Schlagabtausch im St.Galler Stadtratswahlkampf: So verlief das «Tagblatt»-Podium und so schnitten die Kandidatinnen und Kandidaten ab

Braucht die Stadt 100'000 Einwohner? Wo soll gespart werden? Soll die Olma gerettet werden? Wer zieht ins Stadtpräsidium ein? Und welche Visionen haben die Stadtratskandidierenden für St.Gallen? Am Podium am Dienstagabend trafen die Kontrahenten aufeinander.

Sandro Büchler
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Der Dreikampf ums Stadtpräsidium:

Die Protagonisten:

  • Markus Buschor (parteilos)
  • Mathias Gabathuler (FDP)
  • Maria Pappa (SP)

So verlief der Schlagabtausch zwischen Buschor, Gabathuler und Pappa:

Welche Chancen hat Mathias Gabathuler, der noch nie ein politisches Amt bekleidete? Der FDP-Mann gab sich am Podium am Dienstagabend im Pfalzkeller kämpferisch. «Als Quereinsteiger stehe ich für Aufbruchstimmung in der Stadt.» Als Rektor bringe er Führungserfahrung mit. Auf die Feststellung des Moderators Reto Voneschen, dass es in der Vergangenheit noch nie ein Neuling direkt ins Stadtpräsidium geschafft habe, antwortete Mathias Gabathuler:

Mathias Gabathuler (FDP)

Mathias Gabathuler (FDP)

Bild: Nik Roth
«Dann gehört dies nun der Vergangenheit an. Ich bin ein Bergsteiger, der Mut hat.»

Angesprochen auf ihre Führungserfahrung, sagte Maria Pappa knapp: «Acht Jahre als Stadträtin sollten reichen.» Gabathuler konterte: «Während der Coronakrise hat man die Hand und das Gesicht des Stadtrats vermisst.»

Das Wortgefecht des Abends:

Moderator Reto Voneschen: «Herr Buschor, wieso haben sie beim Schulstreit zwei Jahre lang nicht durchgegriffen?»

Markus Buschor: «Das war keine Krise. Vielleicht war die Aussenwahrnehmung so. Dahinter steckt aber ein 25 Jahre schwelender Konflikt. Ich bin vielmehr von mir selbst enttäuscht, dass ich nicht schneller einen Schlussstrich unter diesen Konflikt setzen konnte.»

Grosse Runde: (von links) Moderator Daniel Wirth, Peter Jans (SP), Sonja Lüthi (Grünliberale), Karin Winter-Dubs (SVP), Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos), Mathias Gabathuler (FDP), Trudy Cozzio (CVP) und Markus Müller (parteilos).

Grosse Runde: (von links) Moderator Daniel Wirth, Peter Jans (SP), Sonja Lüthi (Grünliberale), Karin Winter-Dubs (SVP), Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos), Mathias Gabathuler (FDP), Trudy Cozzio (CVP) und Markus Müller (parteilos).

Bild: Nik Roth

So haben die Bewerber ums Stadtpräsidium abgeschnitten:

Markus Buschor wirkte souverän, aber noch immer etwas bieder. Als Schuldirektor habe er auch unpopuläre Entscheide getroffen. «Auch auf die Gefahr hin, dass ich als Oberlehrer wahrgenommen werde.» Nach dem Podium beurteilten verschiedene Anwesende Buschors Auftritt mit Worten von «kollegial», «staatsmännisch» bis «furztrocken».

SP-Stadträtin Maria Pappa und der parteilose Stadtrat Markus Buschor

SP-Stadträtin Maria Pappa und der parteilose Stadtrat Markus Buschor

Bild: Nik Roth

Maria Pappa läuft auf der Zielgeraden zur Hochform auf. Die Sozialdemokratin war direkt und auf der Höhe. Der Dämpfer der Grünen, die statt der SP-Frau den parteilosen Markus Buschor unterstützen, scheint weggesteckt. Sichtlich enervierte sich Pappa über das Etikett «Frauenbonus». Sie wolle aufgrund ihres Leistungsausweises beurteilt werden, und nicht darauf, dass sie eine Frau sei. Am Schluss der Diskussion war ein Quentchen Übermut bei Pappa auszumachen. Es gibt Stimmen, die sagen, die Baudirektorin müsse für das Stadtpräsidium noch etwas diplomatischer auftreten können.

Herausforderer Mathias Gabathuler bewies, dass er ein geschulter Rhetoriker ist. Der Kantirektor vertrat eine klare Haltung, stets in der Parteilinie. Gewerbe und Hauseigentümer unterstützen ihn. Dies kam auch in Gabathulers Voten zum Ausdruck. Der FDP-Mann trat zwar selbstbewusst auf. Von einem Herausforderer hätte man aber mehr Angriffslust erwartet. Insgesamt etwas handzahm.

Von links: Moderator Daniel Wirth, Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos), Mathias Gabathuler (FDP) und Moderator Reto Voneschen.

Von links: Moderator Daniel Wirth, Maria Pappa (SP), Markus Buschor (parteilos), Mathias Gabathuler (FDP) und Moderator Reto Voneschen.

Bild: Nik Roth

Nach dem Podium lässt sich kein klarer Favorit oder eine Favoritin bestimmen.

Der Kampf um den Einzug in den Stadtrat

Die Protagonisten:

  • Peter Jans (SP, bisher)
  • Sonja Lüthi (Grünliberale, bisher)
  • Trudy Cozzio (CVP)
  • Markus Müller (parteilos)
  • Karin Winter-Dubs (SVP)

So verlief der Schlagabtausch zwischen den Kandidierenden:

Die 100'000er-Frage: Wie soll St.Gallen, wie in der stadträtlichen Vision 2030 festgehalten, in zehn Jahren 100'000 Einwohnerinnen und Einwohner erreichen?

Trudy Cozzio: «Der Steuerfuss ist sehr hoch. Wenn wir wachsen wollen, müssen wir erst Arbeitsplätze schaffen. Aber auch attraktiver Wohnraum, etwa für Familien, ist wichtig. Sonst wandern diese in die umliegenden Gemeinden ab.»

Sie wollen in den Stadtrat: Trudy Cozzio (CVP), Karin Winter-Dubs (SVP) und Markus Müller (parteilos) sowie die beiden Moderatoren Daniel Wirth und Reto Voneschen.

Sie wollen in den Stadtrat: Trudy Cozzio (CVP), Karin Winter-Dubs (SVP) und Markus Müller (parteilos) sowie die beiden Moderatoren Daniel Wirth und Reto Voneschen.

Bild: Nik Roth

Karin Winter-Dubs: «Wichtiger als zu wachsen ist doch, dass es denjenigen, die hier leben, gut geht. Wir müssen erst unsere eigenen Probleme in der Stadt lösen. »

Peter Jans: «Oft wird St.Gallen nachgesagt, die Stadt sei etwas schläfrig. Dabei haben wir eine hohe Lebensqualität. Und es passiert auch viel.»

«Es braucht nicht immer Leuchttürme. St.Gallen liegt schliesslich auch
nicht am Meer.»

«Wichtiger ist aber aktuell die Energiewende und die Klimapolitik.»

Maria Pappa: «Wenn wir wachsen wollen, müssen wir uns aber fragen wie. Der Mensch braucht Freiräume. Man kann nicht nur verdichten. Und wenn wir zu schnell wachsen, werden Schülerinnen und Schüler nur in Provisorien unterrichtet?»

Markus Buschor: «Wir können den Steuerfuss nicht senken ohne Wachstum.»

So haben die Bewerber um den Stadtrat abgeschnitten:

Trudy Cozzio konnte mit ihren Voten nicht immer überzeugen. Die Fragen zu ihrem Alter und ihrer beabsichtigen Amtsdauer erwischten die 62-Jährige auf dem falschen Fuss. «Das ist ein rechtes Alter, das stimmt. Aber ich bringe auch viel Lebenserfahrung mit.» Bei der Wohnraumfrage konnte die CVPlerin hingegen punkten. Ansonsten blieb ihr Auftritt etwas blass.

Peter Jans wirkte solid, sattelfest und souverän. Der SP-Stadtrat liess durchblicken, dass er auch gerne für das Stadtpräsidium kandidiert hätte. Er und Maria Pappa hätten zwei gleichwertige Kandidaturen vorlegen können. «Innerhalb der Partei kamen wir zum Schluss, dass die Frauen-Kandidatur Vortritt hat.»

Kandidieren nicht fürs Stadtpräsidium: Sonja Lüthi (Grünliberale) und Peter Jans (SP).

Kandidieren nicht fürs Stadtpräsidium: Sonja Lüthi (Grünliberale) und Peter Jans (SP).

Bild: Nik Roth

Die grünliberale Stadträtin Sonja Lüthi hat an Format gewonnen. Sie präsentierte eine saubere Auslegeordnung, wo in der Stadt St.Gallen der Schuh drückt. Sie verriet auch, dass sie sich eine Kandidatur fürs Stadtpräsidium ebenfalls lange überlegt habe. Doch aktuell fühlt sich Lüthi in ihrem Amt wohl. «Ich habe eine gute Balance zwischen Beruf und Familie gefunden. Und ich will meine Projekte im Stadtrat weiterführen.»

Markus Müller, der Überraschungskandidat, bewies, dass er eine Wundertüte ist. «Mich kann man nicht einordnen.» Er plädierte für einen gesunden Menschenverstand und pragmatische Entscheide in der Politik. Bei konkreten Lösungsvorschlägen wies Müller fast schon mantraartig auf die Digitalisierung hin. «St.Gallen soll so das Epizentrum der Digitalisierung werden.»

Karin Winter-Dubs (SVP)

Karin Winter-Dubs (SVP)

Bild: Nik Roth

Karin Winter-Dubs trat stark auf. Ihre Antworten kamen auf den Punkt. So nannte die SVP-Kandidatin als einzige Podiumsteilnehmerin eine konkrete Zahl bei der Diskussion um den Steuerfuss («Zehn Prozent weniger»). Winter-Dubs sagte aber auch, dass sie nicht immer der SVP-Parteilinie folge. «Es kann auch linke SVPler geben», sagte sie mit einem Augenzwinkern. In einem Gremium wie dem Stadtrat brauche es Kompromissfähigkeit, die sie mitbringe.

Das Ambiente

Der Veranstaltungsort:

150 Personen fanden den Weg in den Pfalzkeller, trotz einem strahlend-schönen Spätsommerabend.

Die Atmosphäre:

Im Publikum sass geschätzt die Hälfte des St.Galler Stadtparlaments. Insgesamt ein ruhiges, aufmerksames Publikum. Die SP-Mitglieder klatschten bei der Antwort von Maria Pappa auf den «Frauenbonus».

Der Unterhaltungsfaktor:

Karin Winter-Dubs auf die Frage, ob die Olma gerettet werden soll: «Klar, sie muss weiterbestehen. Nur schon, weil ich selbst auch gern an die Olma gehe.» Ein Fass ohne Boden sei die Rettungsaktion nicht. Winter-Dubs sagte, sie vertraue da der Olma-Führung.

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