Saisonstart nach Corona
Erst Pandemie, dann Eintrittstest und Dauerregen: Das Theater Konstanz erlebt eine Wiedereröffnung mit Hindernissen

Nach sieben Monaten Stillstand sollte das Theater Konstanz endlich wieder spielen dürfen. Doch die ersten Premieren nach der langen Coronapause fielen ins Wasser.

Julia Nehmiz
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Schauspieler Odo Jergitsch und Musiker Rudolf Hartmann: Mit einem Tag Verspätung durfte ihr «Wiener Abend» auf dem Konstanzer Münsterplatz dann doch noch Premiere feiern.

Schauspieler Odo Jergitsch und Musiker Rudolf Hartmann: Mit einem Tag Verspätung durfte ihr «Wiener Abend» auf dem Konstanzer Münsterplatz dann doch noch Premiere feiern.

Bild: Aurelia Scherrer

Theater in Pandemiezeiten? Schwierig. Da hat das Theater Konstanz fast sieben Monate zusperren müssen. Die letzte Premiere, die erst vierte der neuen Intendantin Karin Becker, wurde am 23. Oktober gefeiert, «Der ideale Mann». Am 31. Oktober wurde letztmals vor Publikum gespielt. Dann blieb der Vorhang unten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler probten weiter, nahmen Podcasts auf, machten Telefonlesungen, drehten Filme. Doch live, vor Publikum?

Das sollte jetzt ab dem Pfingstwochenende wieder stattfinden. Endlich! Im Landkreis Konstanz sind die Bedingungen für «Stufe 1» erfüllt, das heisst, die Inzidenz war an fünf aufeinanderfolgenden Tagen unter 100, Open-Air-Veranstaltungen für getestetes, Maske tragendes Publikum sind also wieder möglich. In wenigen Tagen stellten Karin Becker und ihr Konstanzer Team ein Freilicht-Programm auf die Beine. Am Freitag sollte es so weit sein. Die ersten Premieren nach sieben Monaten.

Kurz fluchen, dann nach vorne schauen

Dann: Regen. Den ganzen Tag. Zuerst wird die Nachmittagspremiere des Kinderstücks «Jonny Hübner greift ein» abgesagt. Kurz vor Vorstellungsbeginn dann auch die Abendpremiere «Ein Wiener Abend». Sie hätten gehofft, dass es ein Regenloch gibt, sagt Intendantin Karin Becker. Wasser tropft aus ihren Haaren, dann hält ein Mitarbeiter seinen Schirm über sie. Am Abend ist klar, es wird nicht aufhören zu regnen. Die Premiere muss auf Samstag verschoben werden.

Karin Becker, Intendantin Theater Konstanz.

Karin Becker, Intendantin Theater Konstanz.

Bild: Dieter Langhart

Nein, traurig sei sie nicht, sagt Karin Becker. Sie hätte kurz geflucht, klar, aber jetzt schaut sie nach vorne. Sie bedauert die Zuschauerinnen und Zuschauer, vor allem die Kinder, die am Nachmittag enttäuscht wieder abziehen mussten. Aber grundsätzlich freut sie sich, dass es wieder losgeht.

«Alle Mitarbeitenden können es kaum erwarten, endlich wieder Vorstellungen zeigen zu dürfen.»

Open-Air-Theater in Konstanz

«Ein Wiener Abend» und das Kinderstück «Johnny Hübner greift ein» (ab 7) machten den Auftakt der Konstanzer Open-Air-Saison. Beide Stücke werden noch am 23./24.5. gespielt. Am 29.5 feiert das Jugendstück «Revolution» (ab 14) Premiere. Ab dem 30.5. wird das Kinderstück «Bär im Universum» (ab 5) gespielt. Am 19.6 feiert Shakespeares Komödie «Viel Lärm um nichts» auf dem Münsterplatz Premiere. Tickets und Infos über Coronabestimmungen auf theaterkonstanz.de.

Am Samstag scheint die Sonne. Man mag es kaum glauben. Über dem Thurgau wattiggraue Wolkengebirge, über Konstanz blauer Himmel. Mit Glück ergattert man noch einen Testtermin in Konstanz am Abend. Die Stadt hat viele Teststationen eingerichtet, im Vier-Minuten-Takt werden Stäbchen in Nasen geschoben. Ins Theater wie in Restaurants und Cafés darf man nur getestet, shoppen geht auch ohne. Am Shoppingcenter Lago staut sich der Verkehr wie zu Vor-Pandemie-Zeiten.

Bejubelt, aber nicht ausverkauft

Mit dem Testergebnis checkt man sich vor Vorstellungsbeginn ein. Dann sitzt man auf der Tribüne auf dem Münsterplatz, die goldene Turmspitze leuchtet im Abendlicht. Knapp 40 Zuschauerinnen und Zuschauer sind gekommen, erlaubt wären 100. Schon das Kinderstück am Nachmittag wurde bejubelt, war aber nicht ausverkauft. Der tagesaktuelle Schnelltest, ohne den man nicht ins Theater kommt, sei für viele eine Hürde, sagt Karin Becker.

Schlichte Bühne, intimer Abend: Schauspieler Odo Jergitsch und Musiker Rudolf Hartmann lassen die Literatur aus und über Wiener Kaffeehäuser wieder auferstehen.

Schlichte Bühne, intimer Abend: Schauspieler Odo Jergitsch und Musiker Rudolf Hartmann lassen die Literatur aus und über Wiener Kaffeehäuser wieder auferstehen.

Bild: miz

Doch die Zuschauerinnen und Zuschauer, die gekommen sind, fiebern dem Live-Erlebnis Theater entgegen. Es wird ein intimer, schlichter, unaufgeregter Theaterabend. Ein kleines Podest, ein Tisch, zwei Stühle, ein Schauspieler, ein Musiker. «Ein Wiener Abend» lebt vom gesprochenen Wort und Akkordeon-Musik. Schauspieler Odo Jergitsch liest Texte aus der literarischen Hochblüte der Wiener Kaffeehäuser, derb, sarkastisch, gefühlvoll. Musiker Rudolf Hartmann untermalt mal melancholisch, mal liebreizend, mal feurig.

Jergitsch schafft es, den grossen Münsterplatz schrumpfen zu lassen, als sauge er alle Zuschauer mit seinen Worten ein. Der Wind zerrt an seinen Textblättern, Schwalben lärmen am hohen Himmel, Jergitsch lässt einen eintauchen in die Geschichten von Alfred Polgar, Egon Friedell oder Franz Molnar. Mehr braucht es nicht. Wie berührend, wie herrlich, zwei Menschen direkt vor sich zu haben, die Texte und Musik lebendig werden lassen.