Schwerer Postautounfall mit 20 Verletzten vor dem Martinstobel: Rega, Rettung und Feuerwehr St.Gallen üben Grossereignis

Reportage
Schwerer Postautounfall mit 20 Verletzten vor dem Martinstobel: Rega, Rettung und Feuerwehr St.Gallen üben Grossereignis

Reto Martin

Es ist ein Schreckensszenario: Ein Lastwagen kollidiert mit einem Postauto. 20 Personen verletzten sich leicht bis schwer. Für die Blaulichtorganisationen der Region St.Gallen sind so viele Patienten aufs Mal eine Herausforderung. Am Montagabend haben sie deshalb in der Stadt St.Gallen den Ernstfall geprobt.

Marlen Hämmerli
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Funken sprühen unter dem Lastwagen. Die Fahrerkabine ist komplett zerbeult, zwei Personen hängen leblos in den Fahrgurten. Ähnlich im Postauto, mit dem der Lastwagenfrontal zusammengestossen ist. Die rund 18 Fahrgäste sitzen und liegen auf den Sitzen. In der Nähe steht schon ein Einsatzfahrzeug der Stadtpolizei St.Gallen parat. Denn: Was sich an diesem Montagabend an der Martinsbruggstrasse bei der Haltestelle Unterschachen abspielt, ist eine Übung. Eine Grossübung.

30 Minuten nach Start ist nicht mehr nur die Stadtpolizei vor Ort. Berufsfeuerwehr und Milizfeuerwehr St.Gallen sowie Rettung St.Gallen stehen auf Platz und auch die Rega ist ausgerückt. Insgesamt sind es rund 90 Einsatzkräfte. Das Szenario im Fachjargon: ein Massenanfall von Verletzten, kurz MANV genannt. Auf Deutsch: ein Unfall mit sehr vielen Verletzten. In diesem Fall sind es rund 20. So viele, dass auch die mobile Sanitätshilfsstelle in Wil aufgeboten wird.

Die Übung hat auch ein politisches Ziel

Natürlich geht es bei der Übung darum, etwas zu lernen. Aber das ist nicht das einzige Ziel. Diese Übung hat auch einen politischen Hintergrund.

Heute führen einige Feuerwehren im Kanton St.Gallen sogenannte Sanitätszüge (SanZ). Der Sanitätszug der Milizfeuerwehr St.Gallen wird von den Gemeinden St.Gallen, Mörschwil und Untereggen betrieben. Er unterstützt die Rettung St.Gallen bei Unfällen mit vielen Patientinnen und Patienten, leistet bei Feuerwehreinsätzen Sanitätsdienst und betreibt an Grossanlässen wie etwa dem St.Galler Fest Sanitätsposten.

Der Kanton St.Gallen stellt sich aber seit längerem auf den Standpunkt, dass ein Sanitätszug für den gesamten Kanton ausreicht. Es ist derjenige in Wil, der die mobile Sanitätshilfsstelle für die Kantone St.Gallen, Thurgau und beide Appenzell betreibt. Der Kanton argumentiert, die SanZ seien in den vergangenen Jahren äusserst selten zum Einsatz gekommen. Aus diesem Grund erhalten sie weiterhin keine spezielle Entschädigung vom Kanton. Sie werden durch die Gemeinden finanziert.

Das alles erklärt Christian Isler, Kommandant von Feuerwehr und Zivilschutz St.Gallen, vor der Übung Medienschaffenden sowie Politikerinnen und Politikern. «Wir sind unzufrieden, dass sich der Kanton nicht dazu bewegen lässt, das medizinische Rettungswesen mitzugestalten und fair mitzufinanzieren», sagt Isler.

«Einzelne Gemeinde tragen die Last für die ganze Region.»
Christian Isler, Kommandant von Feuerwehr und Zivilschutz St.Gallen.

Christian Isler, Kommandant von Feuerwehr und Zivilschutz St.Gallen.

Bild: Krisztina Scherrer/Ralph Ribi

Ziel sei es an diesem Abend, aufzuzeigen, dass der Sanitätszug für die Region unerlässlich sei. Und mit Blick auf das städtische Sparpaket Fokus 25: «Wir wollen verhindern, dass er irgendwelchen Sparbemühungen zum Opfer fällt.»

45 Minuten, bis Hilfe eintrifft

Und so legen die Sanitäterinnen und Sanitäter von Rettung St.Gallen und Sanitätszug los. Sie untersuchen im Postauto die Patientinnen und Patienten. Prüfen, wer ansprechbar ist, wer wie schwer verletzt ist. Legen fest, wer vor Ort versorgt wird, wer direkt ins Spital muss, wohin genau die Patientin oder der Patient gebracht wird. Nicht alle Schwerverletzten können ins Kantonsspital gefahren werden, da dieses sonst überlastet würde. Ein Patient nach dem anderen wird geborgen, untersucht und in wärmende Decken gewickelt. Einsatzkräfte in neongelben Uniformen schwärmen umher. Aus Chaos wird geordnetes Chaos. Jede und jeder hat eine Aufgabe.

Das Szenario: Ein Lastwagen und ein Postauto kollidieren frontal.
14 Bilder
Im Postauto sitzen rund 18 verletzte Personen. Im Fahrhaus des Lastwagens sind Fahrer und Beifahrer eingeklemmt.
Da unter dem Lastwagen funken sprühen, verlegt die Berufsfeuerwehr St.Gallen Schläuche.
Kurz nach Übungsbeginn rückt Verstärkung an ...
... auch die Rega kommt.
Besprechung und Aufgabenverteilung.
Unterdessen hat die Feuerwehr das Fahrhaus aufgeschnitten, damit Sanitäterinnen und Sanitäter die zwei Insassen untersuchen und versorgen können.
Die Feuerwehr hilft Verletzten aus dem Postauto und zum Sammelplatz für die Patientinnen und Patienten.
Hier werden die Patientinnen und Patienten untersucht und verarztet. Dringende Fälle kommen direkt in ein Spital. Leichtverletzte werden vor Ort versorgt.
Jeder Patient erhält ein Etikett um den Hals. Damit kann elektronisch nachverfolgt werden, wer in welches Spital eingeliefert wird.
Der Sanitätszug hat ein Zelt aufgestellt, in dem die Verletzten versorgt werden können.
Eine Ärztin untersucht eine Verwundete.
Blick in eines der Zelte der Sanitätshilfsstelle.
Ein Sanitäter prüft mit einem Kugelschreiber, ob alles mit den Augen des Patienten in Ordnung ist.

Das Szenario: Ein Lastwagen und ein Postauto kollidieren frontal.

Bild: Reto Martin

Das alles geschieht, während die Sanitätshilfsstelle aus Wil noch unterwegs ist. Sie rückt aus, wenn sich ein Unfall mit vielen Verletzten ereignet hat – eben bei einem MANV. Der letzte Ernstfall, in dem sie aufgeboten wurde, war der Lawinenniedergang auf der Schwägalp 2019. Ihr Einsatzgebiet umfasst die gesamte Ostschweiz. Sie kann direkt am Schadensplatz Behandlungsplätze für bis zu 50 Personen einrichten. Dazu transportiert sie auf einem Lastwagen Container voll Material. Darunter drei aufblasbare Zelte mit Beleuchtung und Heizung, in denen sie zum Beispiel Beatmungsplätze einrichten kann.

Doch bis sie in St.Gallen eintrifft, verstreichen im Ernstfall 45 Minuten. Weil dies eine Übung ist, hält sich die Mannschaft schon bereit und startet bereits nach 15 Minuten mit dem Aufbau. An diesem Abend können die ersten Patientinnen und Patienten rund eine Stunde nach Übungsbeginn in die Zelte der Sanitätshilfsstelle gebracht werden. Dick eingewickelt in Decken liegen sie auf Tragen. Draussen brummt ein Kompressor und langsam legt sich die Hektik wieder. Die Übung wird für beendet erklärt und abgebrochen.

Zufrieden, auch wenn nicht alles tadellos klappt

Benno Högger, Kommandant der Berufsfeuerwehr St.Gallen und an diesem Abend der Übungsleiter, ist zufrieden. Die Blaulichtorganisationen haben gut zusammengearbeitet. Hier und da hat es etwas an der Kommunikation gemangelt, kam es zu Missverständnissen. Die Führung der einzelnen Organisationen hat sich aber gut ausgetauscht.

45 Minuten später ist das Material verräumt. Die Feuerwehrwagen, Polizeiautos und Ambulanzen fahren ab, um sich vor dem Depot Espenmoos wieder zu treffen. Zu Bratwurst und Bürli.

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