Stefan sucht Liebe

«Altweibersommer», das aktuelle Stück des Rorschacher Theaters Sinnflut, feierte am Donnerstag Premiere. Vor vollen Rängen erzählen die Laienschauspieler von Depressionen und unerfüllten Liebessehnsüchten. Ein Abend zum Träumen.

Perrine Woodtli
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Natascha, verkörpert durch die drei Frauen, verliert sich mit Stefan im «Altweibersommer» in ihrer Traumwelt. (Bild: Perrine Woodtli)

Natascha, verkörpert durch die drei Frauen, verliert sich mit Stefan im «Altweibersommer» in ihrer Traumwelt. (Bild: Perrine Woodtli)

RORSCHACH. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung im Café Schnell. Guido Etterlin, Vereinspräsident und Stadtrat, weist jeden auf seinen Platz oder Klappstuhl. «Sind alle bereit? Gut.» Das Licht geht aus. Zwei Protagonisten betreten die Bühne. Ihre Kleider und das Bühnenbild erzeugen eine Stimmung, welche die Zuschauer um 30 Jahre zurückversetzt – in den «Altweibersommer».

Gefangen in einer Traumwelt

Stefan und seine Mutter sitzen auf dem Sofa. Die Mutter, gespielt von Cornelia Truniger, macht sich Sorgen um ihren Sohn. Er brauche dringend ein Mädchen – vielleicht ein Seemädchen von hier? Stefan ist ein in sich gekehrter, steht's melancholischer junger Mann, dessen Hunger nach Abenteuer bei weitem nicht gestillt ist. Er leidet unter den Zwängen der Gesellschaft. Ihm geht es «beschissen», der Tod sei seine einzige Chance.

Während Stefan über sein Dahinscheiden sinniert, stossen drei Frauen zu ihm auf die Bühne. Sie sind gleich angezogen und sprechen auch noch synchron. Nach abwechselnden Dialogen wird deutlich, dass die drei Frauen eine Person verkörpern, sie spielen gemeinsam die Hauptrolle Natascha.

Stefan und Natascha kommen sich näher. Sie, eine Gräfin, die bereits die Welt gesehen hat, findet Gefallen an dem jungen Mann. Er, ein Baron, ist auf der Suche nach etwas. Nach was genau, weiss er selber nicht. Sie unterhalten sich über die Einsamkeit, den Tod und Nataschas Liebe zum Tango. Es knistert herrlich kitschig zwischen den beiden. Stefans Liebe zu Natascha lässt in ihm Lebenslust aufkeimen. Bald darauf stellt sich jedoch heraus, dass Natascha gar nicht Natascha heisst und bloss ein einfaches Dienstmädchen ist. Stefan fällt in eine noch tiefere Depression, auch wenn man glaubte, dies sei nicht mehr möglich. Sie realisieren, dass sie in eine Traumwelt aus Wunschvorstellungen geflüchtet sind. Am Ende des Stücks hat es leider doch nicht geklappt mit der grossen Liebe.

Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, wenn es nicht immer ein vorhersehbares Happy End gibt. Dies sieht auch Stefans Mutter so. Jeder müsse mit Enttäuschungen leben. Stefan würde drüber hinwegkommen. Ob er dies schafft, bleibt offen.

Drei Schauspieler – eine Rolle

Die Idee, die Protagonistin von Karin Etterlin, Anja Lassig und Tamara Senn spielen zu lassen, gelingt auf Anhieb. Egal, ob sie singen, tanzen, lachen oder weinen, die Zuschauer kaufen es allen dreien ab. Philip Greiser ist zum ersten Mal dabei und spielt sogleich die Hauptrolle. Greiser reisst das Publikum vom Anfang bis zum Schluss mit. Er spielt so überzeugend, dass es schwer fällt, ihn nach der Vorführung nicht als den Typ zu sehen, der in einer manischen Depression gefangen ist und gerne mal den aggressiven Freak raushängt. Mit Stefans Ängsten können sich so manche identifizieren: der Druck, etwas leisten zu müssen, Existenzängste und das Leiden, dass man jemanden liebt, jener diese Liebe aber nicht erwidert.

Zurück in die 80er

Nebst den einfühlsamen Dialogen, die manchmal leicht schwulstig wirken, gibt das Stück nicht nur Stoff zum Nachdenken. Es fallen manche vor lauter Lachen fast von ihren Stühlen, als Tanja Jäger einmal ein naives Dummchen, das Malaria «geil» findet, spielt.

Das Theaterstück wird umrahmt mit argentinischer Tangomusik – gespielt vom Trio Corretto. Mal ruhig, mal dramatisch. Es wird getanzt, gesungen und die Melodien unterstreichen das Stück. Die Musik lässt einem noch mehr glauben, dass man sich in den 80er-Jahren befindet – vielleicht sogar in Argentinien. Auch das Lokal und die Kostüme ergänzen sich perfekt. Einzig der Thurbo, der neben den Fenstern des Cafés durchrast, stört die Traumwelt «Altweibersommer».