St.Gallen muss weiter auf  Viertelstundentakt warten: Die S-Bahn bleibt vorerst auf dem Abstellgleis

Die Stadt St. Gallen muss weiter auf den Viertelstundentakt bei der S-Bahn warten. Der Kantonsrat hat einen entsprechenden Anlauf im Keim erstickt. Immerhin verspricht die Regierung Verbesserungen. Der Stadtrat will den Druck auf den Kanton dennoch aufrecht erhalten.

David Gadze
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Der Stadtbahnhof Bruggen ist noch weit entfernt von einem Viertelstundentakt. (Bild: Ralph Ribi (3. September 2018))

Der Stadtbahnhof Bruggen ist noch weit entfernt von einem Viertelstundentakt. (Bild: Ralph Ribi (3. September 2018))

Die Hoffnung auf kurzfristige Fahrplanverbesserungen bei der S-Bahn in der Stadt St. Gallen war klein nach der Antwort der Regierung auf einen Vorstoss der beiden Stadt- und Kantonsräte Thomas Scheitlin und Sonja Lüthi («Tagblatt» vom 4. September). Seit der Septembersession des Kantonsrats, die gestern zu Ende gegangen ist, ist nun auch klar, dass in den kommenden Jahren wohl bestenfalls kleine Sprünge zu erwarten sind. Denn der politische Rückhalt für gewichtige Verbesserungen fehlt bei der bürgerlichen Ratsmehrheit, vor allem ausserhalb der Stadt.

Das verdeutlichte die Tatsache, dass ein Antrag der SP/Grüne-Fraktion für einen Viertelstundentakt zwischen Wil und Rorschach bei den anderen Fraktionen chancenlos war – und zwar so chancenlos, dass sie sich letztlich entschloss, ihn gar nicht erst einzureichen. «Die breite Ablehnung hätte sonst als Zeichen gedeutet werden können, dass der Kantonsrat klar keine Anpassungen im vorgesehenen Sinn will», sagt Stadtpräsident Thomas Scheitlin.

Ein lachendes und ein weinendes Auge

An sich könne die Stadt St. Gallen mit dem Ergebnis der Debatte um das ÖV-Programm 2019 bis 2023 nicht zufrieden sein, sagt Scheitlin. «Wir hätten gern einen Viertelstundentakt oder zumindest eine bessere Fahrplandichte für die S-Bahn erreicht.»

Trotz allem habe er ein lachendes und ein weinendes Auge. Denn immerhin habe Regierungsrat Bruno Damann zugesichert, dass der Kanton daran arbeite, Verbesserungen in die Wege zu leiten. Zudem habe der Kantonsrat dem Auftrag der vorberatenden Kommission an die Regierung zugestimmt, bis zum nächsten ÖV-Programm gezielte Verdichtungen des S-Bahn-Angebots zu prüfen.

In seinem Votum im Kantonsrat sparte Scheitlin vorgestern Dienstag nicht mit Kritik. Dynamisch wachsende Städte zeichneten sich unter anderem durch eine gute Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr aus, sagte der Stadtpräsident. Den Nahverkehr müsse man über ein «hocheffizientes S-Bahn-Netz» abwickeln, um die Standortattraktivität zu steigern.

Diese Erkenntnis scheine aber noch nicht bis nach St. Gallen durchgedrungen zu sein. Bezüglich Quantität und Qualität sei die Bedienung einiger Stadtbahnhöfe und ihrer Einzugsgebiete «völlig ungenügend». Die S-Bahn könne ihre Funktion als Zubringer aus der Region oder innerhalb der Stadt an wichtige Arbeitsplatzgebiete nicht leisten.

«Das sind Zustände, die für die Stadt als wirtschaftliches Zentrum der Region nicht tragbar sind.»

Dass der Vollknoten St. Gallen vor der Realisierung stehe, sei ein erster wichtiger Schritt. Aber für die Entwicklung der Agglomeration und ihre Erschliessung für Wirtschaft und Bevölkerung sei es wichtig, als nächsten Schritt nun auch bei der S-Bahn Nägel mit Köpfen zu machen. Sonst würden wichtige Entwicklungsschritte verhindert, was früher oder später Spuren im wirtschaftlichen Fortschritt der ganzen Region hinterlassen werde.

Der Vollknoten St.Gallen steht auf dem Spiel

In der Debatte zeigte sich jedoch auch, dass die Stadt mit ihrem Anliegen im Rest des Kantons nur wenig Rückhalt hat, zumindest bei den bürgerlichen Parteien. Deren Vertreter betonten, bei Angebotsausbauten brauche es den Nachweis der Wirtschaftlichkeit. «Von einem dynamischen Wachstum der Stadt St. Gallen spüre ich jedenfalls schon lange nichts», sagte Karl Güntzel (SVP).

Dem widersprach sein Parteikollege Michael Götte: Es brauche die Gesamtsicht auf die ganze Agglomeration St. Gallen, nicht nur auf die Stadt. Insofern könne man durchaus von einem dynamischen Wachstum sprechen. Der Tübacher Gemeindepräsident sprach sich für einen «guten ÖV» aus. Das bestehende Angebot in der Region müsse optimiert werden, allerdings «nicht endlos», denn dies koste zu viel.

Regierungsrat Bruno Damann sagte, der Kanton könne nicht jeden gestellten Wunsch für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs erfüllen. Und ohne einen Mindestdeckungsgrad sei ein Ausbau nicht möglich. Man setzte gar den Vollknoten St. Gallen aufs Spiel, wenn man jetzt auch einen Viertelstundentakt für die S-Bahn in der Stadt fordere.

«Ohne Druck der Stadt geht es nicht vorwärts»

Der Stadtrat werde beim Ausbau der S-Bahn jedoch nicht locker lassen, bekräftigt Stadtpräsident Thomas Scheitlin. «Man hat gesehen, dass es ohne Druck der Stadt und der Region nicht vorwärts geht. Wir erwarten spätestens bis 2021 Verbesserungen beim Fahrplan – zumindest solche, die auch ohne Infrastrukturausbauten möglich sind.»

Aus Sicht des Stadtrats sei klar, dass man nicht bis zum Ausbauschritt 2030/2035 der SBB warten könne – zumal unwahrscheinlich sei, dass der Bund Geld für diese Projekte sprechen werde. Den Druck auf den Kantonsrat und die Regierung wolle die Stadt nun zusammen mit der Regio Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee aufrecht erhalten.

Der Kanton soll in St.Gallen die Lokomotive für die S-Bahn sein

Verkehrspolitiker und Fachleute kritisieren die zögerliche Haltung der Regierung bezüglich eines Ausbaus der S-Bahn in St.Gallen. Der Kanton könne nicht einfach warten, bis etwas geschehe, lautet der Tenor. Die Stadt St.Gallen brauche den Viertelstundentakt.
David Gadze