Goldacher Renato Kaiser heimst bei SRF-Ombudsmann Beschwerden ein: «Humor hat keine klaren Grenzen»

Im SRF-Format «WM-Talk: Letschti Rundi» sorgte der ehemalige Tagblatt-Praktikant, Comedian und Slampoet Renato Kaiser mit seiner Wortwahl für rote Köpfe. Im Interview erzählt der Goldacher, was ihn antreibt.

Noah Salvetti
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Der Goldacher Komiker und Slampoet erntet für seine Wortwahl Kritik. (Bild: Johanna Bossart)

Der Goldacher Komiker und Slampoet erntet für seine Wortwahl Kritik. (Bild: Johanna Bossart)

Renato Kaisers Aussagen seien «weder lustig noch komisch», sondern «einfach vulgär und blöd», lauten die Beschwerden, die den SRF-Ombudsmann erreichten. Polarisieren, das ist nichts Neues für den 33-Jährigen: In der Kolumne «Kaiserschnitt», die er für «Watson» produziert, setzt er sich regelmässig mit kontroversen Themen auseinander.

Renato Kaiser, Sie sind in Goldach aufgewachsen. Sind Sie noch oft in der Gegend?

Leider Nein. Meine Eltern wohnen noch in Goldach. Ich muss gestehen, dass ich sie jüngst nicht mehr so oft besucht habe. Ich studierte und wohnte erst in Fribourg und zog dann nach Bern, da meine Freundin dort eine Stelle annahm. Ich bin nicht der Typ Mensch, der sich an Orte bindet. Nur eines ist mir wirklich wichtig: Dort, wo ich wohne, sollte es einen Bahnhof geben.

Sie haben mit ihren Aussagen in der SRF-WM-Talkshow Aufsehen erregt. Einige Zuschauer haben sich beim SRF-Ombudsmann über Sie beschwert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Gewissermassen. Dass sich SRF nun stellvertretend für mich entschuldigen musste und es schlussendlich hiess, Moderator Tom Gisler hätte mich bremsen müssen, finde ich lächerlich, aber irgendwie auch schön – dadurch tangiert mich die Beschwerde kaum. Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann, ist, wenn man mir vorwirft, ich würde mit dem Gesagten jemanden ernsthaft verletzen.

Sie sagten in ihrem Entschuldigungs-Video, Wichser gehöre zur Umgangssprache in der Ostschweiz. Werden Sie als Satiriker oft missverstanden?

Nein, selten. Ich gebe mir aber Mühe, dass das nicht geschieht. Bevor ich einen Beitrag erstelle, überlege ich mir stets gut, was ich sagen möchte. Einerseits möchte ich natürlich verstanden werden und andererseits möchte ich jenen, die mich missverstehen wollen, möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Wichser ist mein Lieblingsschimpfwort, das lasse ich mir von keinem nehmen!

Wo liegen für Sie die Grenzen des Humors?

Humor hat keine richtigen Grenzen. Wenn etwas «einfach vulgär und blöd ist», dann wird es, so glaube ich, auf Dauer nicht funktionieren. Man sollte bei vulgärem Humor nicht sofort wegschauen, sondern überlegen, ob im Witz ein tieferer Sinn steckt. Sobald Minderheiten in den Fokus gerückt werden, sieht es anders aus. Meiner Meinung nach sollte Satire von unten nach oben schlagen und nicht umgekehrt. Wer nun aber oben und wer unten ist, das muss der Satiriker jedes Mal von Neuem entscheiden. Grundsätzlich gilt: Je heikler das Thema ist, desto mehr Aufwand sollte er betreiben.

Fürchten Sie sich vor Shitstorms oder spornen diese Sie vielleicht gar an?

Natürlich wünsche ich mir keinen Shitstorm. Gäbe es aber einen, würde ich es sportlich nehmen und versuchen, daraus etwas Humorvolles zu kreieren. Ausserdem ist man als Mann, was derartige Rückmeldungen angeht, klar im Vorteil. Wenn ein Mann im Internet eine Meinung vertritt, wird praktisch nur die besprochen. Wenn das eine Frau macht, so meine Erfahrung, geht es schnell darum, ob sie «untervögelt» oder sonst irgendwie frustriert sei.

Sie sind es gewohnt, sich auf dünnem Eis zu bewegen. Wie gehen Sie mit Kritik um? Denken Sie, dass man sich als Komiker früher mehr erlauben konnte?

Kritik muss konstruktiv sein, dann nehme ich sie gerne an. Ich bin grundsätzlich immer unsicher, ob ich wirklich Recht habe und mache mir daher viele Gedanken, um keine falschen Informationen zu verbreiten, gerade bei heiklen Themen. Es ist wichtig, nicht einfach «Isch doch nur en Witz gsi» zu sagen. Ein Comedian muss Verantwortung für das Gesagte übernehmen, schliesslich hat er, nicht zuletzt im Internet, ein grosses Publikum. Die Hemmschwelle, sich über etwas zu beschweren, war früher sicherlich höher. Daher ist es unabdingbar, Kritik filtern zu können, gerade in den sozialen Medien, wo die Menge an Kommentaren extrem gross ist.

In Ihrem Programm «In der Kommentarspalte», mit dem Sie derzeit auf Tournee sind, geht es unter anderem um ebendiese. Schadet es unserer Gesellschaft, dass man dazu eingeladen wird, zu allem und jedem seine Meinung kundzutun?

Ja, zumindest, wenn es unkontrolliert passiert. In den Anfängen des Internets hat man oft nur das Positive gesehen, niemand übte laut Kritik daran. Nie stand die Frage im Raum, ob uns das Internet mit seinem grossen Ausmass nicht überfordert. Zudem hat niemand den Menschen beigebracht, wie man sich im Internet verhalten soll. Das wäre aber wohl nötig gewesen. Ein wichtiger Grund, wieso es in sozialen Medien so unzivilisiert zugeht, ist doch, dass man mit Texten kommentieren muss. Man denke an die Schule zurück: Wie viele haben wirklich gut oder nur schon gerne geschrieben? Auch debattieren ist eine hohe Kunst. Selbst Berufspolitikerinnen und -politiker tun sich damit schwer. Social Media Kompetenz sollte ein wichtiger Teil unserer Bildung sein.

Sie nehmen sich stets aktuellen, umstrittenen Themen an. Wie gehen Sie bei der Themenwahl vor?

Ich wähle nur Themen aus, die mich persönlich interessieren – glücklicherweise scheinen das auch andere spannend zu finden.
Kürzlich haben Sie über die Debatte um Waffenexporte berichtet.

Als Kolumnist bei «Watson» wenden Sie sich an eine junge Zielgruppe. Sehen Sie sich in der Verantwortung, jungen Menschen Politik näher zu bringen?

Nein, nicht wirklich. Es ist vielmehr ein positiver Nebeneffekt, wenn junge Leute durch mich ein Interesse für Politik entwickeln. Meine Beiträge können meinen Zuschauern sicherlich helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden oder Bestätigung für diese zu erhalten. Ich würde mir aber nicht auf die Fahne schreiben, ein Botschafter für junge Menschen zu sein.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Als Nächstes steht eine Sitzung mit Kabarettist Michael Elsener an, für die neue SRF-Satiresendung «Late Update», die im Januar auf Sendung geht. Darin werde ich wohl, wie schon in der Pilotfolge, als Korrespondent auftreten. Möglicherweise werde ich mich auch anderweitig in das Format einbringen, beispielsweise mit Schreibbeiträgen.

Wie steht es ihrer Meinung nach um Nachwuchstalente im Spoken-Word-Bereich? Haben Sie sich inzwischen von der Szene entfernt?

Die Spoken-Word-Szene und insbesondere Poetry-Slams geben Menschen eine Möglichkeit, ihre Texte vor Publikum auszuprobieren. Man kann auch beobachten, dass viele erfolgreiche Komiker aus der Szene stammen: Hazel Brugger, Gabriel Vetter oder auch ich zeigen, wohin Poetry-Slam führen kann. Da ich nur wenig Zeit habe, nehme ich selten an Slams teil. Ich werde jedoch eine Vorrunde der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften im November in Zürich moderieren.

Planen Sie, eines Tages wieder in die Ostschweiz, beziehungsweise nach Goldach zurückzukehren?

Ich plane es nicht, da ich kein ausgeprägtes Heimatgefühl habe. Ich bin ganz allgemein ein eher pragmatischer Typ. Ich sagte mal zu meiner Freundin, dass es keinen Grund gebe, nicht mit ihr zusammen zu sein. Meiner Meinung nach eine grosse Liebeserklärung, wenn man bedenkt, wie viele Gründe es gibt, nicht mit Menschen zusammen zu sein. Genauso verhält es sich mit der Ostschweiz – es gibt keinen Grund, nicht hierhin zurückzukehren.