Schon wieder verlässt eine Pfarrerin Wittenbach: Ist bei der Kirchgemeinde Tablat der Wurm drin?

Seit zwei Jahren arbeitet Bettina Mittelbach als Pfarrerin im Kirchkreis Wittenbach-Bernhardzell. Schon Ende März wird sie die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Tablat wieder verlassen. Die Gründe: eine zu hohe Arbeitsbelastung und unterschiedliche Ansichten im Kirchkreis. Bereits ihr Vorgänger verliess die Kirchgemeinde frühzeitig.

Perrine Woodtli
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Bettina Mittelbach kurz nach ihrem Stellenantritt in Wittenbach vor der Kirche Vogelherd.

Bettina Mittelbach kurz nach ihrem Stellenantritt in Wittenbach vor der Kirche Vogelherd.

Ralph Ribi (9. Oktober 2018)

Bettina Mittelbach ist eine aufgeweckte Frau, das spürt man sofort. Ihre fröhliche Art steckt an. Auch an diesem Mittag im Kirchenzentrum Vogelherd in Wittenbach. Die 57-Jährige scherzt, erzählt von kürzlich Erlebtem. Doch eigentlich könnte ihr Leben derzeit einfacher sein. Seit zwei Jahren ist die Deutsche als Pfarrerin für den Kirchkreis Wittenbach-Bernhardzell in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Tablat zuständig.

Damit ist aber schon bald Schluss. Sie verlässt die Kirchgemeinde Ende März. Schweren Herzens, wie sie betont.

Durch die Arbeit fehlt die Lebensqualität

2018 zog es die «untypische Kirchenfrau», wie das «Tagblatt» sie damals nannte, vom 700 Kilometer entfernten Minden in Nordrhein-Westfalen nach Wittenbach. «Ich liebe meine Gemeinde sehr», sagt Bettina Mittelbach. Dennoch hat sie sich dazu entschieden, die Kirchgemeinde zu verlassen.

Das Hauptproblem seien die Arbeitszeiten und die «immens hohe» Arbeitsbelastung. Zu viele Male musste sie freie Tage für die Arbeit opfern. Zu viele Male trat sie ihre Ferien erst später als geplant an. Nichts mit Work-Life-Balance.

«Wenn man immer wieder Zwölfstundentage ohne Pause hat, macht das etwas mit dem Lebensgefühl.»

Unter zu wenig Freizeit leide auch die Kreativität, sagt Mittelbach, die gerne öfter auf ihr E-Bike steigen, am Bodensee spazieren, lesen oder die Landschaft entdecken würde. Sie ist zu 100 Prozent angestellt, angemessen wären aber 150 Stellenprozent, wie sie findet. Auch aus «Selbstfürsorge» habe sie sich dazu entschieden, auf die Wahl zur Pfarrerin im Frühling zu verzichten.

Als ordinierte Pfarrerin aus Deutschland muss Mittelbach in der Schweiz die Wahlfähigkeit erlangen, was frühestens nach zwei Jahren möglich ist. Diese Zeit ist nicht als eigentliche Probezeit zu verstehen, beide Seiten prüfen aber, ob eine langfristige Zusammenarbeit in Frage kommt.

Keine Zeit für Krankenbesuche

Zur Arbeitsbelastung komme hinzu, dass zahlreiche Angelegenheiten, die ihr am Herzen liegen, «leider Gottes» auf der Strecke bleiben, sagt Mittelbach. So habe sie kaum Zeit für Haus- und Krankenbesuche.

«Gerade aber die Seelsorge ist das, was meiner Meinung nach das Pfarramt besonders ausmacht.»

Auch für anderes, etwa neue Angebote im Kirchkreis, habe sie keine Zeit. «Ich sitze viel vor dem Laptop und erledige Verwaltungsarbeit, statt Menschen zu begegnen.»

Die Kirche Vogelherd in Wittenbach.

Die Kirche Vogelherd in Wittenbach.

Urs Bucher (16. Mai 2017)

Kritik im «Gemeindepuls»

Bettina Mittelbach suchte schon früh das Gespräch mit der Tablat-Kirchenvorsteherschaft. Vor allem im Hinblick auf die Pension von Sozialdiakon Ueli Bächtold im Februar dieses Jahres wollte sie wissen, wie es weitergeht. Denn Bächtold übernahm teilweise auch pfarramtliche Aufgaben. Sie befürchtete, dass nach seinem Weggang noch mehr Arbeit auf ihrem Tisch landen würde.

Erste Gespräche zwischen Mittelbach und der Kirchenvorsteherschaft fanden Anfang 2019 statt. Das bestätigt Peter Graf, Vizepräsident der Kirchenvorsteherschaft. Der 47-Jährige sitzt ebenfalls mit am Tisch im Vogelherd. Die beiden hatten gemeinsam zu einem Gespräch eingeladen. Von mieser Stimmung keine Spur – trotz eines Beitrags von Mittelbach im Wittenbacher Mitteilungsblatt.

Peter Graf, Vizepräsident der Kirchenvorsteherschaft Tablat.

Peter Graf, Vizepräsident der Kirchenvorsteherschaft Tablat.

Perrine Woodtli (17. November 2020)

Dort hatte die 57-Jährige kürzlich erklärt, wieso sie die Kirchgemeinde verlassen wird. Dabei hat sie auch nicht mit Kritik an der Organisation gespart. Gibt es da nun kein böses Blut? Bettina Mittelbach und Peter Graf winken ab.

«Die Kirchenvorsteherschaft wusste, was im ‹Gemeindepuls› stehen wird, und wir haben das bewusst so zugelassen», sagt Graf. «Wir hatten stets einen guten Austausch. Uns war eine offene, ehrliche Kommunikation wichtig und auch, dass Bettina authentisch und transparent bleibt.» Mittelbach nickt zustimmend.

Kirchenvorsteherschaft sucht nach langfristiger Lösung

Die Arbeitsbelastung sei schon früher bei einzelnen Vorgängern ein Thema gewesen, sagt Graf. Kurz nach dem Antritt von Bettina Mittelbach sei eine Visionsgruppe gebildet worden, die sich mit der Frage beschäftigen soll, wie man sich langfristig organisieren wolle. Zuerst sei die Nachfolge von Ueli Bächtold geklärt worden, die seine sozialdiakonischen Aufgaben übernehmen sollte. Erst danach sei die Diskussion geführt worden, wer die pfarramtlichen Aufgaben von Bächtold übernehmen werde.

Graf gibt zu, dass es etwas lange gedauert hat, bis eine erste Lösung präsentiert werden konnte. Ende 2019 hat die Kirchenvorsteherschaft entschieden, befristet für anderthalb Jahre mit zusätzlichen 30 bis 40 Stellenprozenten für pfarramtliche Verstärkung zu sorgen. Seit März verstärkt Pfarrerin Brigitte Unholz das Team. Damit wolle man Zeit gewinnen, um eine langfristige Lösung zu erarbeiten, sagt Graf.

Mit dieser Übergangslösung befinde man sich immerhin wieder auf demselben Level wie zuvor, als Ueli Bächtold noch im Amt war, sagt Bettina Mittelbach.

«Trotzdem stand für mich weiterhin die Frage im Raum: Wie geht es nach diesen anderthalb Jahren weiter?»

Vizepräsident erkennt kein grundsätzliches Problem in der Kirchgemeinde

Zum «Wie weiter» konnte die Kirchenvorsteherschaft nicht viel sagen. «Man muss berücksichtigen, dass, wenn im Kirchkreis Wittenbach-Bernhardzell Stellenprozente ausgebaut werden, diese an einem anderen Ort in der Kirchgemeinde wegfallen», sagt Graf. Für eine Stellenaufstockung brauche es genügend Zeit und eine sorgfältige Analyse.

Man habe versucht, Bettina Mittelbachs Situation vorerst mit kleineren Massnahmen zu verbessern. Er könne aber nachvollziehen, dass diese Situation für sie unbefriedigend und zu unsicher sei.

«Ich habe daher Verständnis dafür, dass sie gehen will.»

Der Entscheid sei nach den vielen Gesprächen nicht überraschend gekommen. Bedauert wird er trotzdem.

Und natürlich sei es nicht gut, dass es schon wieder einen Wechsel gebe. Denn Bettina Mittelbach ist nicht die erste Pfarrperson, welche die Kirchgemeinde Tablat frühzeitig verlässt. Bereits ihr Vorgänger Daniel Kiefer verzichtete auf seine Wahl zum Pfarrer. Innerhalb des Kirchkreises war es zu Differenzen gekommen.

Ist bei der Kirchgemeinde der Wurm drin? Peter Graf verneint. Er betont, dass es zwischen diesen beiden Fällen keinerlei Zusammenhänge gebe. Es könne daher kein grundsätzliches Problem abgeleitet werden.

Sie wird die aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörer vermissen

Bedauern verspürt auch Bettina Mittelbach. Ihr Weggang schmerzt sie. Vermissen wird sie den Ausblick vom Vogelherd. Und die «besonders aufmerksame Predigthörerschaft» in Wittenbach. Sie sagt:

«Hier sind die Leute in den Gottesdiensten jeweils ganz Ohr. Man würde eine Stecknadel fallen hören.»

Sie hat die Kirchenmitglieder nicht nur im «Puls», sondern vorweg auch persönlich an zwei Gottesdiensten informiert. Schwierig sei das gewesen. Und emotional. «Ich hatte Angst vor den Reaktionen.» Diese seien schön und traurig zugleich gewesen. Schön, weil sie viel positives Feedback erhalten habe. Traurig, weil viele ihre Entscheidung bedauern.

Die Vollblutspfarrerin möchte in der Ostschweiz bleiben

Wohin es für sie im April geht, weiss die Vollblutspfarrerin, wie sie sich selber beschreibt, noch nicht. Ihr Wunsch ist es, eine neue Stelle in der Ostschweiz zu finden. Hier gefällt es ihr, hier fühlt sie sich wohl.

«Ich habe das Gefühl, ich habe einen Zugang zu den Schweizerinnen und Schweizern.»

Im Kirchkreis Wittenbach-Bernhardzell wird ab April Brigitte Unholz ihr Pensum aufstocken und Bettina Mittelbach vorerst als Stellvertretung ersetzen. Man werde nun das weitere Vorgehen diskutieren, sagt Peter Graf. Es werde zu gegebener Zeit eine Pfarrwahlkommission eingesetzt, welche die Nachfolge an die Hand nehmen werde.