Zurück an der Spitze der Melodia

GOLDACH. Eiffelturm statt Bodensee, Strawinsky statt Unterhaltungsmusik: Neun Monate lang perfektionierte Melodia-Dirigent Daniel Zeiter sein Handwerk bei Weltklassedirigent Neil Thomson in Paris. Nun ist er zurück und motivierter denn je.

Corina Tobler
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Im Gleichschritt: Seit kurzem hält Daniel Zeiter bei der Melodia wieder den Taktstock in der Hand, hier bei der Marschmusikprobe im Freien. (Bild: Corina Tobler)

Im Gleichschritt: Seit kurzem hält Daniel Zeiter bei der Melodia wieder den Taktstock in der Hand, hier bei der Marschmusikprobe im Freien. (Bild: Corina Tobler)

Die Musik ist schon von weitem zu hören. In Reih und Glied marschiert die Melodia der Tellstrasse entlang, angeführt von Daniel Zeiter. Er geniesst es sichtlich, den Taktstock in der Hand zu halten, den er zuvor fast ein Jahr lang an Andreas Koller abgegeben hatte. Dies, weil er beschloss, der Schweiz vorübergehend den Rücken zu kehren und den Schritt ins Pariser Musikleben zu wagen.

Einen «Guru» gesucht

«Ich wollte schon immer mal ins Ausland, blieb aber während des Studiums immer hier. Ich übernahm mit 22 Jahren schon den ersten Verein und hatte schlicht keine Zeit», sagt Zeiter. Seit Abschluss seines Studiums (Saxophon mit B-Diplom Blasmusikdirektion) vor zehn Jahren boten sich in der Schweiz nur begrenzt Möglichkeiten zur Weiterbildung. Also machte er sich daran, einen «Guru» im Ausland zu suchen. Über Gespräche mit Musikerkollegen kam Zeiter auf den Engländer Neil Thomson. Der gefragte Dirigent leitete am Royal College of Music 14 Jahre lang die Kapellmeisterausbildung. «Ich schrieb ihn an, und wir merkten schnell, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Nur dass er in Paris lebt, enttäuschte mich anfänglich, da ich mit dem englischen Sprachraum geliebäugelt hatte.» Zeiter schmunzelt und fügt an, mit Thomson und Paris habe er sprachlich sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können.

Dirigieren ohne Musik

Zunächst musste er allerdings Thomson von seinen Fähigkeiten überzeugen. «Ich fuhr für eine Woche zu ihm und absolvierte ein sehr schwieriges Programm, das mir aufzeigte, was ich alles nicht konnte», erzählt er und lacht. Ganz so schlimm kann's nicht gewesen sein, denn Thomson willigte ein, Zeiter Privatunterricht zu erteilen. Das Repertoire dafür hatte mit der Unterhaltungs- und Marschmusik des Melodia-Repertoires wenig zu tun. Stattdessen stand Sinfonik von Beethoven über Debussy bis Strawinsky auf dem Programm. Dirigiert wurde im Unterricht übrigens ohne Orchester oder CD. «Wir sassen im Wohnzimmer, die Musik hatten wir im Kopf. Gerade weil nichts zu hören ist, muss die Körpersprache extrem präzise sein», erklärt er.

Neben seinem Studium, das er mit der Teilnahme an einem Wettbewerb abschloss, blieb dem Saxophonisten Zeit, selbst Musik zu machen, sein Französisch aufzufrischen und natürlich die Stadt zu entdecken. Seine anfänglichen Vorbehalte gegen Paris wandelten sich rasch zu Begeisterung: «Paris ist eine phantastische Stadt.» Die Unterschiede zur Schweiz seien deutlich spürbar. «Das Savoir-vivre ist sehr ausgeprägt. Es gibt aber auch extrem viel zu sehen. Da muss man einfach mal flanieren oder in einem Café ein Éclair essen», schwärmt er.

Kochen während der Probe

Auf besonders amüsante Weise zum Ausdruck kam die französische Lebensweise in einem der beiden Musikvereine, denen Zeiter sich anschloss. «Ich spielte in einem hochklassigen Orchester und daneben zum Spass in einem <Wald-und-Wiesen-Verein>. Dort bin ich mit Saxophon eingestiegen, habe aber mangels guter Perkussionisten das Instrument gewechselt und etwas für Rhythmus gesorgt.» Die Proben liefen äusserst gemütlich ab: Die Musiker kamen und gingen, wie sie wollten, und hinter dem Dirigenten lief jeweils die Herdplatte. «Um 23.30 Uhr servierte er uns allen das Essen», erzählt Zeiter und schüttelt lachend den Kopf.

Obwohl er den Aufenthalt in Paris rundum genoss, war stets klar, dass es sich nur um ein Intermezzo handeln würde. «Früher liebäugelte ich mit einer Karriere als Kapellmeister im Ausland. Ich merkte aber, dass ich gar nicht von Orchester zu Orchester tingeln und mit wenig Probezeit ständig neue Konzerte einstudieren will. Ich arbeite extrem gerne mit Amateuren zusammen», sagt er.

Jede Achtelnote fest im Griff

Die Melodia braucht also keine Angst zu haben, ihren Dirigenten an Profis zu verlieren. Motiviert und voller Tatendrang korrigiert er jede Ungenauigkeit seiner Musiker sofort. Das Pariser Laisser- faire mag es Zeiter angetan haben, doch in Sachen Musik ist er rigoros – unabhängig von Musikstil oder Orchester. «Seit Paris habe ich die Leute extrem im Griff – wenn ich will, auf jeder Achtelnote.» Ein zufriedenes Lächeln huscht über sein Gesicht, dann hebt er den Taktstock erneut.