Ruhig Blut bei der Raubkunst aus Nigeria

Abwarten und die Debatte um eine Rückführung von Raubkunst nach Nigeria aufmerksam verfolgen: Der Stadtrat teilt die Meinung des Historischen und Völkerkundemuseums zu zwei Benin-Bronzen.

Daniel Wirth
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Die Reliefplatte aus dem Königreich Benin kam über Dresden, Berlin und Paris nach St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess (8. Januar 2019))

Die Reliefplatte aus dem Königreich Benin kam über Dresden, Berlin und Paris nach St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess (8. Januar 2019))

In der Sammlung des Historischen und Völkerkundemuseums (HVM) St. Gallen befinden sich zwei Benin-Bronzen. Es handelt sich dabei zweifelsfrei um Raubkunst. Der Gedenkkopf und die Reliefplatte wurden 1897 bei einem britischen Vernichtungsfeldzug aus Ubinu (Benin-City) geraubt. Den Weg ins Museum in St. Gallen fanden sie in den 1940er-Jahren über die Volksbank Zürich. Zuvor befanden sich die beiden Kunstwerke im Besitz von Han Coray (1880-1974), einem der ersten Schweizer Sammler afrikanischer Kunst mit Wurzeln in der Stadt St. Gallen.

Ob Werke wie der Gedenkkopf und die Reliefplatte nach Nigeria zurückgeführt werden sollen – darüber ist schon vor geraumer Zeit international eine Debatte entbrannt. Der französische Präsident Emmanuel Macron entfachte die Diskussion im November vergangenen Jahres in Ouagadougou in Burkina Faso erneut, als er in einer Rede die Rückführung von geraubter Kunst nach Afrika ankündigte.

SP-Politiker machte die Kunstwerke zum Politikum

In St. Gallen machte Stadtparlamentarier Gallus Hufenus die Benin-Bronzen zum Politikum. Er reichte zum Jahreswechsel eine Einfache Anfrage ein. Der Sozialdemokrat wollte vom Stadtrat wissen, wie dieser zu einer Rückführung der Raubkunst nach Nigeria stehe. Jetzt liegt die Antwort der Stadtregierung vor. Sie unterstützt das Historische und Völkerkundemuseum im Umgang mit Raubkunst voll und ganz.

Der Stadtrat stellt sich hinter die Strategie, keine übereilten Rückgaben in die Wege zu leiten, sondern die aktuelle Diskussion aufmerksam zu verfolgen und in Bezug auf die eigene Sammlung höchste Transparenz zu liefern. Abschliessende Ergebnisse zum Umgang mit dem kolonialen Erbe lägen bisher keine vor, schreibt der Stadtrat. Er sei überzeugt vom professionellen Umgang der Mitarbeitenden des Historischen und Völkerkundemuseums mit kolonialen Objekten. Im Stiftungsrat würden regelmässige und umfassende Berichte über die Arbeit mit der eigenen Sammlung vorgelegt. Ebenso werde darüber Bericht erstattet, wie sich das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen mit anderen Museen der Schweiz austausche.

Achim Schäfer, Sammlungsleiter und stellvertretender Direktor des HVM, sagte dem «Tagblatt» Anfang Jahr, das Museum stehe einer Rückgabe der Benin-Bronzen offen gegenüber, sobald um eine solche ersucht werde. Bisher habe sich aber noch kein Museum in Nigeria oder in einem anderen afrikanischen Staat bei ihm gemeldet, sagt Schäfer heute. Und er erwartet auch keine Anfrage. Schäfer spricht von einem «Präzedenzfall». In diesem seien die Augen nicht auf das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen gerichtet wegen dessen zwei Benin-Bronzen. Der Fokus liege auf Museen in London, Berlin oder Paris.

Gemäss Schäfer gehört die mögliche Rückführung von Raubkunst nach Nigeria auf die politische Agenda. «Das können wir nicht allein», sagt der HVM-Sammlungsleiter. Das Thema sei ein emotionales, das einer sachlichen und nüchternen Diskussion bedürfe. Das findet auch Gallus Hufenus. Er sagt, im HVM St. Gallen werde professionell gearbeitet. Und er ist auch mit der Antwort des Stadtrates einverstanden, mehr oder weniger. Sie sei ein wenig mutlos, aber er könne nachvollziehen, dass der Stadtrat und das Museum die Debatte um die Rückgabe von Raubkunst aufmerksam verfolgen anstatt proaktiv handeln wollten.

Nach der Rückführung keine Kontrolle mehr

Gallus Hufenus, der den öffentlichen Diskurs suchte, wollte vom Stadtrat auch wissen, inwiefern sichergestellt werden könne, dass rückgeführte Kulturgüter fachgerecht aufbewahrt und geschützt würden. Museale Standards und damit eine sachgerechte, konservatorisch angemessene Aufbewahrung sowie der nötige Schutz der Objekte könnten bei rückgeführten Kulturgütern nicht sichergestellt werden, schreibt der Stadtrat in seiner Antwort. Sie müssten vollständig aus der Verantwortung der HVM-Konservatorinnen und -Konservatoren entlassen werden.