Das Rorschacher Aschenputtel

RORSCHACH. Für ein Rorschacher Dienstmädchen wurde vor über 150 Jahren ein Märchen wahr. Ein Adeliger aus Polen verliebt sich in sie und macht sie zur Fürstin. Das «Aschenputtel» lebte mit ihrem Prinzen beinahe drei Jahre im Hotel Seehof.

Otmar Elsener
Merken
Drucken
Teilen
Die junge Familie in den Vereinigten Staaten um 1857.

Die junge Familie in den Vereinigten Staaten um 1857.

In der kleinen Wirtschaft «Heimat» an der unteren Feldmühlestrasse (vermutlich beim heutigen Marktplatz) findet sich an einem Oktobertag 1848 ein etwa dreissigjähriger Fremder ein. Er erzählt dem Wirt Joseph Gemperle, er sei froh, endlich die Schweiz erreicht zu haben. Er stellt sich vor als Ludwig Sulkowsky, Fürst und Herzog von Bielitz in Schlesien. Er sei als Unabhängigkeitsrevolutionär gegen die habsburgische Monarchie (als «Völkerfrühling 1848/ 49» in die Geschichte eingegangen) von kaiserlichen Truppen gefangengenommen worden, sei geflüchtet und verkleidet als Lokomotivheizer unerkannt durch Deutschland bis Lindau gereist und nun hier in Rorschach gelandet. Er suche eine Unterkunft.

Liebe auf den ersten Blick

Gemperles hübsche Tochter Maria Antoinette, das älteste von sechzehn Kindern, arbeitet als Dienstmädchen bei der Rorschacher Bierbrauerfamilie Faller. Am Abend heimkommend ist sie vom fremden Mann in der Wirtschaft augenblicklich fasziniert. Sie schildert ihrer Dienstherrin die Notlage des wohl reichen Fremdlings. Die Fallers wohnen in einem prächtigen Brauereihaus (1972 abgerissen) an der heutigen Wachsbleichestrasse und bieten dem Fürsten ein Zimmer an. Ludwig fühlt sich in Rorschach sicher und gut aufgehoben. Er bleibt einige Monate in Rorschach, und dies nicht nur wegen der Sicherheit. Er kann sich an der schönen Maria Antoinette nicht satt sehen, denn jeden Abend ist er in Gemperles Wirtschaft anzutreffen. Er verliebt sich in das 17jährige Mädchen und plant, mit ihr in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Die Rückkehr nach Polen zu seiner 25jährigen Gattin und seinem noch nicht einjährigen Sohn ist ihm verwehrt. Obwohl seine Güter beschlagnahmt worden sind, verfügt er über beträchtliche Geldmittel.

Heimliche Ausreise

Maria Antoinettes Eltern sind arm. Sie verdienen den Lebensunterhalt für ihre grosse Familie mühsam mit der kleinen Wirtschaft, etwas Gemüsehandel und Taglöhnerarbeit beim Verladen von Steinen aus den Steinbrüchen in Wienacht. Sie wollen ihre Tochter, die Verdienst bringt, nicht ins Ungewisse ziehen lassen. Ludwig reist allein in die USA und kauft sich eine Farm im Lewis County im Norden des Staats New York. Sein Vermögen erlaubt es ihm, sich hauptsächlich seinem Hobby Jagd zu widmen. Mit Antoinette bleibt er brieflich verbunden und wirbt weiter um sie. Er verspricht ihr die Heirat und schreibt, auf einer Bank in Bregenz sei Geld für die Reise für sie bereit, wann immer sie kommen wolle. Antoinette entschliesst sich, die Familie heimlich zu verlassen. Überliefert ist, dass sie am Tage vor ihrer Abreise noch von einem Onkel gesehen wurde, dem sie ihr Ziel bekanntgab. In Hamburg schifft sie sich in ein Segelschiff ein, das sie nach stürmischer Fahrt nach New York bringt.

Zurück nach Rorschach

Endlich sind Ludwig und Antoinette vereint, heiraten aber erst am 3. Juni 1853 in Albany, NY, nachdem Ludwig erfahren hat, dass seine Frau am 13. Februar 1853 gestorben ist. Noch im gleichen Jahr, am 14. Dezember, bringt Antoinette ihr erstes Kind, das Mädchen Taida, in New Bremen auf die Welt. In den kommenden Jahren folgen die Kinder Louis, Alfred, Alexander und Antoinette. Ein einziges Foto aus jener Zeit zeigt eine ernst blickende Antoinette mit vier ihrer kleinen Kinder. War sie glücklich? Ludwig bleibt im Kontakt mit Verwaltern der beschlagnahmten Güter und hofft mit Maria Antoinette auf eine Begnadigung. 1861 wird er von Kaiser Franz Joseph I. begnadigt und darf wieder in sein Stammschloss zurückkehren. Er verkauft seine Farm und die Familie verlässt die Vereinigten Staaten. Antoinette will in die Schweiz, ihre Familie wiedersehen. Die Ankunft ist in Rorschach eine Sensation: Das einstige Aschenputtel belegt mit ihrem Prinzen im ersten Hotel der Stadt, dem «Seehof», eine ganze Etage und fährt mit der Kutsche vor der Wirtschaft ihrer Eltern vor. Sie blieben über zwei Jahre im «Seehof», reisen einmal nach Wien, wo Ludwig beim Kaiser die Adelung seiner bürgerlichen Ehefrau erkaufen muss. Antoinette gebärt zwei weitere Kinder in Rorschach, 1862 Stanislaus und 1863 Pauline.

Zwölf Kinder

Ab 1864 wohnen sie im Stammschloss in Bielitz, die arm und bescheiden aufgewachsene Antoinette jetzt als angesehene Fürstin Sulkowsky. Ihr 1864 geborenes Kind Sigismund stirbt als Säugling. Es folgen weitere Kinder, 1866 Gabriela und 1868 die Zwillinge Wanda und Edgar. Zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes Victor stirbt die 38jährige Mutter von zwölf Kindern am 5. März 1870. Sie wird in der Familiengruft in der Schlosskapelle Bielitz bestattet, wo neun Jahre später auch ihr Ehemann Ludwig beigesetzt wird. So wie damals üblich, werden die Söhne des Adels Mitglieder der Offizierskaste des habsburgischen Reiches oder verwalten die Güter. Wie ihre Schwestern heiraten auch sie standesgemäss Adelige und Begüterte innerhalb des Kaiserreichs und mehren den Reichtum.

Verlust der polnischen Güter

Die Weltkriege zerstören das feudale Leben und fordern auch unter den Sulkowsky-Nachkommen Opfer. 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Im Stammschloss in Bielitz wohnt Alexander Ludwig Sulkowsky, ein Grossenkel von Antoinette. Er wird wegen feindlicher Aktivitäten gegen Hitlers Drittes Reich denunziert, von der Gestapo verhört und 1941 enteignet. Mit Hilfe seiner österreichischen Ehefrau und ihren Verwandten wehrt er sich erfolgreich gegen diesen Entscheid, muss aber die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, um zu bleiben. Im Januar 1945, beim Nahen der russischen Armee, flüchtet er mit seiner Familie nach Österreich. Nach Ende des Krieges wird das Schloss als «ehemals deutsches Eigentum» vom polnischen Staat konfisziert und ist heute ein Museum. Doch den teils über alle Kontinente verstreuten Sulkowsky-Nachkommen verbleiben weltweit und besonders in Österreich beträchtliche Güter.

Gemperle in der Schweiz

«Uns ist überliefert worden, dass nach dem Tode ihrer Tochter den einfachen Gemperle diese Beziehung zu Adeligen mit ihren Titeln in unserer republikanischen Schweiz fast unangenehm war, ja geradezu verdrängt wurde» sagt Regula Loher-Gemperle. Es ergaben sich erst Kontakte, als ihr Vater, der 1982 verstorbene einstige Rorschacher Stadtrat Theo Gemperle, er war Enkel eines Bruders von Fürstin Antoinette, nach dem Zweiten Weltkrieg Sulkowsky-Verwandte in der von den Russen besetzten Steiermark mit Hilfspaketen unterstützte. Gemperle und seine Schwester Claire reisten 1948 erstmals für einen Besuch nach Österreich, genau 100 Jahre nach dem denkwürdigen Treffen von Antoinette und Ludwig. «Seither verbrachten wir als Kinder mit der Familie hie und da Ferien auf Sulkowsky-Gütern. Verwandte besuchten uns in Rorschach. Auch polnische Historiker recherchierten hier über meine Urgrosstante. Schliesslich fliesse in vielen «blaublütigen» Verwandten mit adeligen Titeln einfaches «Schweizer Blut», schliesst Regula Loher-Gemperle.

Quellen: Buch Museum Bielsko, «Die unbekannten Fürsten Sulkowsky von Bielsko»; Ostschweizerisches Tagblatt, Sonntagsausgabe, 1932, New Bremen Historic Association, Privatarchiv Regula Loher-Gemperle.

Das Schloss Bielitz (Bielsko), in dem Maria Antoinette Gemperle ab 1864 als Fürstin wohnte. Sie ist in der Sulkowsky-Familiengruft in der Kapelle links vom Schloss bestattet. (Bild: Picasa)

Das Schloss Bielitz (Bielsko), in dem Maria Antoinette Gemperle ab 1864 als Fürstin wohnte. Sie ist in der Sulkowsky-Familiengruft in der Kapelle links vom Schloss bestattet. (Bild: Picasa)

Acht der zwölf fürstlichen Kinder ca. 1875, fünf Jahre nach dem Tod ihrer schweizerischen Mutter. (Bilder: R. Weber: Rorschach in alten Ansichten/Historisches Museum Bielsko, Polen)

Acht der zwölf fürstlichen Kinder ca. 1875, fünf Jahre nach dem Tod ihrer schweizerischen Mutter. (Bilder: R. Weber: Rorschach in alten Ansichten/Historisches Museum Bielsko, Polen)