Die Region Rorschach im Bann des Corona-Virus

Vor allem Restaurants und Bars, aber auch Kleinunternehmen wie Bäckereien, taumeln in der Region am See in eine wirtschaftliche Krise. Die Kundschaft bleibt zum Teil seit Januar aus. Seit der Restriktion durch den Bund verschärft sich die Situation rasant.

Rudolf Hirtl
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Sonntagmorgen zur Gottesdienstzeit: Ein einziger Gläubiger verliert sich im Weit der Kolumbanskirche Rorschach.

Sonntagmorgen zur Gottesdienstzeit: Ein einziger Gläubiger verliert sich im Weit der Kolumbanskirche Rorschach.

Rudolf Hirtl

Kaffeeduft empfängt die Nase, ein Stimmengewirr in Italienisch das Ohr. In der Kaffeebar La Vela unweit des Rorschacher Seeufers ist kein Platz mehr frei. So zeigt sich das Bild hier an einem normalen Sonntagmorgen. Nicht heute. Ein halbes Dutzend Gäste verliert sich in diesem kleinen Stück Italien, das seit über 20 Jahren beliebter Bestandteil der Rorschacher Gastrolandschaft ist.

Italienische Unternehmen leiden besonders

«Bereits im Januar, als die ersten Meldungen zur Ausbreitung des Corona-Virus in Norditalien publik wurden, war ein Gästerückgang deutlich zu spüren», sagt Inhaber Romolo Cardillo. In Café und Pasticceria beschäftigt er sieben Voll- und Teilzeitangestellte. Die nach italienischen Originalrezepten hergestellten Süsswaren gehören in vielen Haushalten über Rorschach hinaus zum Sonntagsritual. Nun bleiben sie liegen, und die Kaffeemaschine mahlt statt im Halbminutentakt nur mehr einmal pro Viertelstunde. Mit der neuen Limite des Bundes von maximal 50 erlaubten Gästen hat dies indes wenig zu tun. «Wir haben nur 48 Plätze. Allerdings leiden wir als italienisches Unternehmen unter der Unsicherheit der Leute», so Cardillo. Aktuell habe die Lohnzahlung an sein Personal Vorrang, trotz äusserst schlecht laufender Geschäfte. Er sagt:

«Mein Personal soll möglichst nicht unter der Situation leiden.»

Einsamer Gläubiger in der leeren Kolumbanskirche

Beim Betreten der Kolumbanskirche empfängt einen an diesem Sonntagmorgen gespenstische Ruhe und gähnende Leere. Im sonnendurchfluteten Kirchenschiff verliert sich ein einziger Gläubiger in der vordersten Bank. Die Kolumbanskirche ist nicht geschlossen, obwohl  Verwaltungsrat und Pastoralteam der Katholiken der Region Rorschach aktuell auf  sämtliche Wochenend-Gottesdienste verzichten. Unter der Woche finden die Gottesdienste (Stand heute) noch statt.

Der Gluscht besiegt die Virusangst

Einzig Hunger ist stärker als die Angst vor dem Virus. Diesen Eindruck bekommt, wer heute Morgen die Bäckerei Füger in Steinach besucht. Familienmitglieder jeden Alters lassen sich den Appetit auf den Sonntagsbrunch nicht verderben. Die 60 Plätze in der Bäckerei hat das Team von Fabian Füger auf 50 reduziert. Diese sind bis auf den letzten Platz besetzt. «Das wunderbare Wetter hat uns zusätzlich in die Karten gespielt. Wegen viel Laufkundschaft ist auch die ganze Terrasse besetzt. Die Leute sind sehr dankbar, dass wir offen haben», so Füger. Er hofft, dass wenigstens die 50er-Grenze zulässig bleibt. «Andernfalls wäre das eine Katastrophe fürs Geschäft.»

Schönes Wetter als Glücksfall

Ähnlich wie in der Bäckerei Füger am Sonntag sieht es am Samstagabend in der Pizzeria Fontana in Goldach aus, wo der grosse Parkplatz wie gewohnt rappelvoll ist. Im Restaurant mit 90 Plätzen stehen bewusst einzelne Tische für sechs und acht Personen leer. Wirt Michele Sinani setzt die 50-Personen-Vorschrift des Bundes um, indem er einen Teil der Gäste in den Saal verlagert, der normalerweise für Gesellschaften reserviert ist.

«Von einer Abschreckung durch den dramatischen Verlauf in Italien haben wir nichts gespürt. Seit drei Tagen gibt es jedoch auch bei uns einen spürbaren Einbruch der Gästezahlen», sagt Sinani. Er werde daher nicht darum herumkommen, beim Kanton Kurzarbeit zu beantragen. Das sind keine guten Nachrichten für die kleineren Restaurants der Region, die anders als das «Fontana» bereits an diesem Wochenende ­beinahe leer sind.

Deutlich mehr Leute an der Seepromenade

Wie sieht es denn an den Treffpunkten der jüngeren Generation aus? Im Rorschacher «Treppenhaus», wo Bleib Modern & The Harbs nicht auf der Bühne stehen durften, haben sich knapp 30 Gäste eingefunden, die gemütlich ein Bier trinken. «Normal sind es am Samstag bis zu 300 Gäste. Da nur so wenige Leute kamen, mussten wir keine Eingangskontrolle durchführen, um die neue Limite einzuhalten», sagt Samuel Baumann vom Verein Treppenhaus.

Das Corona-Virus schränkt auch die Vereinstätigkeiten in der Region Rorschach stark ein. Die Meisterschaftsbetriebe sind in der Regel bereits eingestellt worden. Die Turnhallen stehen den Vereinen in einigen Gemeinden aber noch offen; die Thaler und Unteregger Hallen wurden bereits geschlossen. Die restlichen Gemeinden entscheiden Anfang Woche darüber.

Der Rundgang durch die Region zeigt: Drinnen fühlen sich die Menschen nicht mehr wirklich wohl. Stattdessen zieht es sie nach draussen. An der Seeuferpromenade tummeln sich heute Sonntag Jogger, Spaziergänger und Familien auf den Spielplätzen.