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Rorschacher Trommelkünstler: Bei ihm klingt der Kosmos

Heinz Lieb ist Weltmusiker und macht den Klang der Natur erlebbar. Der in Rorschach lebende Künstler und Visionär gibt einen Einblick, wie sein neustes Projekt entsteht und wie die Natur den Rhythmus bestimmt.
Sandro Büchler
Heinz Lieb entwickelt Ideen an den Cosmic Drums, einer Mischung aus Schlagzeug und Skulptur. Sein Atelier ist in einer Fabrikhalle in Rorschach. (Bild: Benjamin Manser)

Heinz Lieb entwickelt Ideen an den Cosmic Drums, einer Mischung aus Schlagzeug und Skulptur. Sein Atelier ist in einer Fabrikhalle in Rorschach. (Bild: Benjamin Manser)

Heinz Lieb sitzt in seiner Küche und erklärt, wie das Universum entstanden ist: «Eine hohe Tonfrequenz führte zum Urknall, das ist meine Theorie.» Nach und nach habe sich die Energie verlangsamt und sei so zu einem hörbaren Ton, einem Rhythmus geworden. «Das Universum hat einen Klang», sagt Lieb. Auf Aussenstehende wirken seine Erkenntnisse gleichzeitig ausgefallen, banal und genial. Heinz Lieb ist kein Astrophysiker, sondern Trommelkünstler – mit einem Hang für die grossen Fragen der Menschheit.

Doch gerade trinkt er zusammen mit einem langjährigen Freund einen Kaffee in seinem Atelier in Rorschach. Sie sprechen von der Musik, über Kücheneinrichtungen, Frauen und wie sie in italienischen Villen geprobt haben. Für Lieb eine verrückte Zeit. Damals habe er sich ganz dem Jazz verschrieben. Bald lebte er in New York, spielte ein Jahr lang zusammen mit namhaften Musikern in der Jazzszene des Big Apple, nimmt Platten auf. «Wir waren voll im Element.» Es sei eine musikalisch intensive Erfahrung gewesen.

Über New York nach Rorschach

Heinz Lieb wächst in Kreuzlingen auf, studiert an der Berner Jazzschule, wo er noch während seiner Studienzeit zu unterrichten beginnt. Bald reist er um die Welt, tourt als Musiker durch Japan, lebt vier Monate in Brasilien. Doch es zieht ihn zurück in die Ostschweiz. Er ist Mitbegründer der Jazzschule in St. Gallen, lehrt die Rhythmen, die er auf seinen Reisen verinnerlicht hat. Für die St. Galler Festspiele komponiert Lieb eine Choreografie, in der Tanz und Trommeln verschmelzen. Seit fünf Jahren hat er sein Atelier in Rorschach – in einer ehemaligen Parfümeriefabrik.

Mit Yoga hält sich der Musiker fit. (Bild: Benjamin Manser)

Mit Yoga hält sich der Musiker fit. (Bild: Benjamin Manser)

Die Industriehalle ist hoch und grosszügig. Ein Regenstab aus dem Amazonas hält die Tür auf, überall liegen Trommeln und Rasseln in den unterschiedlichsten Variationen. Zwischendrin stehen filigrane Skulpturen. An den Wänden hängen übergrosse Augen aus poliertem Stahl, in den Pupillen aus Glas läuft eine Uhr – mit drei Zeigern, die vor- und rückwärts laufen. «Sie zeigen nicht die Uhrzeit, sondern inszenieren die Umlaufbahnen der Planeten rhythmisch.» Lieb denkt in grossen Massstäben.

«Rhythmus ist Mathematik»

Das Fabrikgebäude – er nennt es sein Labor – bietet ihm viel Platz für seine Ideen und Visionen. Vor den Fenstern der Industriehalle liegt der Bodensee: glatt, ruhig und grenzenlos. «Der See hat etwas Meditatives», so der Künstler. Drinnen in der Halle sprengt er hingegen Grenzen. In erster Linie springt das rund fünf Meter hohe Stahlkonstrukt ins Auge. Daran hängen Trommeln in verschiedenen Grössen. Lieb schwingt sich ins Innere empor, nimmt Platz und beginnt zu trommeln. Es scheint, als schwebe er im Konstrukt. «Ich wollte ein Schlagzeug bauen, das mit seinen Dimensionen stärker im Raum präsent ist und die Sicht auf den Menschen dahinter frei gibt – dazu musste ich die Grenzen des Schlagzeugs sprengen.» Umfangreich soll auch sein neustes Werk werden. «Ein Monsterprojekt», meint selbst Lieb. Arbeitstitel: Klingende Geometrie. Lieb sagt:

«Ich lebe mit Formen und Rhythmus im Alltag. Mich fasziniert Polyrhythmik, also wenn mehrere Rhythmen gleichzeitig gespielt werden.»

Und verdeutlicht auch gleich wie Klang und Geometrie zusammenhängen. Mit einem Bleistift zeichnet er einen Kreis, halbiert ihn erst, dann zeichnet er Dreiecke und Quadrate in den Kreis. «Die Formen stehen für unterschiedliche Rhythmen.» Die Taktfolge demonstriert er am Küchentisch. Mit der einen Hand schlägt er auf die Oberfläche, mit dem Stift in der anderen Hand an eine Glasschale voll Guetzli. «Rhythmus ist Geometrie.»

Inspiriert dazu hat ihn der bedeutende Mathematiker Fibonacci, der in der Natur einen stets wiederkehrenden Zahlencode entdeckt hat. «Diese Zahlen sind überall drin – in einem Schneckenhaus, in Wellen am Meer. Der ganze Kosmos beruht auf diesen Codes.» Lieb verwendet das Wissen nun in seinen Kompositionen.

Musiker, Maler und Schamane

Eine Berufsbezeichnung für das Werk von Heinz Lieb gibt es nicht. Wenn er trommelt, zeichnet er seine Kunstwerke regelrecht in der Luft. «Mit den Ohren bin ich Musiker, mit den Augen eher ein Maler.» Zudem praktiziert er Yoga, «denn du musst fit sein zum Trommeln». Wenn Lieb von Urvölkern erzählt, die sich mit Rhythmen in Trance versetzen, so beschleicht einem der Gedanke, bei ihm könnte es sich auch um einen Schamanen handeln.

«Ich fühle mich wie ein Dirigent in einem Uhrwerk.»

Ein Uhrwerk, das er sich selbst erschaffen hat. Die Natur spielt eine wichtige Rolle für sein neustes Projekt. Aus ihr schöpft der Künstler Kraft. «Die Natur macht dich nie unruhig.» Immer wieder kommt er auf die physikalische Energie zu sprechen. Ihn fasziniere, wie die Kraft des Windes ein Blatt an einem Baum bewegt. «Es beginnt zu vibrieren und erzeugt zusammen mit den anderen Blättern ein Rauschen, einen Rhythmus, einen Klang.»

Liebs Tagesablauf ist zweigeteilt, wie er sagt. Am Tag arbeite er an Ideen, nüchtern und pragmatisch, geht einkaufen. Wenn es dunkel werde, sei er kreativ und tauche ein in seine eigene Welt. «Am Tag sehe ich die Logik, in der Nacht den Zauber der Schöpfung.» Heinz Lieb macht den Rhythmus der Natur zum Kunstwerk.

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