Zweiter Weltkrieg

Rorschacher Offizier rettete Flüchtlinge an der Schweizer Grenze

In der Serie «Frieden» auf SRF wird die Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg behandelt. In welchem Zwiespalt zwischen Gewissen und Befehlsgehorsam sich Schweizer Soldaten an der Grenze befanden, zeigen die Briefe des späteren Rorschacher Stadtrates Erwin Naef aus dem Tessin an seine Frau.

Otmar Elsener
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Oberleutnant Erwin Naef mit seiner Gattin Alice Naef-With.

Oberleutnant Erwin Naef mit seiner Gattin Alice Naef-With.

Bild: Archiv ETH Zürich

«In der vergangenen Woche erlebte ich das Traurigste, was mir je im Leben begegnete», schreibt Erwin Naef am Sonntagabend, 26. September 1943, seiner Frau in Rorschach.»Erst wurden endlose italienische Flüchtlinge wieder über die Grenze geschoben. Furchtbar war jedoch die Bestimmung, auch die Juden zurückzuweisen.» Diese seien meist deutschen Lagern entsprungen und nach unseligen Leiden «irgendwo im Dickicht durch ein Loch im Drahtgehege geschlüpft» und vor Müdigkeit umgefallen, schreibt Naef.

Im September 1943 befehligt Naef als 30-jähriger Oberleutnant einen Zug Soldaten als Grenzwache bei Pedrinate, einem kleinen Ort südlich von Chiasso. Am 8. September ergibt sich Italien den Alliierten. Die deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS kämpfen weiter und die Nazis beginnen, die jüdische Bevölkerung in Norditalien zu deportieren. Um dem sicheren Tode zu entgehen, flüchten die Juden an die Schweizer Grenze. Naef untersteht dort als Offizier der Schweizer Armee den Regeln, die der Bundesrat 1942 beschlossen hatte und die von der Fremdenpolizei noch antisemitisch verschärft worden waren: Zivile Flüchtlinge sind an den Grenzen zurückzuweisen, Juden gelten als politische Flüchtlinge.

Erschütternde Briefe über die Geschehnisse an der Grenze

«Eines Tages stellte sich eine Gruppe von zwanzig Juden. Ich erhielt den Befehl, Kinder unter sechs Jahren und deren Mütter hereinzulassen und die anderen zurückzujagen. Da waren sechs Mädchen im Alter von 15 bis 20 Jahren, mit zerrissenen Kleidern, zerschundenem Gesicht. Ausgehungert und erschöpft. Dies meldete ich den massgebenden oberen Stellen in Chiasso. Befehl: Mit Waffengewalt zurück! Die Mädchen knieten wahrhaftig vor mir nieder und weinten und flehten», schreibt Naef an seine Frau.

Erwin Naef (links) mit Stadt- und Gemeinderäten auf dem zugefrorenen Bodensee im März 1963.

Erwin Naef (links) mit Stadt- und Gemeinderäten auf dem zugefrorenen Bodensee im März 1963.

Bild: Privatarchiv Otmar Elsener

Er beschreibt, wie seine Soldaten den Befehl mit Gewalt ausführten und wie die Flüchtlinge heulend und sich wehrend den Schweizer Boden verlassen mussten und von italienischen Grenzwächtern empfangen wurden. In der gleichen Woche wird Naef mit der Ankunft von weiteren Flüchtlingsgruppen konfrontiert, ganze Familien, Kinder in Lumpen gehüllt, eine Grossmutter, krank und kaum noch fähig zu stehen. Einreise-Bewilligungen erhoffend, erkundigt er sich jeweils in Chiasso. Er erhält abschlägige Antworten – «unter keinen Umständen einlassen.»

Schreckliches Kreischen der Frauen und Kinder

In erschütternden Zeilen schreibt Naef an Alice: «Ich kann dir die Szene nicht beschreiben. Ich telefonierte an Major Werdmüller, damit er die Verantwortung trage, falls Blut fliesse. Er hiess mich warten. In einer Stunde war er hier mit dem Pferd. Auch er versuchte, bei höchsten Stellen um Gewährung des Eintrittes für die Familien. Nutzlos! Wiederum befahl ich den Soldaten die Abschiebung mit Gewalt. Kurzes Handgemenge und schreckliches Kreischen der Frauen und Kinder.

Das war offenbar auch für den Major zu viel. Er befahl, dass eine Familie mit vier Kindern und eine in Begleitung der Grossmutter bleiben dürften. Eine dritte mit einem dreizehnjährigen Sohn hätte ebenfalls bleiben dürfen, jedoch ohne den Buben.» Hierauf reckte sich der jüdische Vater dieses Sohnes und erklärte, er gebe keines seiner Kinder preis», schreibt Naef. Eher kehre er mit seiner ganzen Familie zurück, um sich von den Deutschen totschiessen zu lassen. So ging auch diese Familie verloren.

Am Freitag der gleichen Woche stossen Naefs Soldaten auf eine Gruppe von acht völlig erschöpften Flüchtlingen «mit schweren Koffern beladen, zerlumpt und verzweifelt». Naef lässt sie ins Ristorante Paradiso in Pedrinate führen, telefoniert nach Chiasso und erhält wieder den Befehl:

«Ohne Ausnahme zurück.»

Der Marsch zurück an die Grenze wird zu einem Leidensweg, einige brechen zusammen. Erwin Naef rennt zurück nach Pedrinate und telefoniert ans oberste Kommando und erhält den Befehl: «Die kranken Leute an die Grenze tragen.»

Zwischen Mitgefühl und Befehlsgehorsam

Dieser Bescheid ist für Naefs inneren Kampf – hier seine Erziehung zu menschlichem Mitgefühl – dort das Ausführen von unmenschlichen Befehlen – das Zünglein an der Waage. Schon vorher hatte er geheim Befehle missachtet und einzelne Flüchtlinge passieren lassen. Seine Reaktion zeigt er im Brief an seine Frau: «Ich erklärte, das sei unmöglich, ich wünsche, von meinem Posten abgerufen zu werden. Ein Major erklärte mir, ich solle einen Arzt rufen und auf weiteren Befehl warten. Ich telefonierte sofort dem Bürgermeister von Pedrinate um die Hilfe des Roten Kreuzes.» In der Folge tragen vier Frauenhilfsdienst-Mädchen in Uniform und Rotkreuzbinde die Kranken auf einer Bahre zurück nach Pedrinate, wo sie verpflegt und für die Nacht auf Stroh untergebracht werden. Es treffen Befehle aus Chiasso ein, die verlangen, dass die Gruppe am folgenden Morgen unter allen Umständen abgeschoben werde. Naef bespricht heimlich die Lage mit der Leiterin der FHD-Mädchen. Hier könne nur noch die holländische Gesandtschaft helfen. Die 21-jährige Frau telefoniert beim Pfarrer dem holländischen Konsul in Lugano und dieser telefoniert nach Bern.

Naef schreibt: «Samstag früh fünf Uhr besuche ich die Flüchtlinge. Voll Erwartung schauen sie zu mir auf. Ich rede ihnen Mut zu. Punkt neun Uhr Befehl von Chiasso: Alle Flüchtlinge bleiben hier. Welch ein Jubel, ich wehrte mich, denn alle wollten mir um den Hals fallen. Ich verwies auf das flotte Mädchen, das alles arrangiert habe.»

Ein Gebot der Menschlichkeit

Naef hatte sich gegen die «Schreibtischtäter» im Territorialkommando durchgesetzt, die das tatsächliche Leid an der Grenze nicht sahen. Der Historiker Georg Kreis und der ETH-Archivar Gregor Spuhler schilderten 2014 in der Zeitschrift «Traverse» die Rückweisung und Aufnahme jüdischer Flüchtlinge im Tessin durch Oberleutnant Erwin Naef. Sie beschreiben Naefs Einsatz zum Schutz der Flüchtlinge nicht als eine Heldentat, sondern viel eher ein Gebot der Menschlichkeit und Folge seines Mitgefühls: «Dieses Dokument (der Brief Naefs) macht deutlich, dass die offizielle Politik auch noch im Herbst 1943, als der systematische Massenmord an den Juden bekannt war und sich die deutsche Niederlage abzeichnete, jüdische Flüchtlinge mit allen Mitteln fernhalten wollte. Der verzweifelte Widerstand der Bedrohten war die einzige Chance, aufgenommen zu werden, sofern sich die mit dem Vollzug der Abweisungspolitik Beauftragten ihrer erbarmten.» Naef war einer dieser einzelnen Grenzbewacher, «die in der auf Abwehr gerichteten Befehlskette nicht so reibungslos funktionierten, wie man es von ihnen erwartete.»

Stets sozial gesinnt

In der SRF Serie «Frieden» spielt der ehemalige St.Galler Theaterschauspieler Dimitri Stapfer einen Schweizer Offizier, den nach Kriegsende ähnliche traumatische Erlebnisse an der Grenze plagen. Wie hat Erwin Naef, dessen eigene Kinder in den Kriegsjahren auf die Welt kamen, die Rückweisungen verarbeitet? In Rorschach sind seine Kriegserfahrungen nie publik geworden. Sein zweiter Sohn Alex, geboren 1942, lebt in der Umgebung von Zürich: «Unser Vater hat uns erst von seinen traumatischen Erlebnissen erzählt, als wir fast erwachsen waren. Er war ein ruhiger, pflichtbewusster Mann und aus einer Arbeiterfamilie stammend stets sozial gesinnt.»