Segenrufe gegen das Alleinsein: Pfarrerinnen und Pfarrer lassen in der Stadt St.Gallen eine alte Tradition wieder aufleben

Pfarrerin Marilene Hess ruft am Sonntag zum zweiten Mal den «Coronasegen» aus, diesmal vom Turm der St.Laurenzenkirche. Der Segenruf hat für sie eine besondere Bedeutung.

Marion Loher
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Marilene Hess auf dem Turm der St.Laurenzenkirche. Von hier oben spricht sie am Sonntagabend einen Segenruf.

Marilene Hess auf dem Turm der St.Laurenzenkirche. Von hier oben spricht sie am Sonntagabend einen Segenruf.

Bild: Ralph Ribi

Marilene Hess steht auf der Treppe beim Kloster Notkersegg. Sie hält sich einen Betruf-Trichter, die sogenannte Volle, vor den Mund und blickt über die Stadt St.Gallen. «Du, Schöpfer Geist, der du den Wind gemacht hast», ruft die evangelische Pfarrerin in den Trichter, «schick uns den richtigen Wind zur rechten Zeit.» Dies sind die ersten Worte des rund vierminütigen, persönlichen Segens von Marilene Hess. Gleichzeitig ist es der Auftakt zu einer Reihe von Stadt- und Landsegen, welche die St.Galler Pfarrerin zusammen mit Mitarbeitenden der evangelischen und der katholischen Kirche in der Coronakrise initiiert hat.

Dieser erste Segenruf fand vor gut sechs Wochen statt, an Ostermontag, mitten im Lockdown. Vieles hatte geschlossen, einschliesslich der Kirchen. «Freunde von mir lancierten zu dieser Zeit in Zürich und im Rheintal eine ähnliche Aktion», sagt Hess. Das Ziel: Auch ohne Gottesdienste sollten die Menschen spüren, dass sie in dieser aussergewöhnlichen Situation nicht allein sind. «Mich berührte das sehr und ich dachte, dass dies auch etwas für uns in St.Gallen wäre.»

Eine alte Tradition aufleben lassen

Die Idee stiess nicht sofort auf Anklang. Doch die wortgewandte Pfarrerin der Kirchgemeinde Tablat, die sich selbst als «Leib- und Seelsorgerin» bezeichnet, wusste zu überzeugen: Der Stadt- und Landsegen soll, angepasst an die aktuelle Situation, die alte Tradition des Bet­rufs und Alpsegens aufleben lassen und gleichzeitig die gottesdienstlose Zeit überbrücken. «Es ist eine gute Möglichkeit, Gott unsere Sorgen und Nöte darzulegen, aber auch demütig zu sein und ihm für das zu danken, was wir haben», sagt Marilene Hess. Zudem soll die Aktion alle Menschen, egal welcher Religion und Herkunft, ansprechen und damit «ein Zeichen sein für die Verbundenheit in unserer Verschiedenheit».

Heute Sonntag, nach dem Abendläuten um 20 Uhr, wird Marilene Hess zum zweiten Mal durch den Betruf-Trichter den Segen über Stadt und Land aussprechen. Dieses Mal allerdings nicht von der Notkersegg aus, sondern vom Turm der St.Laurenzenkirche. Die gebürtige Grabserin, die seit fünf Jahren in der St.Galler Pfarrei arbeitet, kennt den Betruf vom Alpstein her. «Der Alphirt bittet Gott und die Heiligen um Bewahrung für Mensch und Tier und darum, dass trotz Gefahren alles gut kommt.» Die Werdenberger Dichterin Elsbeth Maag hat den traditionellen Alpsegen neu als Talsegen interpretiert und auf dieser Basis formuliert Marilene Hess ihren «Coronasegen», adaptiert auf Stadt und Land, Himmel und Erde, Hügel und Täler.

Segenrufe auf Youtube schauen

Seit Ostern haben in St.Gallen fünf weitere Betrufe stattgefunden: von verschiedenen Menschen an unterschiedlichen Orten mit individuellen Bitten. So hat beispielsweise Alois Ebneter, ehemaliger Präsident der Klangwelt Toggenburg und heutiges Mitglied im Haldenrat, einen «Coronasegen» vom Dach der ökumenischen Kirche Halden gesprochen. Seelsorger Matthias Wenk kletterte dafür eigens auf die Türme der Heiligkreuz- und der Grossacker-Kirche, der katholische Priester Georg Schmucki auf den Glockenstuhl in St.Georgen. Cityseelsorgerin Ann-Katrin Gässlein sprach den Abendsegen zu Violinenklängen vom Turm der Kirche St.Maria Neudorf.

Alle Segenrufe werden vom evangelischen Pfarrer Andreas Schwendener filmisch festgehalten und auf den kircheneigenen Youtube-Kanal gestellt, sodass sie jeder zu jeder Zeit anschauen kann. «Das ist uns wichtig», sagt Marilene Hess, «da ja wegen der bundesrätlichen Massnahmen möglichst wenig Menschen live dabei sein sollten – und wenn, dann am liebsten von ihren Fenstern und Balkonen aus.» Bisher hätten sich die Menschen sehr gut an die Vorschriften gehalten. Dennoch sei es sehr schön, zu sehen, dass die einen oder anderen die sonntäglichen Betrufe mit ihrem Abendspaziergang verbänden.

Nächste Stadt- und Landsegen:
Sonntag, 24. Mai, 20Uhr, Kirchturm St.Laurenzen mit Marilene Hess;
Sonntag, 31. Mai, «Pfingstbrausen» in Bruggen mit Kathrin Bolt, Zeitpunkt und genauer Ort sind noch nicht bekannt.
Weitere Infos im Internet.

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