Quartierverein
Die Notkersegg trifft sich auf Zoom: «Seht ihr uns? Wir sehen euch nicht!»

Der St.Galler Quartierverein Notkersegg hat sich per Videokonferenz zur Hauptversammlung getroffen. Das ging nicht ohne Stolpersteine.

Luca Ghiselli
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Das Quartier Notkersegg in St. Gallen.

Das Quartier Notkersegg in St. Gallen.

Bild: Urs Bucher

Die Zeiten sind hart für gelebte Basisdemokratie. Alle Bürgerversammlungen sind zum zweiten Mal in Folge abgesagt, die Landsgemeinde in Appenzell auch. Brieflich abstimmen lautet das Gebot der Stunde – auch in den allermeisten Quartiervereinen der Stadt St.Gallen. Mit einer Ausnahme: Der Quartierverein Notkersegg hat sich am Freitagabend per Videokonferenz zur HV getroffen.

«Eine Premiere», wie Präsident Andrew Schibli sagt. Und ein Anlass, der in die Geschichte des kleinen Quartiers am Nordhang des Freudenbergs eingehen dürfte. Statt der üblich rund 50 Vereinsmitglieder finden sich immerhin rund 30 auf der Videokonferenzplattform ein. Und gleich von Beginn weg ist IT-Support gefragt. Denn es ist ja nicht nur für den Quartierverein eine Zoom-Premiere, sondern auch für viele Mitglieder. «Seht ihr uns? Wir sehen euch nicht!», «Hört man mich?» und

«Hallo Erika, sieht man sich mal am Fernsehen, äh am Computer!»

Gut, hat der Vorstand 15 Minuten Vorlauf eingeplant, um technische Schwierigkeiten zu lösen.

Wie zählt man Stimmen am Bildschirm?

Aber es stellen sich auch andere Probleme. Wie zählt man Stimmen, wenn doch vor den meisten Bildschirmen mehr als nur jemand und zum Teil die ganze Familie sitzt? Die Revisoren schaffen es nicht, sich einzuloggen.

Aber in einer gelebten Basisdemokratie findet man immer eine Lösung: Abgestimmt wird nach anfänglichen Schwierigkeiten doch mit physischem Handerheben statt mit virtuellem Winken. Gut, dass es nie knapp wird – alle Geschäfte werden einstimmig angenommen. Und den Revisionsbericht liest der Kassier kurzerhand selbst vor. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Kein Fondueplausch, kein Quartierzmorge - dafür ein Fraueznacht und ein Männerausflug in die Bürlibackstube

Die Traktanden sind dann relativ schnell abgehandelt: eine leichte Anpassung der Statuten (gendergerechte Sprache und ein Coronapassus), eine Rechnung mit Gewinn, kurze Rückblicke über die Anlässe im Coronajahr 2020 (kein Fondueplausch, kein Quartierzmorge, dafür ein Fraueznacht und ein Männerausflug in die Bürlibackstube). Muckt die Technik dann doch mal auf und spielt die Präsentation nicht mit, schiebt man’s augenzwinkernd auf das Glasfasernetz: «Das ist überlastet, weil das ganze Quartier im Zoom-Meeting sitzt.»

Nach rund einer Stunde ist die Traktandenliste erschöpft. Unter Varia ergreift Peter Bischof, Quartierbeauftragter der Stadt, das Wort. Es sei «sehr schön», dass der Quartierverein Notkersegg diese Premiere gewagt habe.

Aber es dürfte dabei bleiben. Alle anderen Quartiervereine haben ihre Hauptversammlungen abgesagt – oder optimistisch in den (Spät)sommer verschoben. Quartiervereinspräsident Andrew Schibli dankt allen, die sich «getraut» und sich auf dieses Experiment eingelassen ­haben. Aber: «Das nächste Mal will ich doch wieder etwas essen und trinken.» Die Hoffnung ist gross, dass dies am 25. März 2022 wieder möglich sein wird.