SENIOREN
Betreutes Wohnen, Nachbarschaftshilfe, Mobilität: Die wichtigsten Fragen und Antworten zur neuen Altersstrategie der Stadt St.Gallen

St.Gallen hat eine Altersstrategie 2030. Das Papier wurde unter Einbezug der Bevölkerung ausgearbeitet und zeigt 39 Massnahmen auf, die dazu beitragen sollen, die Stadt für ältere Menschen noch lebenswerter zu machen.

Luca Ghiselli
Drucken
Teilen
Zusätzliche Sitzgelegenheiten in den Quartieren wie hier auf Drei Weieren einzurichten ist eine von insgesamt 39 Massnahmen in der neuen städtischen Altersstrategie.

Zusätzliche Sitzgelegenheiten in den Quartieren wie hier auf Drei Weieren einzurichten ist eine von insgesamt 39 Massnahmen in der neuen städtischen Altersstrategie.

Bild: Ralph Ribi

Ein knapper Fünftel aller Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner ist 65 Jahre alt oder älter. 9301 Personen, die in der Stadt St.Gallen leben, sind zwischen 65 und 79 Jahre alt, 4333 Personen sind 80 Jahre oder älter. Es sind diese demografischen Gruppen, die in den kommenden Jahren weiter wachsen werden. Gemäss Hochrechnungen der Stadt leben 2030 über 15'800 Seniorinnen und Senioren in St.Gallen – oder knapp 2500 mehr als heute.

Diese demografische Entwicklung ist nicht neu, sie zeichnet sich bereits seit Jahren ab. Nun, da die Babyboomer-Generation langsam, aber sicher ins Rentenalter kommt, erhält der Trend neuen Schub. Gerade Städte wollen dafür gerüstet sein.

Der Stadtrat hat gemeinsam mit externen Firmen deshalb eine Strategie unter dem Titel «Alter und Gesundheit 2030» ausgearbeitet. Am Freitag wurde das Ergebnis vor den Medien präsentiert. Das Papier umfasst 39 Massnahmen – einige mit kurzer, andere mit langfristiger Umsetzungsfrist – aus fünf Handlungsfeldern. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum ist der Stadtrat beim Thema Alter über die Bücher?

Der demografische Wandel und die Tatsache, dass viele Seniorinnen und Senioren im Unterschied zu früher länger fit sind, verändert auch die Bedürfnisse der älteren Stadtbewohnerinnen und -bewohner. Sie wollen möglichst lange zu Hause leben, mitgestalten und die eigenen Ressourcen in die Gesellschaft einbringen. Der Anteil Migrantinnen und Migranten unter den Seniorinnen und Senioren wird in den kommenden Jahren zunehmen. Schliesslich fallen auch Demenzerkrankungen ins Gewicht: Einer Schätzung zufolge ist gut jede zehnte Person über 65 an Demenz erkrankt.

Bei welchen Themen möchte der Stadtrat handeln?

Die Altersstrategie des Stadtrats umfasst fünf recht breit gefasste Handlungsfelder: Information und Beratung, Wohnen, soziale Integration und Partizipation, Mobilität und öffentlicher Raum sowie Pflege und Betreuung.

Welche Massnahmen sind konkret vorgesehen?

Gerade beim altersgerechten und betreuten Wohnen hat St.Gallen im Vergleich zu anderen Schweizer Städten noch grosses Potenzial. Weil die Verantwortlichen aber selbst nicht genau wissen, wie gross der Bedarf für solche Angebote ist, soll in naher Zukunft eine Bedarfsanalyse durchgeführt werden. Daraus leiten sich dann weitere Schritte wie der Ausbau eines solchen Angebots gemeinsam mit Partnern wie etwa Wohngenossenschaften ab.

Weiter ist ein Pilotprojekt vorgesehen, das in einem (noch nicht bekannten) Stadtquartier eine Nachbarschaftshilfe aufbauen soll. Ziel ist eine selbstorganisierte und generationenübergreifende Nachbarschaftshilfe, die im Erfolgsfall auf andere Quartiere ausgeweitet werden soll.

Eine Auswahl weiterer Massnahmen: Die Stadt will zusätzliche Sitzgelegenheiten in den Quartieren schaffen, den Austausch zwischen Seniorinnen und Senioren fördern und eine Informationsdrehscheibe einrichten, wo verschiedene Angebote zusammenfliessen sollen – ganz ähnlich wie ein Jugendsekretariat für Ältere. Ausserdem soll es einen Erfahrungsaustausch mit den Heimen und Unterstützung bei der Nutzung digitaler Medien geben.

Wie viel ist aus dem partizipativen Verfahren in die Strategie eingeflossen?

Einiges. Im September 2020 veranstaltete die Stadt mit Seniorinnen und Senioren eine sogenannte Zukunftswerkstatt in der Olma-Halle 9.2. Das Interesse war so gross, dass gleich zwei Veranstaltungen durchgeführt wurden – zu beiden kamen je rund 100 ältere Menschen. Sie erklärten in Kleingruppen und im Plenum, wo sie der Schuh drückt. Zwei Beispiele zeigen, wie die Stadt darauf reagiert.

So bemängelten die Senioren etwa die Fussgängersicherheit in den Fussgängerzonen der Altstadt, wo Velos mit erheblicher Geschwindigkeit nahe an ihnen vorbeifahren. In der am Freitag präsentierten Strategie gelobt der Stadtrat, die Verkehrssicherheit für Senioren zu erhöhen. Insbesondere auf geteilten Wegen soll sensibilisiert werden – etwa mit der «Rücksicht»-Kampagne, die seit Frühsommer in den Altstadtgassen läuft.

In der Zukunftswerkstatt bemängelten einige Seniorinnen und Senioren, dass das Angebot an Informationen und Beratungen zwar gut sei, aber bisweilen unübersichtlich. Die Strategie sieht nun vor, dass eine zentrale Anlaufstelle geschaffen wird, um der Informationsflut Herrin zu werden.

Was möchte der Stadtrat in der Pflege unternehmen?

Hier setzt der Stadtrat das wohl grösste der fünf Handlungsfelder an. Er will die Hilfe und Pflege zu Hause weiter ausbauen – etwa will er prüfen lassen, inwieweit die Spitex St.Gallen AG ihr Angebot auf eine 24-Stunden-Betreuung ausweiten kann. Auch auf temporäre Betreuungsangebote richten die Verantwortlichen ihren Fokus: Hier will er den Bedarf abklären und allfällige Angebotslücken sichtbar machen. Überdies ist der Aufbau eines aufsuchenden Beratungsteams geplant, das ältere Menschen zu Hause besucht und sie in Fragen der Gesundheitsförderung und Prävention berät.

Wie hoch sind die Kosten?

Unklar. Zu gross sei die Variantenvielfalt und zu weit der Umsetzungshorizont einiger in der Strategie vorgesehenen Massnahmen, sagte Stadträtin Sonja Lüthi am Freitag. Es sei in jedem Fall aber klar, dass die Bezahlbarkeit und die finanziellen Ressourcen in der Umsetzungsphase eine Rolle spielten. Über einige Massnahmen wird ohnehin das Parlament entscheiden, da sie die Finanzkompetenz des Stadtrats überschreiten dürften.

Wie geht es jetzt weiter?

Am 28. August präsentiert Sonja Lüthi die Altersstrategie der Bevölkerung an einem Informationstag auf dem Schulhausareal Schönenwegen. Danach folgt eine Diskussion im Stadtparlament anhand eines entsprechenden Postulats. Am Inhalt kann die Legislative aber nichts mehr ändern, weil das Papier auf einer strategischen und konzeptuellen Ebene angesiedelt ist. Unmittelbar danach startet die Umsetzungsphase für die kurz- und mittelfristigen Massnahmen, 2025 erfolgt eine Zwischenevaluation. Und danach werden die langfristigen Massnahmen aus der Strategie ins Auge gefasst.

Infotag «St.Gallen – Lebensraum im Alter», Samstag, 28. August, 10 bis 16 Uhr, Schulhaus Schönenwegen.

Aktuelle Nachrichten