Die Altersstrategie soll den künftigen Handlungsbedarf festlegen und entsprechende Massnahmen aufzeigen. Diese sollen beitragen zu einer hohen Lebensqualität auch im fragilen Alter, zu einem einfachen Zugang zu Entlastungsangeboten und zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe. Dabei geht es vor allem darum, die Angebote für Pflege, Hilfe zu Hause und Betreuung auf den künftigen Bedarf auszurichten. Ebenso werden Themen wie ein möglicher Seniorenrat, Zeitvorsorge und die Entlastung pflegender Angehöriger diskutiert.

Die Projektleitung für die zukünftige Altersstrategie hat Barbara Züst. Sie leitet seit Frühling 2020 die Fachstelle Alter und Gesundheit der Stadt Gossau. Züst wird unterstützt von den externen Fachleuten Stefan Knoth und Franziska Auderer von Valecura, einem Beratungsunternehmen für Gesundheits- und Altersversorgung.

Helen Alder Frey, Gossauer Stadträtin.

Helen Alder Frey, Gossauer Stadträtin.

PD

Diese Organisation bringe einerseits viel Erfahrung mit, sagt Stadträtin Helen Alder Frey. «Valecura hat unter anderem das Altersleitbild der Stadt Wil begleitet.» Zudem empfehle der Kanton St.Gallen Valecura als Beratungsunternehmen und unterstütze dieses und die Stadt Gossau auch finanziell.

Alle Betroffenen sollen sich einbringen

Mitreden bei der Altersstrategie sollen aber auch Einwohnerinnen und Einwohner sowie Organisationen aus Gossau. Dem Stadtrat sei es wichtig, dass sich die Betroffenen einbringen können, sagt Alder. Deshalb wurden zwei Begleitgruppen gebildet: eine Gruppe mit Seniorinnen und Senioren sowie eine Gruppe mit professionellen Anbietern von Dienstleistungen im Alter und Vertretern der Kirchen.

In der Seniorengruppe wirken acht Gossauer Seniorinnen und Senioren mit. «Unser Ziel war eine möglichst breite Abdeckung», sagt Alder. Um verschiedene Seniorinnen und Senioren für die Begleitgruppe zu finden, habe man alle Jahrgängervereine, Quartiervereine und Menschen mit Migrationshintergrund angeschrieben.

«Manche Personen, von denen wir wissen, dass sie immer sehr interessiert und engagiert sind, haben wir auch direkt angefragt.»

Die zweite Begleitgruppe besteht aus einer Vertretung der stationären Heime in Gossau, der Spitex, der Spitex Psychiatrie, der Pro Senectute, der katholischen sowie evangelisch-reformierten Kirche und einem Arzt.

Weg vom Begriff Altersversorgung

Die Gossauer Altersstrategie wird in mehreren Workshops erarbeitet. In diesen werden Inhalte zum Bedarf, zu Zielen und Massnahmen diskutiert und mitgestaltet. Der erste Workshop fand kürzlich statt. An diesem trafen sich die Projektleitung und die zweite Begleitgruppe mit den Dienstleistungsanbietern. Auch zwei Vertreter vom Kanton waren anwesend.

Beim ersten Workshop ging es laut Alder zunächst einmal darum, die Grundhaltung der einzelnen Akteurinnen und Akteure aufzunehmen. In welche Richtung soll es gehen? Wie sehr soll die Stadt die Altersbetreuung steuern? Was wollen die einzelnen Dienstleistungsanbieter? Solche und weitere Fragen seien im Vordergrund gestanden.

Der erste von vier Workshops fand kürzlich in Gossau statt.

Der erste von vier Workshops fand kürzlich in Gossau statt.

PD

Schnell habe sich herauskristallisiert, dass alle in die gleiche Richtung denken. «Das gemeinsame Ziel ist ein möglichst gutes Angebot für die älteren Menschen.» Herausgestellt hat sich unter anderem auch, dass man vom Begriff Altersversorgung wegkommen will. Alder sagt:

«Ein unschöner Begriff. Das klingt, als ob wir die Leute einfach irgendwo versorgen wollen. Dabei ist das ja genau nicht unsere Absicht.»

2022 sollen konkrete Massnahmen definiert sein

An einem zweiten Workshop im Oktober treffen sich dann die Seniorinnen und Senioren. Dort sollen ihre Bedürfnisse in unterschiedlichen Lebenssituationen aufgenommen werden. An einem dritten Workshop im Januar treffen schliesslich beide Begleitgruppen aufeinander. «Dann geht es darum, die verschiedenen Ansichten zusammenzubringen», sagt Alder.

An einem vierten und letzten Workshop im Februar sollen gemeinsam mit den Dienstleistungsanbietern konkrete Massnahmen formuliert werden. Diese gehen dann in die Seniorengruppe in die Vernehmlassung. Läuft alles nach Plan, hat die Stadt Gossau im Sommer 2022 eine neue Alterstrategie.

Schon weiter ist die Stadt St.Gallen: Diese hat vor rund zwei Wochen ihre neue Alterstrategie vorgestellt. Das Papier wurde ebenfalls unter Einbezug der Bevölkerung ausgearbeitet und zeigt 39 Massnahmen auf, die dazu beitragen sollen, die Stadt für ältere Menschen noch lebenswerter zu machen.

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