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«Schaden Sie dem Wachstum» - Urs P. Gasche zurück in Gossau

Der ehemalige Friedbergler und Journalist Urs P. Gasche ist kürzlich ins Gossauer Gymnasium zurückgekehrt. In der vollen Mensa stimmte seine Kritik am «Wachstumswahn» nachdenklich.
Sebastian Schneider
Urs P. Gasche machte einst in Gossau die Matura. (Bild: PD)

Urs P. Gasche machte einst in Gossau die Matura. (Bild: PD)

Mit Schreiben und Mahnen kann er nicht aufhören. Der 73-jährige Urs P. Gasche denkt nicht daran, seine kritische Haltung abzulegen oder seine journalistische Tätigkeit aufzugeben. Das Hinterfragen habe den Reiz nicht verloren, sagt Gasche, der schon sein ganzes Berufsleben lang als Journalist und Publizist wirkt (siehe Kasten). Für ihn sei es ein Privileg, sein Wissen heute wie früher weiterzugeben. Am Mittwochabend tat er dies am Gymnasium Friedberg in Gossau als Gastreferent der «Akademie am Friedberg». In der vollen Mensa prangerte er die heutige Wachstumspolitik an. Seine Ausführungen basierten auf dem Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn – Plädoyer für eine Umkehr», das er vor acht Jahren zusammen mit dem Berufskollegen Hanspeter Guggenbühl veröffentlicht hatte. Seither habe sich leider nicht viel verändert, sagte er einleitend. «Da sieht man, wie viel man als Journalist erreichen kann», scherzte er und erntete Lacher im Saal. Danach wurde es aber ernst. Seine Kritik am heutigen Wachstum, das nur dank Verschuldung und Ausplünderung der Erde funktioniere, gab den Gästen zu denken.

Ständiges Wachstum ist unmöglich

Gasche kehrte am Mittwoch an einen Ort zurück, den er in den 1960er-Jahren mit «gemischten Gefühlen» verlassen hatte. Als er am Friedberg zur Schule ging, habe er gelernt, gegenüber fundamentalistischen Weltanschauungen «allergisch» zu sein. Als Gymnasiast habe er Zensur erlebt. Sein kritischer Geist wurde dadurch aber erst recht erweckt. Fortan setzte sich Gasche – unter anderem als Moderator der SRF-Sendung Kassensturz – für die Schwächeren ein. Und so sagte er auch in seinem Referat, dass man die Leistung einer Nation nicht an den Reichen messen soll, sondern an den ärmsten zehn Prozent der Gesellschaft.

Am meisten stört Urs P. Gasche, dass das Wachstum des Bruttoinlandprodukts stets als oberstes Ziel dargestellt wird. Als ob man die wirtschaftliche Stärke einer Volkswirtschaft nur daran messen könne. Komme hinzu, dass selten darüber berichtet werde, was denn überhaupt gewachsen sei und wer vom Wachstum profitiert habe. Jedes Jahr ein Wachstum von zwei Prozent sei Irrsinn, sagte Gasche und rechnete vor: «Würden wir diese Quote jährlich erreichen, müssten wir nach 35 Jahren das Doppelte konsumieren, in 200 Jahren wäre es dann das 50-fache.»

Wachsen auf Pump

Zu denken gibt Gasche, dass das Wachstum in den Industriestaaten seit 20 Jahren nur noch mit einer noch grösseren Verschuldung zustande kam. Die Kostenwahrheit werde in zahlreichen Produkten und Dienstleitungen nicht mehr abgebildet. Vor allem klammere man gerne die Umweltkosten aus. Als Beispiel nannte Gasche den heute günstigen Atomstrom und auf der anderen Seite den Atommüll, den man den kommenden Generationen für Hunderttausende von Jahren hinterlasse.

Gasche schonte seine Zuhörerinnen und Zuhörer nicht und schnitt zahlreiche Probleme an, die nicht gerade heiter stimmten. Neben seiner Analyse zeigte der Journalist aber auch Möglichkeiten auf, wie man sich dem Wachstumszwang widersetzen kann. Etwa damit, elektronische Geräte oder ein Auto länger zu behalten, als das sich dies die Wirtschaft wünsche. «Kaufbefehle verweigern» solle man vor allem bei Billig- und Wegwerfprodukten. «Seien Sie vernünftig und schaden Sie gelegentlich dem Wachstum», riet er.

Gasche will, dass der Energieverbrauch besteuert wird, anstatt der Arbeit. Er ist überzeugt, dass man zur Sicherung der AHV weder Rentenkürzungen noch mehr junge Menschen brauche, sondern eine zusätzliche Finanzierung durch eine Erbschaftsteuer. Dagegen allerdings wehrte sich am Abend eine Frau. Ungerecht wäre eine solche Steuer für einfache, mittelständische Hausbesitzer, wandte sie ein. Im Übrigen erhielt Gasche viel Zuspruch im Publikum. Ein Senior meinte, der Referent solle doch nach St. Gallen gehen. «Erklären Sie Ihre Wachstumskritik nicht uns, sondern den Studenten und Professoren der HSG.»

Erst die Krise schafft Veränderung

Gasche hofft, auch jüngere Gossauerinnen und Gossauer sensibilisiert zu haben. Bevor er nämlich in der Mensa auftrat, hatte er sich den Fragen verschiedener Friedberg-Klassen gestellt. Schön geredet hat er die Welt auch vor den Schülern nicht. Er wies etwa darauf hin, dass die natürlichen Ressourcen ausgingen, sobald grosse Teile Chinas, Indiens und Afrikas so leben wie die Europäer vor 30, 40 Jahren. «Irgendwann muss die junge Generation auf die Barrikaden gehen», ist sich Gasche sicher.

Grundsätzlich sei es besser, etwas gegen drohende Probleme zu tun, bevor die Situation kippe. Doch wie schwierig oder gar unmöglich es ist, Veränderungen rechtzeitig einzuleiten, weiss der gebürtige Basler aus seiner langen Erfahrung nur zu genau. «Grosse Veränderungen kommen leider erst in einer weiteren Krisensituation.»

Zur Person

Urs P. Gasche ist 1945 in Basel geboren und lebte von 1960 bis 1965 in Gossau. Nach seiner Zeit im Gymnasium Friedberg studierte er in Genf internationale Beziehungen. Danach wurde er Journalist. Von 1982 bis 1985 war er Chefredaktor der Berner Zeitung, und von 1986 bis 1996 leitete er die SRF-Konsumentenschutz-Sendung Kassensturz. Bis 2004 war er Mitherausgeber der Zeitschrift K-Tipp. Seither ist er als freier Publizist tätig und arbeitet für die Internet-Zeitung Infosperber, die er im Jahr 2011 lancierte. Seit 1981 hat er mehrere Bücher veröffentlicht. (ses)

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