Rekordwerte bei Neuzulassungen und Ansturm bei Grundkursen: Zahl der Töffschüler auf St.Galler Strassen nimmt zu

Wegen neuer Regelung gibt es einen Andrang bei Motorradgrundkursen. Doch mehr Fahrschüler bedeuten nicht mehr Unfälle, sagen Töfffahrlehrer aus der Region.

Yuliya Khandozhko
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Dieses Jahr gibt es mehr Schüler, die das Töfffahren direkt mit leistungsstarken Motorrädern lernen.

Dieses Jahr gibt es mehr Schüler, die das Töfffahren direkt mit leistungsstarken Motorrädern lernen.

Bild: Ralph Ribi

Die Chance, jetzt einen Töfflernfahrer in St.Gallen zu treffen, ist hoch. Denn nur noch bis Ende Jahr besteht die Möglichkeit, die schwere Töffprüfung mit Direkteinstieg zu machen.

Wer 25 Jahre oder älter ist, kann derzeit noch den Motorradführerschein in der Kategorie A machen, ohne die Leistung des Motors drosseln zu müssen. Jene, die einen Autoführerschein besitzen, können nach einer Schulung von zwölf Stunden und einer Fahrprüfung mit einem leistungsstarken Töff auf die Strasse.

Im Gegensatz dazu müssen 18- bis 24-Jährige zwei Jahre mit einem Motorrad mit beschränkter Leistung fahren. 2021 wird der Direkteinstieg abgeschafft. Dies ist Teil einer Gesetzesrevision.

Fahrlehrer vermuten Staueffekt wegen Corona

Naim Rafuna, Fahrlehrer bei Rafuna.ch

Naim Rafuna, Fahrlehrer bei Rafuna.ch

Bild: PD

Die Auswirkungen dieser Regeländerung spüren Töffschulen in der Stadt St. Gallen. Sie haben derzeit deutlich mehr Schüler über 25 Jahre. «Bei den Töffgrundkursen gab es in letzter Zeit einen regelrechten Boom», sagt Naim Rafuna, Fahrlehrer der Fahrschule Rafuna.ch.

Viele der befragten Motorradfahrlehrer vermuten zwar die Regeländerung als Grund für den Andrang, können aber nicht ausschliessen, dass auch Corona für einen Teil des Anstiegs verantwortlich ist.

Wegen der Coronaschutzmassnahmen mussten auch Fahrschulen den Betrieb einstellen. Während mehrerer Monate wurden keine Motorradgrundkurse durchgeführt. Dies könnte zu einem Staueffekt geführt haben: Bei der Wiedereröffnung der Fahrschulen meldeten sich sowohl jene für den Töffgrundkurs an, die dies ohnehin regulär vorhatten, sowie auch jene, die wegen Corona den Grundkurs nachholen mussten.

Rekordwerte bei den Neuzulassungen führen zu Run

Auch Zahlen des Bundesamtes für Strassen (Astra) implizieren mehr Töffschüler, und zwar aufgrund der Neuzulassungen. Da jeder Schüler ein Motorrad braucht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Grossteil der neuzugelassenen Töffs Lernfahrern gehört. Und die Zahl der Neuzulassungen im Kanton St.Gallen ist so hoch wie schon lange nicht mehr.

Dieses Jahr lag sie in vier von sechs Monaten über den Monatswerten der vergangenen drei Jahre:

Im Juni wurde mit 321 Neuzulassungen im Kanton St.Gallen sogar ein neuer Monatsrekord seit 2017 verzeichnet. Mit einem Mehr von 186 Zulassungen ist dies auch im Vergleich zum Vorjahr ein deutlicher Anstieg. Falls der Trend bis Ende Jahr anhält, werden 2020 im Kanton so viele Töffs zugelassen wie noch nie in den drei vergangenen Jahren:

Doch bedeuten mehr Lernfahrer auf den Strassen auch ein höheres Unfallrisiko und somit mehr Unfälle? Laut den befragten Fahrlehrern nicht unbedingt. Insbesondere nicht bei jenen Fahrschülerinnen und Fahrschülern, die den Direkteinstieg machen.

Erfahrungen der Lehrer zeigten, dass der grösste Teil der Schüler über 25 vernünftig genug sei, sich auf einem ungedrosselten Töff anständig zu verhalten. Fahrlehrer Walter Moser sagt:

Walter Moser, Fahrlehrer

Walter Moser, Fahrlehrer

Bild: PD
«Mit 130 PS kann man fliegen oder normal fahren – die Entscheidung liegt beim Fahrer.»

Laut Daniel Koster von der Fahrschule Stardrive, gehe das grössere Gefahrenpotenzial von Autofahrern aus. Diese würden häufig die Geschwindigkeit der Töfffahrer unterschätzen.

Erfahrungen auf leichteren Motorrädern sammeln

Daniel Koster, Fahrlehrer bei der Fahrschule Stardrive

Daniel Koster, Fahrlehrer bei der Fahrschule Stardrive

Bild: PD

Zudem verursachen laut Fahrlehrer Koster eher jüngere Töfffahrer einen Unfall – wegen der höheren Risikobereitschaft. Dies steht aber im Widerspruch zu einer weiteren Gesetzesänderung. Das Mindestalter bei den Führerscheinkategorien für Motorräder der 125er-Klasse und Kleintöffs werden gesenkt, von 18 auf 16 Jahre, sowie von 16 auf 15 Jahre.

Damit gelten in der Schweiz dieselben Regeln wie in der EU. Im Gegensatz dazu gibt es in einigen EU-Ländern weiterhin den Direkteinstieg. Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Astra, sagt auf Anfrage, die Schweiz harmonisiere ihre Vorschriften mit der EU soweit, wie sie dies für sinnvoll erachte.

Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Bundesamts für Strassen (Astra)

Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Bundesamts für Strassen (Astra)

Bild: PD

Da die Zahl der Schwerunfälle bei Motorradfahrern weiterhin hoch ist und die Fahrerfahrung ein wichtiger Faktor zur Senkung des Unfallrisikos sei, habe man sich für die Abschaffung des Direkteinstiegs entschieden. Rohrbach sagt:

«Die Motorradfahrer sollen zuerst Erfahrungen auf leichteren Motorrädern sammeln, bevor sie die grossen Maschinen fahren dürfen.»