«Schon als Bub hat mich die Schifffahrt fasziniert»: Dieser Waldkircher ist der König der Modellschiffe

Am 25. Juni ist internationaler Tag der Seefahrer. Zur See fährt Fredy Müller zwar nicht. Dafür baut der Waldkircher seit 40 Jahren geschichtsträchtige Segelschiffe nach. Dabei scheut der 75-Jährige keinen Aufwand.

Marion Loher
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Hat lieber festen Boden unter den Füssen: Modellschiffbauer Fredy Müller mit dem «Schaarhörn». (Bild: Benjamin Manser (21. Juni 2019))

Hat lieber festen Boden unter den Füssen: Modellschiffbauer Fredy Müller mit dem «Schaarhörn». (Bild: Benjamin Manser (21. Juni 2019))

Sie war das erste 100-Kanonen-Segelschiff der Welt und diente bautechnisch als Vorbild für alle künftigen Marinen: die «Sovereign of the Seas», die «Königin der Meere». 1637 liess der englische König Karl I. das Kriegsschiff erstmals vom Stapel. Heute, 382 Jahre später, steht es im Haus von Fredy Müller – im Massstab 1:78.

Während sieben Jahren hat der Waldkircher am Modell des englischen Kriegsschiffes gebaut und dabei rund 2400 Arbeitsstunden investiert. Als Basis diente ihm ein Bausatz, der mit verschiedenen Ausrüstungsgegenständen wie Kanonen und Rettungsboote in minutiöser Handarbeit ergänzt wurde. Dabei scheute der 75-Jährige keinen Aufwand. So verarbeitete er etwa 760 Meter Takelgarn und band 3500 kleinste Webleinenknoten in die Seile, die zur Verspannung der Masten dienten.

Alles Wissen über die Bauweise und Geschichte der «Königin der Meere» hat sich der Hobby-Modellschiffbauer in stundenlanger Recherche in Bibliotheken, Archiven und im Internet angeeignet und fein säuberlich auf mehreren A4-Blättern dokumentiert. Das englische Kriegsschiff ist sein Lieblingsmodell. «Der historische Schiffsmodellbau ist eine Art Königsdisziplin im Modellbau», sagt er.

Lieber einen Modellbauplan in der Hand

Seit gut 40 Jahren baut Müller geschichtsträchtige Schiffe modellartig nach. «Schon als Bub hat mich die Schifffahrt fasziniert, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass ich am See aufgewachsen bin», sagt der gebürtige Steinacher. Allerdings sei es mehr die Technik und die geschichtliche Bedeutung der Segelschiffe, die ihn interessierten, und weniger das Wasser. Deshalb habe er auch nie von einer ausgedehnten Schiffsreise geträumt. «Mir behagen diese riesigen schwimmenden Schuhschachteln nicht», sagt er mit einem Augenzwinkern. Lieber hat er festen Boden unter den Füssen und einen Modellbauplan in den Händen.

Insgesamt sieben Schiffe hat Müller, der bis zu seiner Pensionierung als Abteilungsleiter bei der kantonalen Steuerverwaltung arbeitete, gebaut. Das erste war eine französische Fregatte aus dem Jahr 1680, das zweite ein französisches Linienschiff von 1695. Beide Modelle stehen heute auf einer antiken Truhe im Wohnzimmer.

Für die grösseren «Schätze» hat Müller ein Zimmer im Erdgeschoss leer geräumt. Hier finden sich nebst der imposanten «Königin der Meere» auch der deutsche Peil- und Bereisungsdampfer «Schaarhörn» von 1908, der im Original als Staatsyacht des Hamburger Senats diente, ein Schaufelrad-Aviso der sardischen Marine von 1834 namens «Gulnara» sowie die «Tirpitz», ein deutsches Schlachtschiff aus dem Jahr 1939.

Kindheitserinnerung in Modellform

Die «Tirpitz» war Müllers zeitlich längstes Projekt. 25 Jahre hat er am Schwesterschiff der Bismarck im Massstab 1:200 gearbeitet. «Berufs- und familienbedingt kam es immer wieder zu längeren Unterbrüchen», sagt der Vater zweier erwachsenen Kinder. Er betrieb grossen Aufwand, um das Modell so originalgetreu wie möglich abzubilden. Dabei gelang es ihm gar, Kopien und Auszüge der originalen Werftpläne zu beschaffen.

Fredy Müller ist nicht allein mit seiner Leidenschaft. Mit den Mitgliedern des Schiffsmodell-Club SMC Goldach trifft er sich monatlich zum Erfahrungsaustausch. Zudem zeigt er seine Exemplare regelmässig an der Internationalen Modellbaumesse in Friedrichshafen. Sein nächstes Projekt soll dort ebenfalls einmal zu sehen sein. Er will den «Raddampfer St.Gallen» von 1905 nachbauen. Ein Modellbaukollege, der inzwischen verstorben ist, hat ihm hierfür ein Schiffsgerippe hinterlassen. Müller will das angefangene Werk entsprechend umbauen und zu Ende bringen. Dieses liegt ihm nicht nur wegen seines Freundes besonders am Herzen:

«Als Kind durfte ich auf dem Bodensee mit genau diesem Raddampfer mitfahren.»

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