Rorschach Fachtagung macht auf Missstände punkto Gleichberechtigung aufmerksam

Ist die Welt weiblich genug? Mit dieser Frage haben sich 180 Personen im Stadthofsaal Rorschach beschäftigt. Viele der anwesenden Frauen verspüren Wut über die Ungerechtigkeit.

Jolanda Riedener
Drucken
Teilen
Die Themen Rollenbilder und Gleichstellung bewegten die anwesenden Frauen. (Bild: Benjamin Manser)

Die Themen Rollenbilder und Gleichstellung bewegten die anwesenden Frauen. (Bild: Benjamin Manser)

«Es ist unglaublich, wie wenig wir in den vergangenen 30 Jahren im Punkt Gleichstellung erreicht haben», sagt eine Teilnehmerin der Fachtagung unter dem Titel «Ist die Welt weiblich genug?», die gestern stattgefunden hat. Sie sei damals selbst auf die Strasse gegangen, um für ihre Rechte zu kämpfen. In der Realität habe sich aber nicht viel verändert.

180 Personen fanden sich im Stadthofsaal Rorschach ein um sich mit der Rolle der Frau in der sich wandelnden Gesellschaft zu befassen. Es ist die erste Fachtagung, die das Psychosomatischen Zentrum Rorschach zusammen mit dem Frauenhaus St. Gallen veranstaltet. Ins Leben gerufen haben sie Caterina Corea, Leiterin des Psychosomatischen Zentrum Rorschach und Silvia Vetsch, Geschäftsleiterin des Frauenhauses St. Gallen. Dort gebe es viele Klientinnen, die unter posttraumatischen Verhaltensstörungen oder anderen psychischen Krankheiten leiden. Die Idee der Tagung sei aus der Zusammenarbeit der beiden Organisationen entstanden.

In der Realität gibt es keine Gleichberechtigung

«Mit der Tagung wollen wir möglichst viele Personen erreichen und auf das Thema Geschlechterrollen sensibilisieren», sagt Corea. Es sei ihr wichtig, erfolgreiche Frauen – Vorbilder – zu zeigen und Frauen nicht in der Opferrolle zu sehen. «Die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist die grosse Herausforderung.»

Zu den Referentinnen gehört die St. Galler Kantonsrätin Bettina Surber. Sie spricht über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Dilemma befinde sich hier vor allem in der Differenz zwischen Theorie und Praxis. «Es braucht gesetzliche Rahmenbedingungen, um Gleichberechtigung zu erreichen», sagt Surber. Nicht mehr nur Männer dürften in Positionen vertreten sein, in denen Entscheidungen gefällt werden. Auch Frauen müssten mitbestimmen. «Unsere Welt ist weit nicht weiblich genug», so ihr Fazit.

Kindererziehung bringt keine Rente

Julia Walliser-Lüthi, Kadermitglied der St. Galler Kantonalbank, erklärt, welche Möglichkeiten die Pensionskasse bietet. Widmet sich eine Frau nur der Kindererziehung oder arbeitet Teilzeit, kann das ihre Rente stark verringern. «Ich muss mich unbedingt mit meiner Vorsorge beschäftigen», waren die ersten Sätze einiger Frauen beim Austausch in der Kaffeepause.

Auch Männer nehmen an der Tagung teil, sind jedoch stark in der Unterzahl. Seltsam fühle sich das aus ihrer aber Sicht nicht an. Dass Frauen in Männerberufen nicht ernst genommen werden, habe er oft erlebt, sagt ein Pensionär: «Obwohl sie fachlich mehr auf dem Kasten gehabt hätte.» Ein 20-Jähriger meint, er könne sich nicht vorstellen, dass seine Mutter arbeite. Zwei Frauen sind aufgebracht, weil sie eine enorme Ungerechtigkeit in der Gesellschaft feststellen – nicht nur zwischen den Geschlechtern.

Mirjam Tester und Olivia Röllin erzählen aus ihrem Alltag im Frauenhaus. Ist die Welt weiblich genug? «Es kommt auf die Definition an», sagt Tester. Weniger patriarchale und stereotype Männlichkeit sei gefragt, dafür ein emanzipatorisches Frauenbild. «Mehr Weiblichkeit heisst aber nicht, weniger Männlichkeit.» Ein «echter» Mann sei auch nicht dominant sondern fürsorglich. Um häusliche Gewalt zu verhindern, soll wie an dieser Tagung, die Öffentlichkeit sensibilisiert und die Privatisierung der Gewalt verhindert werden.

Die Ausserrhoder Zoras sind jetzt bekannt

Mit dem Prix Zora will die Frauenzentrale aussergewöhnliche Frauen aus dem Kanton ehren. Für die erste Vergabe sind fünf Frauen nominiert, die sich auf ihrem Gebiet besonders engagiert haben.
Karin Erni