Rorschachs Gynäkologin Barbara Berger hört auf

Nach 35 Jahren schliesst Frauenärztin Barbara Berger ihre Praxis in Rorschach. Dass es nun
so schnell gehen soll, war nicht allein ihr Entscheid und gestaltet sich entsprechend schwierig.

Valentina Thurnherr
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In den letzten paar Wochen ist Barbara Berger noch voll damit beschäftigt, die Akten ihrer Patientinnen auf den neuesten Stand zu bringen. (Bild: Valentina Thurnherr)

In den letzten paar Wochen ist Barbara Berger noch voll damit beschäftigt, die Akten ihrer Patientinnen auf den neuesten Stand zu bringen. (Bild: Valentina Thurnherr)

Barbara Berger, Fachärztin für Gynäkologie, gehört für viele ihrer Patientinnen zu Rorschach wie der See. «Ich behandle mittlerweile schon die Kinder, die ich geholfen habe, zur Welt zu bringen», sagt die 79-Jährige.

Das erste Mal mit dem Gedanken gespielt aufzuhören, hat Berger vor rund acht Jahren. Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes entschied sie sich, jedoch weiterzumachen.

«Die Routine tat mir damals gut. Ausserdem liebe ich meinen Beruf über alles.»

Auch jetzt noch fällt ihr der Entscheid, definitiv aufzuhören, schwer. «Es fühlt sich genau gleich an, wie wenn ich diesen Entschluss vor 15 Jahren gefällt hätte», sagt Berger. Heisst: Im Alter wird es nicht automatisch leichter.

Der lange Weg 
zur eigenen Praxis

Barbara Berger ist gebürtige Polin und kommt ursprünglich aus Warschau. «Im Oktober 1974 kam ich in die Schweiz, nach dem ich meinen Mann kennen gelernt habe», sagt sie mit einem Lächeln. Ihre erste Anstellung hatte sie im Spital Altstätten. «Im Jahr 1977 kam ich dann ans Kantonsspital nach St. Gallen, wo ich bis 1981 arbeitete.» Danach kam sie als Oberärztin nach Chur. Während der Zeit in Graubünden absolvierte sie das Schweizer Staatsexamen, das damals jeder ausländische Arzt benötigte, um in der Schweiz eine eigene Praxis eröffnen zu können.

Das Examen erhielt sie 1983 und im Februar 1984 eröffnete sie ihre Praxis an der Signalstrasse 9 in Rorschach. Die Zeitungsinserate, die sie damals zur Eröffnung aufgegeben hat, besitzt sie noch immer, fein säuberlich auf einen Karton geklebt und laminiert. Berger sagt:

«Zwei Jahre später habe ich als Belegsärztin im Spital Rorschach angefangen.»

«Wir waren damals zu dritt, ich, Othmar Hutter und Peter Ueberschlag.» Beide Ärzte haben ihre Praxen in Rorschach mittlerweile an Nachfolger übergeben. Nach 35 Jahren schliesst Barbara Berger ihre Praxis in der Hafenstadt. Eine offizielle Nachfolge hat sie vergeblich gesucht.

Immer weniger wollen
selbstständig arbeiten

«Der Hauptgrund, warum jetzt alles so schnell geht, ist, dass das Gebäude, in dem wir unsere Praxis haben, abgerissen wird», sagt Berger mit einem Kopfschütteln. «Den Brief erhielt ich im Juni letzten Jahres.» Im ersten Moment habe sie es gar nicht ernst genommen. «Ich konnte es kaum glauben.» Erst nach und nach wurde ihr der Ernst der Lage bewusst. Also machte sie sich daran eine passende Nachfolge zu finden.

«Natürlich sollte es eine Frau sein, darauf legten meine Patientinnen grossen Wert.»

Leider gestaltete sich die Suche schwieriger als erwartet. «Niemand wollte in eine neue Praxis investieren. Denn meine jetzigen Räume konnten nicht einfach übernommen werden.» Die Umstände in ein anderes Gebäude zu ziehen, wollte niemand auf sich nehmen. «Dabei ist mir aufgefallen, dass viele meiner jungen Kolleginnen gar nicht erst das Risiko auf sich nehmen wollen, eine eigene Praxis zu eröffnen», sagt Berger mit einem Kopfschütteln.

Herzlicher Umgang
mit Patientinnen

Nicht nur Barbara Berger fällt der Abschied schwer, auch für ihre Patientinnen ist es nicht einfach. «Ich habe so viele Frauen betreut in meinem Leben – nicht nur physisch auch psychisch.» Nach ihrem Studium in Warschau arbeitete Berger etwas mehr als ein Jahr in der psychiatrischen Abteilung, bis eine Stelle in der Gynäkologie frei wurde. Daher auch ihr Gespür dafür, wenn bei einer Patientin mehr als nur körperliche Beschwerden vorhanden waren.

«In diesem Beruf kann man das Private nicht aussen vor lassen.»

Entsprechend herzlich seien jetzt auch die Reaktionen auf die Praxisschliessung. «Viele meiner Patientinnen bringen mir Süssigkeiten oder Blumen und bedanken sich bei mir», sagt Berger mit einem strahlenden Lächeln. Schliesslich könne man es nicht allen immer recht machen und es habe auch einige gegeben, die zu anderen Ärzten wechselten.

«Aber zu wissen, dass man nach all den Jahren so geschätzt wird, ist schön.»