Semi-Geschichten im Staatsarchiv

Vor 60 Jahren begann Beatrice Mäder-Bernet ihr Studium am Lehrerseminar Rorschach. Sie lernte nicht nur, sondern notierte auch. Vier Jahre lang, Episoden aus und um den Unterricht. Nun liegt ihr Klassenheft im Staatsarchiv in St. Gallen.

Corina Tobler
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Beatrice Mäder-Bernet (r.) unterhält sich mit Regula Zürcher vom Staatsarchiv angeregt über ihr Büchlein. (Bild: Corina Tobler)

Beatrice Mäder-Bernet (r.) unterhält sich mit Regula Zürcher vom Staatsarchiv angeregt über ihr Büchlein. (Bild: Corina Tobler)

RORSCHACH. Sie kennt die 94 Seiten zwar fast auswendig, doch sie lacht immer wieder herzhaft über die Sprüche, die Fritzli, Öxli und Co. 1955 bis 1959 im Haus Mariaberg klopften. Fritzli und Öxli waren Dozenten am Lehrerseminar, das ist im von Beatrice Mäder-Bernet erstellten Verzeichnis nachzulesen. «Ich habe das Heft über die Jahre immer wieder hervorgenommen und nachts um zwölf laut lachen können», sagt sie.

Platz im Archiv gesichert

Auch Regula Zürcher, Stellvertreterin des Staatsarchivars und Leiterin der Privatarchive, kann sich ein Schmunzeln ob der Episoden im jüngsten Neuzugang zur Sammlung des Staatsarchivs nicht verkneifen. Sie nimmt von der 77jährigen Flawilerin das Klassenheft, so nennt es Mäder-Bernet, in Empfang. «Unsere Hauptaufgabe ist es, archivwürdige Dokumente zu sichern. Das Lehrerseminar ist eine kantonale Schule und somit wie unsere Ämter verpflichtet, Dokumente abzuliefern. Mittlerweile wäre die Sammlung schon zehn Kilometer lang, wenn wir alle Dokumente ausrollen würden», sagt Regula Zürcher. Sie betont allerdings, dass weit mehr Dokumente entsorgt als ins Archiv aufgenommen und somit als erhaltenswert eingestuft werden. Beim Klassenheft ist der Fall klar, es wird aufgenommen. «Wir müssen nur noch abklären, ob wir es zu den privaten Sammlungen legen oder zu den kantonalen Dokumenten des Lehrerseminars. Letzteres wäre möglich, da das Buch eng an den Schulbetrieb gebunden ist.»

Platz bei Napoleons Unterschrift

Auf jeden Fall, das wird beim kurzen Rundgang durch die Sammlung klar, kommen die Semi-Geschichten in prominente Gesellschaft. Die ältesten Dokumente stammen aus der Gründungszeit des Kantons Anfang des 19. Jahrhunderts. Darunter befindet sich auch eine Unterschrift Napoleons auf dem Dokument, mit dem er 1803 die Existenz des Kantons verfügte.

Dass ihr Heft einst im Staatsarchiv sein würde, dachte Beatrice Mäder-Bernet vor 60 Jahren nicht. Sie zog vom Riethüsli, wo sie aufgewachsen war, zu Onkel und Tante an die Rorschacher Kirchstrasse. «Ich lebte zwei Jahre dort, danach bekam ich zwei Jahre bei anderen Familien ein Zimmer. So erlebte ich viel von und in Rorschach. Die Stadt ist bis heute eine schöne Jugenderinnerung.»

Erinnerungen lebendig halten

Erinnerung an eine Zeit, in der sie viel arbeitete – und ständig schrieb. Das Schreiben liebt Mäder-Bernet, seit sie es kann. Auch wenn sie Linkshänderin ist, aber in der Schule zum Schreiben mit rechts umerzogen wurde. «Ich habe eine eher kindliche Schrift, weil ich mit rechts ungelenk bin. Trotzdem notierte ich von Anfang an und ging ich meinen Kollegen auf die Nerven», sagt sie und schmunzelt. «Was schreibst du schon wieder?», sei sie häufig gefragt worden. Sie liess sich aber nicht irritieren – und hat zig Semi-Geschichten Leben erhalten. «Im Gedächtnis hätten wir sie längst nicht mehr.» Sie habe das Aufschreiben nie als Bürde, sondern stets als Freude empfunden, sagt die Autorin, die ihre Einträge meist datiert und zuweilen mit Zeichnungen versehen hat – etwa von der beim Abschluss zerbrochenen Scheibe, die 6.50 Franken kostete.

35 Faksimiles drucken lassen

Ihr Heft wurde bald auch bei ihren Studienkollegen äusserst beliebt. Mäder-Bernet lacht auf bei der Erinnerung an die Reaktion von Mitstudenten. «Ernst Ziegler etwa, der frühere Stadtarchivar, rief mich am Sonntagmorgen an. Er habe sich fast kaputt gelacht.» Für die Klassenzusammenkunft vom 24. September liess Mäder-Bernet 35 Faksimiles des Hefts drucken. «Sie gingen weg wie warme Weggli.» Weg ist nun auch das Original, «an einem sicheren und am richtigen Ort», wie es die Autorin zufrieden formuliert. Sie wird übrigens weiterhin um Mitternacht herzlich lachen können, denn ein Faksimile hat sie für sich behalten.

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