Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Selbstversuch: Wie gut funktionieren die Mitfahrbänkli in Berg?

Die Gemeinde Berg SG gibt Autostopp den amtlichen Segen. Wer sich auf eines der neuen Mitfahrbänkli setzt, will zur Postauto-Haltestelle trampen. Fragt sich nur, wie lange man warten muss.
Adrian Lemmenmeier
Das Mitfahrbänkli am nördlichen Rand der Gemeinde Berg. Ein zweites Bänkli befindet sich weiter oben bei der Kirche. Bild: Ralph Ribi

Das Mitfahrbänkli am nördlichen Rand der Gemeinde Berg. Ein zweites Bänkli befindet sich weiter oben bei der Kirche. Bild: Ralph Ribi

Aus konservativer Optik ist Autostopp bestenfalls ein Fortbewegungsmittel für Hippies. Sagen nicht Eltern ihren Kindern, sie sollen nicht zu Fremden ins Auto steigen? Nun sagt eine Gemeinde ihren Bürgern das Gegenteil. Kann das funktionieren?

In Berg SG stehen seit kurzem zwei Mitfahrbänkli, eines bei der Kirche, das andere weiter unten am Dorfrand. Weil in diesem Teil der 800-Seelen-Gemeinde kein Postauto fährt, sollen die Berger einander zur nächsten Haltestelle chauffieren. Wer auf einer der Bänke sitzt, wartet also auf eine Mitfahrgelegenheit. Die Frage ist nur, wie lange?

13.27 Uhr. Platz genommen, Daumen raus. Das erste Auto kommt. Ein kahl geschorener Mittvierziger schielt aus seinem azurblauen BMW aufs Mitfahrbänkli. «Sicher nicht», sagt sein überlegenes Grinsen. Dann fährt er vorbei, genauso wie die nächsten fünf Autos.

13.34 Uhr. Einer setzt den Blinker, keine zehn Minuten gewartet, ging ja fix. Doch im Auto sitzt ein Bekannter. Das verfälscht natürlich den Versuch, auch wenn er beteuert, er habe mich erst erkannt, nachdem er angehalten habe. Dass sich das Berger Mitfahrbänkli zum verlässlichen Verkehrsmittel mausern wird, bezweifelt der junge Mann. «Ziemlich unsicher, wenn man das Postauto anpeilt.»

Seine Zweifel sind berechtigt. Denn in den nächsten 35 Minuten und 58 Sekunden fahren 27 Autos am Mitfahrbänkli vorbei, ohne anzuhalten. Dies, obwohl der hochgehaltene Daumen so weit in die Strasse hineinragt, dass manche Fahrer unwillkürlich auf die Gegenfahrbahn ausweichen.

Was hindert die Leute daran anzuhalten? Haben Sie Angst? Keine Zeit? Oder wissen sie einfach nicht um den offiziellen Segen, den die Gemeinde Berg hier der Anhalterei verliehen hat?

Blicke sagen viel. Und vom Mitfahrbänkli am unteren Dorfrand kann man bestens Augenkontakt mit den Fahrern aufnehmen, zumal sie am Ortseingang das Tempo drosseln. Die Gesichtsausdrücke lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: Die meisten tun so, als wäre man unsichtbar. Nach dem ersten Blickkontakt schauen so penibel auf die Strasse wie seit der ersten Fahrstunde nicht mehr. Nach dem Motto «was ich nicht sehe, existiert nicht» foutieren sie sich um den Entscheid, den Anhalter mitzunehmen oder nicht. Andere sind ob der Tatsache, dass am unteren Rande Bergs jemand mit hochgestrecktem Daumen auf einer Bank sitzt, so baff, dass sie längst vorbeigefahren sind, bis sie realisieren, dass das jetzt also dieses Mitfahrbänkli sein muss. Der Rest grinst überheblich, schüttelt den Kopf und drückt aufs Gas.

14.09 Uhr. Es ist so weit. Ein Lastwagen hält an. «Eine tolle Sache», sei dieses Bänkli, sagt der Fahrer. Er würde es selber nutzen, wenn er hier wohnen würde. Der Mann chauffiert mich bis zur Haltestelle Kreuzegg. Zurück geht es dann zu Fuss durchs Berger Dorfidyll. Vorbei an Thujahecken, Trampolinen, Terrassenhäusern.

14 Minuten später sitze ich wieder auf der Bank. Platz genommen, Daumen raus. Drei Boliden rauschen vorbei – das Lächeln der Fahrer so leise wie ihre Hybridmotoren. Dann hält ein silbergrauer Toyota und eine ältere Frau öffnet die Beifahrertür. Sie fände das Mitfahrbänkli eine «Superidee» und werde ab jetzt immer Leute mitnehmen, die dort warten. «In den Bergen hat jede noch so kleine Gemeinde eine Postautohaltestelle», sagt die Frau. «Warum sollten wir im unteren Teil von Berg keinen öffentlichen Verkehr haben?»

Minuten später hält noch ein Auto. Wieder ist die Fahrerin begeistert vom neuen Berger Mobilitätsangebot. Sie will das Bänkli gar benutzen, um mit ihrer Familie an die Olma zu fahren.

Bilanz nach 60 Minuten Selbstversuch: 42 Autos sind vorbeigefahren, vier haben angehalten. Kürzeste Wartezeit: vier Minuten. Längste Wartezeit: 35 Minuten. Klar, besonders verlässlich ist das spontanen Mitfahren noch nicht. Doch mit vier Fahrten in der Stunde war die Frequenz immerhin doppelt so hoch wie jene des Postautos, das am oberen Dorfrand verkehrt.

Die Frage ist, ob sich das Trampen zur Bushaltestelle in Berg durchsetzt. Dazu müssen die Berger sicher sein, dass ihnen zu Stosszeiten genügend Autofahrer die Fussmatte ausrollen. Durchaus möglich: Wenn Herr Müller weiss, dass Frau Meier, Herr Huber und Frau Bünzli gegen 7.30 Uhr am Bänkli vorbeifahren, erreicht man schliesslich während einer kurzen Zeitspanne eine Frequenz, die jener der Pariser Metro gleichkommt.

Noch ist Bergs Pilotprojekt allerdings einseitig. Wer von der Postautohaltestelle zurück in den unteren Dorfteil trampen will, sucht vergebens ein Bänkli.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.