Landflucht
Wie ein Todesfall die Ortsplanung von Untereggen umkrempelt

Untereggen will verdichten: Im Dorfzentrum plant die Gemeinde den Bau von 19 bis 28 Wohnungen. Erst muss dafür aber ein Stück Land als Bauland eingezont werden.

Sandro Büchler
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Die Scheune rechts oben soll weg. Geht es nach dem Gemeinderat sollen dort stattdessen schon bald vier bis fünf Wohnhäuser mit Seesicht gebaut werden.

Die Scheune rechts oben soll weg. Geht es nach dem Gemeinderat sollen dort stattdessen schon bald vier bis fünf Wohnhäuser mit Seesicht gebaut werden.

Bild: Rudolf Hirtl (3. Februar 2021)

Untereggen, dem Dorf mit dem Raben im Gemeindewappen, fehlt etwas. Und zwar Bauland. Während in den Gemeinden ringsum Häuschen um Häuschen aus dem Boden gestampft wird, ist in Untereggen, abgesehen von wenigen Baulücken, kein Platz vorhanden für neue Wohngebäude. «Tübach etwa wächst weiter, gerade entstehen im Zentrum 70 bis 80 Wohnungen. In Untereggen gehen wir es etwas behutsamer an», sagt Gemeindepräsident Norbert Rüttimann. Das Dorf sei in den vergangenen Jahren bloss bescheiden gewachsen.

Doch nun geht auch in Untereggen etwas. Der Gemeinderat hat im vergangenen Jahr die Ortsplanung revidiert und den Zonenplan, das Baureglement und den Richtplan der Öffentlichkeit vorgestellt. Wegen der Pandemie kam es dabei quasi auf der Zielgeraden zu Verzögerungen, denn die drei Planungsinstrumente konnten erst im zweiten Anlauf in die Vernehmlassung geschickt werden.

Wohnhäuser anstelle von Scheunen ergeben Sinn für die Gemeinde

Norbert Rüttimann, Gemeindepräsident von Untereggen.

Norbert Rüttimann, Gemeindepräsident von Untereggen.

Bild: Ralph Ribi (25. September 2020)

Während die Gemeinde die Siedlungsentwicklung vorantrieb, kam es im vergangenen Sommer zu einem Todesfall. Unerwartet starb ein ortsansässiger Landwirt. So tragisch der Tod sei, «für die Gemeinde hat dies eine neue Ausgangslage hervorgebracht», sagt Rüttimann. Denn zwei von jenem Bauern bewirtschaftete Landwirtschaftsbetriebe sind dadurch frei geworden, ohne dass diese als eigener Betrieb weitergeführt werden können.

Die Gemeinde will eine der Parzellen nun als Bauland einzonen und gleich selbst erwerben. «Im Mittlerhof ergibt eine Überbauung mit Wohnbauten anstelle der Scheunen Sinn», schreibt die Gemeindeverwaltung in einem online publizierten Planungsdokument.

Konkret geht es um drei Gebäude, insbesondere die grosse Scheune, die über der Goldacherstrasse thront. Auf dem Gelände sind gemäss dem Papier vier bis fünf Gebäude mit 19 bis 28 Wohnungen mit Seesicht möglich. Dabei könne gewährleistet werden, dass die Seesicht der Hauseigentümer an der Fellenbergstrasse nicht eingeschränkt werde.

Die Aussicht der Anwohner an der Fellenbergstrasse sollen die neuen Wohngebäude nicht beeinträchtigen.

Die Aussicht der Anwohner an der Fellenbergstrasse sollen die neuen Wohngebäude nicht beeinträchtigen.

Bild: Michel Canonica (17. März 2017)

Rüttimann sagt, der Gemeinderat habe eine Überbauungsstudie erarbeiten lassen. Er schliesst daraus: Werde die Scheune abgerissen und an deren Stelle Wohnhäuser gebaut, könne man so das Dorf nach innen verdichten, wie dies auch die kantonale Gesetzgebung verlangt. Rüttimann ist es wichtig, dass kein Kulturland verloren geht:

«Es ist eine sinnvolle Sache: Der Landwirtschaft wird kein Boden weggenommen.»
Untereggen hat fast kein Bauland, dafür aber den Blick zum Bodensee.

Untereggen hat fast kein Bauland, dafür aber den Blick zum Bodensee.

Bild: Michel Canonica (24. März 2017)

Dableiben statt wegziehen

Der Gemeindevorsteher hat das grosse Ganze im Blick: Denn wie in anderen Landgemeinden auch, ziehen die Jungen weg von Untereggen. Weg vom Dorf in die Stadt. «Das ist in Dörfern wie unserem immer ein Problem», sagt Rüttimann. Allenfalls würden die Fortgezogenen später mit der Gründung einer Familie oder wenn sie das Haus der Eltern übernehmen, zurückkehren aufs Land. «Wir haben in der Ortsplanung aber auch festgestellt, dass in Untereggen ein Wohnangebot für Junge fehlt, Mietwohnungen insbesondere.»

Deshalb will die Gemeinde im Mittlerhof zumindest einen gewissen Anteil an Mietwohnungen realisieren. «Es ist eine Chance, dass einige vielleicht hierbleiben, anstatt in die weite Welt zu ziehen», sagt Rüttimann, der neben seinem Amt als Gemeindepräsident im Dorf eine Autospenglerei betreibt. Bei der Planung der Überbauung will die Gemeinde mitreden, noch sei man aber in einem frühen Stadium.

Der Grundeigentümer wohnt in Kanada

Denn noch gehört das Land nicht der Kommune, sondern einem Unteregger, der vor rund dreissig Jahren nach Kanada ausgewandert ist.

«Mit ihm und seinem Vater, der hier wohnt und ihn vertritt, haben wir erste Gespräche geführt.»

Die Vorsondierungen scheinen gefruchtet zu haben, der Grundeigentümer sei gewillt, das Land an die Gemeinde abzutreten. «Wir sind auf gutem Weg», lässt Rüttimann durchblicken.

Aktuell wird für die Ortsplanungsrevision ein zusätzliches Mitwirkungsverfahren durchgeführt, das am Freitag endet. Danach wolle die Gemeinde den aktualisierten Zonenplan im März auflegen. «Dieser könnte bis Ende Jahr rechtskräftig werden», so der Gemeindepräsident. Erst dann könne man das Land erwerben. Er rechnet damit, dass in den kommenden fünf Jahren die Bagger auffahren könnten.

Im Gebiet Hinterhof sollen zwei Mehrfamilienhäuser entstehen

Schneller voran geht es im Westen von Untereggen: Auf einem Grundstück im Hinterhof, südlich der Hauptstrasse, sollen laut Rüttimann zwei Mehrfamilienhäuser gebaut werden. In Kürze werde das Baugesuch dafür öffentlich aufgelegt. Deshalb verzichtet die Gemeinde auf eine geplante Auszonung und belässt das Grundstück in der Bauzone.

Im Hinter-, Mittler- und Vorderhof sowie beim Dorfausgang im Underbach definiert die Gemeinde zudem weitere Landstücke im Richtplan neu als Siedlungsgebiete. Der Gemeindepräsident bezeichnet sie als «strategische Landreserven», die man mittel- bis langfristig als Bauland einzonen könne. Hier sei die Planung noch sehr vage und hänge vom Fortbestand der darauf befindlichen Höfe ab.