Rote Karte für den Roten Platz: Die Sanierung des St.Galler Wahrzeichens belastet die Umwelt

Die Stadtlounge wird derzeit saniert. Stadtparlamentarier fragen nun, ob dies auf Kosten der Umwelt geschieht. Denn bei den Sanierungsarbeiten könnte Mikroplastik in die Kanalisation und so ins Grundwasser gelangen.

Viola Priss
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Der Belag des Roten Platzes wird noch bis Ende September saniert.

Der Belag des Roten Platzes wird noch bis Ende September saniert.

Bild: Benjamin Manser

Wer derzeit am Roten Platz entlang spaziert, dem geht es vielleicht wie den Stadtparlamentariern Veronika Meyer und Clemens Müller: «Granulatmaterial liegt lose verstreut herum – und das über längere Zeit. Da fragten wir uns: Was passiert damit? Und was ist bei Regen und Wind, wenn die Kanalschächte nicht abgedichtet sind?», sagt Meyer. Beim Granulat handelt es sich um Mikroplastik, da es kleiner als fünf Millimeter ist. Einmal in Kanalisation und Grundwasser, ist es laut Meyer nicht oder kaum mehr herauszufiltern.

Veronika Meyer, Grüne Stadtparlamentarierin

Veronika Meyer, Grüne Stadtparlamentarierin

Bild: PD

Zusammen mit Clemens Müller hat Meyer deshalb einen Vorstoss eingereicht. Die beiden Grünen fordern darin primär Transparenz und Erklärungen. Ist der Stadt das Problem bekannt? Falls ja, wie wird ihm begegnet? «Fakt ist: Derzeit gelangt das Material ungehindert in die Abflussschächte», sagt Meyer. Als «höchst unerwünscht» bezeichnen Meyer und Müller diesen Umstand in ihrer einfachen Anfrage und fordern Antworten. Woraus besteht das Kunststoffgranulat, ist es umweltschädigend oder gar toxisch? Gibt es Vorschriften zu Einbau und Sanierung des Materials und falls ja, wer kontrolliert dies?

Eine giftige Sehenswürdigkeit?

«Der Rote Platz ist einer der touristischen Höhepunkte der Stadt, das steht ausser Frage», stellt Veronika Meyer klar. Die Installation der Künstlerin Pipilotti Rist und des Architekten Carlos Martinez sei inzwischen nicht mehr wegzudenken.

«Neben dem künstlerischen Wert des Roten Platzes, hat er auch einen gemeinschaftsstiftenden Effekt: Hier geniessen die Leute den Kaffee vor der Arbeit, Kinder spielen auf den Objekten und erst kürzlich hörte ich eine ältere Frau schwärmen, der Kunststoff federe so schön beim Gehen.»
Beat Rietmann, Leiter des städtischen Tiefbauamts.

Beat Rietmann, Leiter des städtischen Tiefbauamts.

Bild: Urs Bucher

Doch genau dieser bereitet den beiden Stadtparlamentariern Sorge. Der Abrieb sei stark, da der Platz zentral liege und beliebt sei. «Sanierungsarbeiten werden zwangsläufig immer wieder notwendig sein. Die Frage ist: Geht das auch umweltschonend?» Die Kehrseite des roten Hinguckers ist der aufwendige betriebliche und baulicher Unterhalt. «Bei den Bauarbeiten 2005 war das den Beteiligten durchaus bewusst», sagt Beat Rietmann, Leiter des städtischen Tiefbauamts.

«Die Erfahrungen aus der Nutzung fliessen derzeit bei den Sanierungsarbeiten ein. Idealerweise können wir so die nächste Instandstellung hinauszögern.»

Verwirrte Bienen auch in der Poststrasse

Erst kürzlich erregten die Sanierungsarbeiten auf dem Roten Platz Aufsehen. Passanten bemerkten auffällig viele tote Bienen und führten dies auf giftige Gase infolge der Bauarbeiten zurück. Hier kann Rietmann inzwischen definitiv Entwarnung geben: «Mit der Instandsetzung hat dies nichts zu tun. Auch in der Poststrasse wurden kurze Zeit später orientierungslos umherschwirrende Bienen beobachtet.»

Das Problem mit dem möglicherweise giftigen Granulat aber bleibt. Früher oder später, so Veronika Meyer, landen die Mikropartikel oder darin enthaltene Weichmacher auch auf unseren Tellern. Es sei ein Teufelskreis. «Die Bilder von Fischen, die aufgrund von Mikroplastik starben, kennen wir alle», sagt die gelernte Chemikerin.

«Aber muss es überhaupt soweit kommen?»

Alternativen zu Mikroplastik, die nicht oder weniger auf Kosten der Umwelt gehen, existieren bereits (siehe Infobox).

Vision einer «Green City»

«Die aufwendige Sanierung solcher Plastikoberflächen kennen wir bereits von Kunstrasen auf Sportplätzen», sagt Meyer. Wichtig sei ihnen, zu klären, ob man es 2020 besser machen könne, ob man das ursprünglich verwendete Material ersetzen könne. Hier fordern die Meyer und Müller vom Stadtrat Transparenz. Und allgemein: Mehr Offenheit gegenüber fortschrittlichen Projekten.

Da passt Meyers Credo: «Soviel grün, wie und wo es geht!». Von der Fassadenbegrünung über mehr Bäume bis hin zum Einsatz von Fotovoltaikanlagen. «Für mich ist das zukunftsorientiertes Bauen. Und verantwortungsbewusstes», sagt Meyer. Womöglich bedeute das auch einen Imagegewinn für die Stadt:

«Man stelle sich vor, nebst Stiftsbibliothek und Dom kämen die Leute auch her wegen der nachhaltigen Bauweise und begrünter Flächen.»

Mit einem Abschluss der Sanierungsarbeiten rechnet das Tiefbauamt für Ende September. Auf ein Umdenken seitens der Städtebauplanung hofft Veronika Meyer zusammen mit Clemens Müller darüber hinaus.

Drei Alternativen zu Kunststoffgranulat im Stadtbau

(vpr) Die EU will Mikrogranulat bis 2022 verbieten. Alternativen gibt es: Unverfüllter Kunstrasen: Das Kunststoffgranulat wird eingespart, indem die einzelnen Plastikhalme dichter angeordnet werden. Ökologisch ist dies nicht einwandfrei, durch den Verzicht auf das Granulat aber ein Kompromiss. Kork als Einstreumaterial: Zu 100 Prozent recycelbar wird das Material bereits heute im Sportplatzbau eingesetzt. Herkömmliches Material kostet zwar weniger, dafür ist der Abrieb bei Kork geringer und die Versickerungsfähigkeit besser. Hanfgranulat: Das Hybridmaterial besteht je zur Hälfte aus Hanf und aus einem Gemisch aus Kautschuk, Kreide und Kunststoff.