Interview

Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller: «Im Auftreten sind religiöse Fundamentalisten und Umweltaktivisten erschreckend ähnlich»

Thomas Müller stellt sich zum letzten Mal als Rorschacher Stadtpräsident dem «Tagblatt»-Sommerinterview. Einmal mehr sagt er seine Meinung unverblümt. Dabei finden etwa «militante Umweltschützer» wenig Verständnis bei dem auf Ende des Jahres zurücktretenden 67-Jährigen SVP-Politiker. Punkten kann hingegen US-Präsident Donald Trump.

Rudolf Hirtl
Drucken
Teilen
Rorschachs Stadtpräsident und Nationalrat Thomas Müller in seinem Arbeitszimmer im Rathaus, das er Ende Jahr ebenso wie sein Amt an Robert Raths weitergibt. (Bild: Rudolf Hirtl)

Rorschachs Stadtpräsident und Nationalrat Thomas Müller in seinem Arbeitszimmer im Rathaus, das er Ende Jahr ebenso wie sein Amt an Robert Raths weitergibt. (Bild: Rudolf Hirtl)

Thomas Müller, vor ziemlich genau einem Jahr haben Sie an dieser Stelle Ihren Rücktritt auf Ende 2019 bekannt gegeben. Nun ist mit Röbi Raths bereits Ihr Nachfolger bekannt. Wie haben Sie die vergangenen zwölf Monate erlebt?

Thomas Müller: Im Rückblick bin ich froh, dass ich beim damaligen «Tagblatt»-Interview motiviert wurde, meine Entscheidung bekannt zu geben. Man könnte es auch journalistischen Druck nennen. (lacht)

Wieso dies?

Für mich war es eine Erleichterung. Es hat ausserdem Ruhe reingebracht, und was fast noch wichtiger war, es gab dadurch eine lange Vorbereitungszeit, um meinen Nachfolger zu finden.

Kommen wir zum aktuellen Geschehen der Stadt. Die Kosten für die Unterführung beim Bäumlistorkel laufen aus dem Ruder. Steht der Chef der Bau- und Stadtentwicklung zur Diskussion?

Nein, das ist nicht die Schuld von Markus Fäh. Wir haben diesen Auftrag in einem ersten Schritt an ein Ingenieurbüro vergeben, das nun im Nachhinein selber sagt, es hätte den Auftrag nicht annehmen sollen, weil es eigentlich gar keine Zeit dafür hatte. Das konnten wir ja nicht abschätzen.

Ursprünglich sollte es die Stadt 13 Millionen Franken kosten, nun bewegen sich die Kosten um 23 Millionen. Wie teuer wird es denn nun tatsächlich?

Wir wissen nun relativ genau, wie die Mehrkosten sein werden. Genaue Zahlen möchte ich aber erst bekannt geben, wenn der hinterste und letzte Franken klar berechnet ist. Wir haben festgestellt, dass der zweite, nun ausführende Ingenieur die Kosten eher zu hoch ansetzt und Reserven einbaut. Die Auslegeordnung ist gemacht, ich will aber, dass jede einzelne Position akribisch verifiziert wird.

Was heisst das für den Umsetzungsfahrplan?

Die Abstimmung über den Kredit für die Unterführung ist immer noch im November geplant. Ich möchte dieses Projekt selber über die Bühne bringen und nicht Röbi Raths als Altlast übergeben. Das ist ein persönliches Anliegen von mir.

Kann die Summe von Rorschach finanziell gestemmt werden?

Entscheidend ist nicht die Höhe der Investition. Für Rorschach entscheidend ist die jährliche Abschreibung. Dabei bewegen wir uns dank des neuen Rechnungsmodells und der verlängerten Abschreibungszeit auf 60 Jahre bei der Summe der ersten Abstimmung. Sechzig Jahre finde ich übrigens vernünftig, denn auch in 60 Jahren wird man noch durch diesen Tunnel durchfahren.

Apropos Tunnel; die Gegner des Autobahnanschlusses Witen sagen, zwei Unterführungen in Rorschach und Goldach genügen, ein zusätzlicher A1-Anschluss sei nicht nötig. Was sagen Sie dazu?

Die Unterführungen und der Autobahnanschluss haben völlig unterschiedliche Bedeutungen. Bei unserer Unterführung geht es auch darum, den funktionalen Stadtraum näher zueinander zu bringen. Wenn wir diese Trennung belassen, dann werden wir noch mehr Kaufkraft in Richtung St. Gallen und Einkaufszentren verlieren, weil die Leute nicht mehr an den Barrieren warten wollen.

Die A1-Gegner operieren mit grossen Plakaten, auf denen angeblich die künftigen Einfahrtsportale zu sehen sind. Sind deren Bedenken gerechtfertigt?

Wenn man bei der Wahrheit bleibt, dann kann man im Moment noch gar keine Visualisierungen machen. Aus diesem Grund sind die Plakate auch unseriös. Unsere eigenen, früheren Visualisierungen hatten bloss die Bedeutung von Zielvorgaben im Rahmen des Masterplans, weil wir exakt Schluchten im Stadtkörper verhindern wollten. Das haben die Planer begriffen und so aufgenommen. Die Plakate der A1-Anschluss-Gegner sollen einschüchtern. In ihrem Auftreten sind religiöse Fundamentalisten und Umweltaktivisten erschreckend ähnlich. Beide lassen keine andere Meinung zu. Wer trotzdem eine andere Meinung vertritt, wird ganz schnell als unverantwortlich und Leugner abgekanzelt.

Wann bekommen die Stimmbürger denn die seriösen und realitätsnahen Visualisierungen zu sehen?

Der Kanton ist mit Hochdruck daran, das Auflageprojekt für die Kantonsstrasse am See fertigzustellen. Auf dieser Grundlage aufbauend lassen wir Visualisierungen machen, die wir vermutlich Anfang September präsentieren werden.

Die Sanierung der Hauptstrasse ist ein weiteres Bauprojekt, das in Rorschach ins Stocken geraten ist. Wie steht es um die letzte Etappe?

Das Rechtsmittelverfahren hat gegen sechs Jahre gedauert. Dies hat dazu geführt, dass der Kanton St. Gallen das Projekt auf die Seite gelegt hat. Seit dem Abschluss des Rechtsmittelverfahrens im vergangenen Herbst hat der Kanton die Akten wieder hervorgeholt, um das Projekt nochmals Punkt für Punkt zu prüfen. Er muss schauen, ob sich an den ursprünglichen Voraussetzungen etwas geändert hat.

Was heisst das genauer, wann wird die Hauptstrasse im Bereich Rathaus bis Verzweigung St. Galler- Thurgauerstrasse fertig gestellt?

Der Kanton hat 2022 als Ziel angegeben. Wir sind aber vorstellig geworden und haben darum gebeten, die Sanierung bereits nächstes Jahr in Angriff zu nehmen, zumal ja Kanton und Stadt die Kredite bereits gesprochen haben.

Wäre es im Zuge der Sanierung der Hauptstrasse nicht schön, wenn sich auch beim seit Jahren leer stehenden Hotel Anker etwas bewegen würde?

Es ist in der Tat schade, mitten in der Stadt diese Bauleiche zu haben. Das Hotel befindet sich aber in Privatbesitz und wir haben keine rechtliche Handhabe, um eine Sanierung anzustossen. Einzig, wenn die Sicherheit von Passanten gefährdet ist, können wir eine Unterhaltsverfügung ausstellen. Aber mehr, als die Instandstellung der betroffenen Bereiche können wir leider nicht verlangen.

Rorschach saniert Strassen, baut Wohnungen und modernisiert die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs. Was muss die Stadt denn sonst noch bieten, um Zuzüger anzulocken?

Neben einem attraktiven Steuerfuss ist das sicher auch das Angebot im öffentlichen Raum. Bezüglich Kultur und anderen Veranstaltungen müssen wir uns sicher nicht verstecken. Rorschach finanziert grossteils das gesellschaftliche Leben für die Stadt am See, also auch für Goldach und insbesondere für Rorschacherberg. Wir können zwar mit Ausnahme der Pavillon-Konzerte nicht als Veranstalter auftreten, wir bieten aber bei der Infrastruktur wenn immer möglich unsere Hilfe an.

Rorschach ist vor allem von Frühling bis Herbst auch Tourismusstadt. Der Empfang für Gäste ist am Hafenplatz aber nicht wirklich sehr einladend. Was ist zu tun?

Wenn wir tatsächlich mit Tourismus arbeiten wollen, so müssen wir die Empfangs- und Aufenthaltsqualität am Hafenplatz unter anderem mit Restaurants verbessern. Nur wegen eines Spaziergangs am See kommt niemand, wir müssen den Gästen auch etwas bieten, damit diese länger bleiben und auch den Weg zum Gewerbe im Zentrum finden.

Sind Rorschach Qualitäten dafür sichtbar genug?

Ja, aber es gäbe einfache Möglichkeiten, um noch besser auf unsere Vorzüge aufmerksam zu machen. Wir haben beispielsweise gleich ums Eck einen Flugplatz, wo Linien- und Charterflüge starten. Würden wir unsere Busse, die in Richtung Altenrhein fahren, auch mit Airport anschreiben, das Ganze bekäme sofort einen internationalen Touch.

Gelegentlich ecken Sie mit Ihren Aussagen an und müssen gehörig Kritik einstecken. Wie gehen Sie damit um?

Ich war zehn Jahre in der Teppichetage des FC St. Gallen. Dabei lernt man mit Emotionen umzugehen. Man gewinnt oder verliert. Wichtig ist, weder abzuheben, noch zu versinken. Früher gab es immer diese Political Correctness. Alle wussten, dass es ein Problem gibt, niemand wollte aber darüber reden. Nun kommt mit Donald Trump einer daher, der ehrlich seine Meinung sagt. Klar, macht er dies nicht immer auf eine sehr gescheite Art, aber ich schätze es, wenn Themen offen beim Namen genannt werden. Ich tue das gelegentlich auch in Rorschach und mache mir natürlich nicht nur Freunde damit.

Wie steht Rorschach heute da?

Die Stadt hat eine sehr schöne Entwicklung gemacht. Dies zeigt sich auch durch das Interesse von Investoren. Wir sind aber noch nicht am Schluss. Der Schluss ist erst erreicht, wenn sich der funktionale Stadtraum endlich zusammenschliesst. Als Stadt am See hätten wir in der Schweiz markant mehr Bedeutung und Anerkennung.