Der Wahlkreis stellte nur zwei Regierungsräte in 100 Jahren: Nun will Rorschach wieder mitregieren

Der letzten Regierungsräte aus dem Wahlkreis Rorschach waren vor über einem Jahrzehnt Peter Schönenberger und Walter Kägi. Nun könnte ihnen der Tübacher Gemeindepräsident Michael Götte folgen.

Rudolf Hirtl
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Regierungsrat Walter Kägi im Grossen Rat.

Regierungsrat Walter Kägi im Grossen Rat.

Regina Kuehne

Die Regierungsratskandidatin Laura Bucher (SP) und die Regierungsratskandidaten Beat Tinner (FDP) und Michael Götte (SVP) treten am 19. April zum zweiten Wahlgang an. Mit dem Tübacher Gemeindepräsidenten hat der Wahlkreis Rorschach die Chance, nach zwölf Jahren Pause wieder einen Vertreter in der Regierung zu stellen.

Ein Blick auf die Grafik zeigt, dass der Wahlkreis St.Gallen in den vergangenen 100 Jahren mit 31 Sitzen mit Abstand am meisten Frauen und Männer auf der Regierungsbank hatte. Danach folgen die Wahlkreise Wil und Rheintal mit je vier Vertretern. Allerdings sind diese Zahlen nur bedingt aussagekräftig.

Stadt St.Gallen schwingt scheinbar obenaus

So hat das Rheintal beispielsweise nach Wahlkreis, massgebend ist der Wohnort bei der Wahl, bisher vier Regierungsräte gestellt. Doch mit den Rebsteinern Valentin Keel (Amtszeit: 1930-1943) und Ernst Graf (1941-1949), dem Marbacher Karl Kobelt (1933-1940) und dem Sennwalder Simon Frick (1950-1972) waren rein regional betrachtet bereits acht Männer aus dem Rheintal in der Regierung, auch wenn diese am statistischen Stichtag in der Stadt St.Gallen gewohnt haben.

Kantonsrat Februar Session 2008: Regierungsrat Peter Schönenberger.

Kantonsrat Februar Session 2008: Regierungsrat Peter Schönenberger.

Regina Kühne

Im Wahlkreis Werdenberg, wo Regierungsratskandidat Beat Tinner zu Hause ist, taucht Hans Rohrer aus Buchs als bisher einziger Vertreter in der von der Staatskanzlei zur Verfügung gestellten Liste auf, doch mit Johann Jakob Gabathuler (Wartau), sowie den Grabsern Mathias Eggenberger, Florian Vetsch und Burkhard Vetsch waren es gefühlt doch schon fünf, wobei die beiden Letzteren in Balgach wohnten und daher dem Wahlkreis Rheintal zugeordnet werden. Ex-SP-Regierungsrat Hans Rohrer macht zurecht darauf aufmerksam, dass nicht die Wahlkreise, sondern der ganze Kanton die fähigsten Frauen und Männer in die Region wählt. Dass Wohnort und Herkunft nicht identisch sind, zeigt auch der Blick auf die 31 Namen, die dem Wahlkreis St.Gallen zugeordnet werden. Ihren Ursprung haben viele der Frauen und Männer in anderem Gemeinden und Städten; unter anderem in Vilters, Wildhaus, Appenzell oder Malans. Direkt aus dem Wahlkreis St.Gallen stammen tatsächlich fünf.

Wahlkreis Rorschach stellt politische Schwergewichte

Aus dem Wahlkreis Rorschach wurden in den vergangenen 100 Jahren zwei Politiker in den St.Galler Regierungsrat gewählt. Rechtsanwalt Peter Schönenberger, Mörschwil, war der letzte Regierungsvertreter aus der Region am See. Er amtete von 1992 bis 2008 als Finanzchef. Der CVP-Politiker galt als Kämpfer für eine nachhaltige Finanzpolitik. Er hat sich mit Leidenschaft dagegen gewehrt, dass stille Reserven durch unüberlegte Steuersenkungen verpuffen. Er galt als Schwergewicht in der Regierung und liebte das Debattieren und das Politisieren. Seine brillante Rhetorik und sein Engagement sicherten ihm auch den Respekt der anderen Parteien.

Tübachs Gemeindepräsident Michael Götte.

Tübachs Gemeindepräsident Michael Götte.

Ralph Ribi

Ebenfalls ab 1992, aber nur bis ins Jahr 2000, sass Walter Kägi (FDP), auch er Rechtsanwalt, aus Rorschacherberg in der Regierung. Er ist unter anderem dafür verantwortlich, dass der Verkehr auf der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen heute fünfspurig fliesst. Ende der 1980er-Jahre war dagegen heftig opponiert worden. Als Bauchef hatte er Ende 1992 mit den Einsprechern verhandelt und erreicht, dass die Verbände ihre Beschwerde zurückzogen, damit die Planung weitergehen konnte. Sein Name ist auch eng mit Stararchitekt Santiago Calatrava verbunden, der in der Stadt unter anderem die Wartehalle am Bohl, die kantonale Notrufzentrale und den Pfalzkeller entworfen hat. Kägi unterstützte nicht nur diese Projekte, er gewann den weltbekannten Stararchitekten nach seiner Amtszeit auch dafür, für das Kornhaus in Rorschach eine Projektstudie zu entwerfen. Der Stadtrat stoppte dann aber die mutigen Pläne für das Wahrzeichen am See.

Der erste Regierungsrat war ein Radikal-Liberaler

Der erste Regierungsrat aus dem hiesigen Wahlkreis war vor Kägi und Schönenberger Josef Marzell Hoffmann (1851-1859, 1863-1870). Als Radikal-Liberaler kämpfte der Rorschacher für die Emanzipation der Schule aus der kirchlichen Bevormundung. Zumindest einen Rorschacher Hintergrund (Bürgerort) hatte Johann Josef Keel. Der in St.Fiden geborene konservative Politiker war von 1870 bis 1902 Regierungsrat. Im Jahr 1874 gehörte er zu den Mitbegründern der katholischen Tageszeitung «Die Ostschweiz».

Johann Baptist Ruckstuhl war von 1869 bis 1872 Gemeindeammann von Tübach und von 1873 bis 1891 Bezirksammann von Rorschach. Er sass von 1891 bis 1906 in der Regierung, ist aber dem Wahlkreis St.Gallen zuzuordnen. Dies gilt auch für den Thaler Anton Messmer (Regierungsrat von 1902 bis 1912), der als erster katholisch-konservativer Politiker Vizepräsident des Verwaltungsrats der Nationalbank war und für Josef Riedener (1936-1960). Riedener wohnte bei der Wahl zwar in St.Gallen, war aber Bürger von Untereggen. Unter ihm erfolgte der Ausbau des Kantonsspitals.

Sekundarlehrer aus Rorschach in der Regierung

In etwas jüngerer Zeit, von 1972 bis 1988, war der St.Galler Ernst Rüesch (FDP), vorher Sekundarlehrer in Rorschach, Bildungschef in der St.Galler Regierung. Er revidierte unter anderem die sanktgallische Gesetzgebung über das Bildungswesen.

Der Rorschacher Arzt Andreas Hartmann (FDP) hätte nach Kägi und Schönenberger die Reihe «echter» Rorschacher Regierungsräte fortsetzen können, doch die 2008 mit drei der sieben Regierungsräte übervertretene FDP verlor den freigewordenen Sitz an die SVP. Als 2012 der Sitz von Karin Keller-Sutter frei wurde, hätte er gute Chancen gehabt, ihr Nachfolger zu werden, doch er entschloss sich, Arzt zu bleiben.

Als Mörschwiler wäre der abtretende Regierungsrat Beni Würth (CVP) zwar Rorschach zuzuordnen, doch gewählt wurde er 2010 noch als Stadtpräsident von Rapperswil-Jona im Wahlkreis See-Gaster.

In knapp eineinhalb Wochen hat nun Michael Götte die Chance, der dritte Regierungsrat aus dem Wahlkreis Rorschach zu werden. Für ihn wäre eine Wahl nicht nur Ehre, sondern auch Verpflichtung für die Region am See. «Diese ist wichtig für den ganzen Kanton», so Götte.