Kommentar

Rorschach braucht einen pragmatischen Schaffer als neuen Stadtpräsidenten

Ein Sitz, drei Bewerber: Die Rorschacherinnen und Rorschacher haben bei der Wahl fürs Stadtpräsidium die Qual der Wahl. Im Stadtrat sitzen heute eher stille Frauen und Männer. Dem zurückhaltenden Gremium täte ein motivierender und offener Kommunikator gut.

Rudolf Hirtl
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Rudolf Hirtl, Leiter Redaktion Rorschach.

Rudolf Hirtl, Leiter Redaktion Rorschach.

Röbi Raths (FDP), Guido Etterlin (SP) und der parteilose Beat Looser messen sich im Wahlkampf um das Rorschacher Stadtpräsidium. Morgen in drei Wochen wird abgerechnet; am 19. Mai findet der erste Wahlgang um die Nachfolge von Thomas Müller (SVP) statt, der Ende Jahr als Stadtpräsident von Rorschach zurücktritt.

Die Ausgangslage könnte kaum spannender sein. Mit Raths und Etterlin bewerben sich zwei Kandidaten, die beide fähig sind, ein Exekutivamt auszuüben. Der freisinnige Gemeindepräsident von Thal und der sozialdemokratische Schulpräsident von Rorschach sind auf mehreren Ebenen politisch aktiv. Beide sind Mitglied des Kantonsrates St.Gallen, beide haben eine Führungsposition inne und beide kennen das lokalpolitische Geschäft seit Jahren.

Der selbstständige Mobbingberater Beat Looser hingegen verfügt nicht über denselben politischen Leistungsausweis. Er hat aber am «Tagblatt»-Podium mit einem originellen und wortgewandten Auftritt überrascht. Ob er tatsächlich die Fähigkeiten mitbringt, die Stadt als Präsident zu führen, ist schwierig einzuschätzen. Aber Stadtpräsidenten fallen nicht fertig vom Himmel. Auch politische Quereinsteiger können sich in ein solches Amt einarbeiten.

Ein Vergleich von Raths und Etterlin zeigt, dass die politischen Unterschiede kaum grösser sein könnten. Röbi Raths verfügt nicht nur über viel politische Erfahrung und ein weit gespanntes Netzwerk, er versteht es auch, der Bevölkerung den Puls zu fühlen. Der FDP-Mann ist kein Technokrat, sondern ein volksnaher Politiker. Er redet direkt und ohne Umschweife. Mit seiner geraden Art eckt er zwar hin und wieder an, doch er steht zu seiner Meinung, auch wenn ihm gelegentlich ein eisiger Wind entgegen pfeift. Bürgernähe ist bei ihm nicht nur ein Slogan. So wie in Thal will er auch in Rorschach seine Türe im Rathaus für die Bevölkerung offen halten und mit regelmässig durchgeführten Informationsanlässen das Volk an der städtischen Politik teilhaben lassen.

Zu sagen, Guido Etterlin sei im Vergleich profillos, wäre falsch. Als Schulpräsident liefert er gute Arbeit ab. Dies bestätigen Lehrkräfte und auch Eltern, die der Schule ein gutes Zeugnis ausstellen. Als Stadtrat von Rorschach nimmt man ihn hingegen kaum wahr. Dies gilt aber auch für die anderen Ratsmitglieder. Im Vergleich mit Raths spielt Etterlin im Fach «Kommunikation» mindestens eine Liga tiefer. Die Rorschacherinnen und Rorschacher sollen besser, früher und umfassender informiert werden, bekräftigte er mehrmals im Rahmen des Wahlkampfes. Da stellt sich schon die Frage, wieso er sich in den vergangenen 13 Jahren nicht schon als amtierender Stadtrat um eine bessere Kommunikation aus dem Rathaus bemüht hat.

Ein Problem, das in Rorschach möglichst rasch und effizient angegangen werden muss, ist der Verkehr. Die überlastete Hauptstrasse und geschlossene Barrieren kosten Zeit und Nerven. Noch am «Tagblatt»-Podium hat sich Guido Etterlin klar gegen den A1-Anschluss Witen ausgesprochen.

Später auf dieses Thema angesprochen sagt er: «Es muss uns gelingen, Wohnen und Arbeiten einander wieder näher zu bringen und die ungebremst wachsenden Verkehrsströme zu reduzieren. Ich plädiere für ein neues Mobilitätsverständnis für das 21. Jahrhundert.» Da bleibt die Wählerschaft etwas ratlos zurück. Eine klare Meinung sieht anders aus. Röbis Raths tritt in dieser Frage dezidierter auf:

«Ich bin ein Befürworter des Autobahnanschlusses A1 – dies bringt verbesserte Anschlüsse ins Zentrum und aus dem Zentrum.»

Für Beat Looser sind die angedachten Projekte viel zu teuer und beeinflussen den Steuerfuss auf Jahrzehnte negativ.

Bei der Einschätzung der Wahlchancen der drei Kandidaten gehen die Meinungen auseinander. Während die einen mit einer knappen Ausmarchung und damit auch mit einem zweiten Wahlgang rechnen, so sind nicht wenige Stimmen in der Stadt zu hören, die eine Entscheidung bereits im ersten Wahlgang für möglich halten. Dass so wie in Wittenbach im November der Parteilose entgegen allen Prognosen das Rennen um das Präsidium macht, daran glaubt in Rorschach kaum jemand.

Spielen Parteiparolen und die Unterstützung von Verbänden eine Rolle, so scheint Röbi Raths im Vorteil. Nicht nur seine FDP, auch CVP und SVP empfehlen ihn zur Wahl. Zudem profitiert er von der Unterstützung des Rorschacher Gewerbes, dem Hauseigentümerverband und der IG Mobil.

Rorschach braucht einen pragmatischen Schaffer, der die Dynamik der vergangenen Jahre nicht ausbremst. Nicht zu kurz kommen dürfen aber auch soziale Aspekte und die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden. Wem sie dieses Paket am ehesten zutrauen, das müssen nun die Wählerinnen und Wähler entscheiden. Im Stadtrat sitzen heute eher stille Frauen und Männer. Dem zurückhaltenden Gremium täte ein motivierender und offener Kommunikator zweifellos gut.